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Region Knabenchor Hannover singt Mahler in Amsterdam
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01:15 27.02.2019
Doppelte Mahler-Tradition: Marc Albrecht. Quelle: Marco Borggreve
Amsterdam

 Der Bühneneingang des altehrwürdigen Concertgebouws in Amsterdam gleicht einem Blütenmeer. Der Florist, der die Blumen für die Künstler beim Schlussapplaus bringt, hat heute für eine Großlieferung gesorgt: Mehr als ein Dutzend Sträuße bringen das Gestell an die Kapazitätsgrenze, auf dem er Abend für Abend die Blumen abstellt. So sieht man schon beim Betreten des Hauses, dass große Dinge bevorstehen.

Knabenchor Hannover singt Mahler in Amsterdam

Gustav Mahlers achte Sinfonie hat bei der Uraufführung 1910 wegen der gigantischen Zahl an Mitwirkenden den Beinamen „Sinfonie der Tausend“ bekommen. In Amsterdam gebietet nun der Dirigent Marc Albrecht über solche Massen. Blumen bekommen dabei auch acht Solisten und die Leiter von fünf Chören.

Prominente Solisten

Für eine der wegen des gewaltigen Aufwands seltenen Aufführungen des Werkes wird auch ein Knabenchor benötigt. In Amsterdam war nun der Knabenchor Hannover mit von der Partie. Dass man sich im Concertgebouw entschieden hat, gerade dieses Ensemble zu engagieren, liegt aber nicht an der Vergangenheit des Dirigenten, die das vermuten lassen könnte: Marc Albrecht ist schließlich in Hannover geboren, sein Vater ist der ehemalige hannoversche Generalmusikdirektor George Alexander Albrecht.

Seit 2011 leitet der 54-Jährige die Niederländische Philharmonie und die Niederländische Oper in Amsterdam als Chefdirigent. Für den Knabenchor aber begann die Reise nach Holland in Paris: Auf einer Fachmesse vor einem Jahr wurden dort unabhängig vom Dirigenten die Kontakte geknüpft, die zu dem prestigereichen Gastspiel führten. Für Albrecht war das Ensemble aus der Heimat eine freudige Überraschung.

An der Liste der übrigen Mitwirkenden, auf der Opernstars wie Klaus Florian Vogt und Camilla Nylund neben Rundfunkchören aus Köln und Leipzig sowie dem London Symphony Chorus stehen, lässt sich ablesen, welches Renommee der hannoversche Knabenchor in der Musikwelt hat. Die Qualität der jungen Sänger auch im Konzert zu bemerken, ist da schon etwas schwieriger: An vielen Stellen mischen sich ihre Stimmen mit dem sehr großen Ganzen dieser Sinfonie. Wo sie aber allein zu hören sind, sorgen sie mit ihrer besonderen Klangfarbe, die sich zwischen den gewaltigen Erwachsenenchören fast überirdisch ausnimmt, für Momente der Verzauberung.

Komplizierte Einstimmigkeit

Knapp ein halbes Jahr haben sich die Knaben auf den Auftritt in Amsterdam vorbereitet. Sie singen in der Sinfonie fast nur einstimmig, erklärt Chorleiter Jörg Breiding – einfach sei der Part deshalb aber nicht. „Die Lange ist ungewöhnlich tief für Knaben“, sagt er. Außerdem sei es für die Sänger schwierig, nach längeren Pausen wieder den richtigen Einsatz zu finden. Gemeinsam mit den Kindern der Koorschool St. Bavo Haarlem meisterten die hannoverschen Knaben diese Herausforderungen im Konzert bestens.

Für den Dirigenten Albrecht, der Amsterdam 2020 nach zehn Jahren verlassen wird, gibt es schon beim ersten Auftritt viel Jubel – er ist hörbar beliebt in der Stadt. Dazu dürfte auch sein Interesse für Gustav Mahler beitragen: Im Concertgebouw gibt es eine lange und bedeutende Aufführungstradition von dessen Musik, die mit dem Mahler-Vertrauten Willem Mengelberg ihren Anfang nahm und von Dirigenten wie Bernhard Haitink und Hartmut Haenchen weiterentwickelt wurde. Bei Albrecht kommt noch eine zweite, private Traditionslinie dazu: In Deutschland gehörte sein Vater zu den ersten Dirigenten, die sich sehr stark für den damals wenig gespielten Komponisten eingesetzt haben.

Mit einer exemplarischen Aufführung der so schwer zu bändigenden „Sinfonie der Tausend“ ist Albrecht nun diesen doppelten Erwartungen seiner Amsterdamer Mahler-Mission gerecht geworden. Bei aller Wucht und Klanggewalt, die dieses Stück entwickelt, kann er eine gewisse Leichtigkeit bewahren und der Musik immer wieder etwas fabelhaft Schwebendes verleihen. Davon profitiert auch der Knabenchor, der sich zumindest in seinen prominenten Passagen wie auf Händen getragen fühlen kann.

Im Publikum ist am Ende auch der 84-jährige George Alexander Albrecht zufrieden. Die Reise zu Mahlers Achter, an der er sich selbst achtmal erprobt hat, scheint sich für ihn gelohnt zu haben: Wenn er über die Interpretation seines Sohnes spricht, leuchten seine Augen wie die eines Knaben.

Von Stefan Arndt

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