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00:17 20.03.2019
„Ich bekenne Ihnen ohne Umschweife, dass ich mich dann und wann als Mädchen fühle“: Devid Striesow liest Robert Walser. Quelle: Michael Wallmüller
Hannover

Unzeremoniell betritt Devid Striesow die große Bühne des Schauspiel: Die Saalbeleuchtung ist noch nicht gedimmt, den halben Weg zu seinem Lesetisch mit dem Wasserglas hat er schon zurückgelegt, als das Publikum mitbekommt, dass der Schauspieler schon anwesend ist. „Ich bekenne Ihnen ohne Umschweife, dass ich mich dann und wann als Mädchen fühle“ ruft er, lächelt leicht verschmitzt und setzt sich in seine Leseposition, um den Rest des Entfremdungsmonologes aus Robert Walsers „Der Räuber“ zu lesen.

Zehn Texte und Textausschnitte des deutsch-schweizerischen Schriftstellers Robert Walser liest Striesow an diesem Abend, neben dem Ausschnitt aus „Der Räuber“ auch je einen aus den Romanen „Jakob von Gunten“ und „Geschwister Tanner“, dazu viele kürzere, in sich geschlossene Miniaturen und Beobachtungen, sodass sich ein kleiner, aber doch aussagekräftiger Querschnitt aus dem Werk des hochnervösen und zu Angszuständen und Halluzinationen neigenden Schriftstellers ergibt, der seine Hauptwerke zwischen 1898 und 1933 schrieb.

Ein dunkler Kern

Die Texte, die Striesow verliest, sind auf Pointe und Unterhaltung ausgewählt – tragen aber, wie es bei Walser meistens der Fall ist, neben Witz und Charme auch einen dunklen Kern aus Selbstzweifel in sich. Der Ausschnitt aus „Jakob von Gunten“ erzählt den Beginn einer eigenartig verqueren Rivalität zweier Schüler einer Dienerschule, von denen einer den anderen gerne triezt. In einem Textausschnitt, der sich mit den Reflexionen eines Vierjährigen vor dem Geschäft seiner Eltern befasst, sagt der vierjährige Ich-Erzähler, der zu klug für sein eigenes Wohl ist, über sich: „Ich halte von meinem Begriffsvermögen schon ziemlich viel.“

Die meisten Lacher aber holt sich Striesow mit einem Text namens „Die Wurst“ ab, seitenlangen Reflexionen in Ich-Perspektive über eine zu schnell gegessene, nun für immer verlorene Wurst, die in einen Teufelskreis aus Selbstkritik der eigenen Sündhaftigkeit münden: „Geheime Begehren! Ihr habt mich meiner Wurst beraubt.“

Kongenialer Erzähler

Striesow nimmt sich dabei in einem Programm, mit dem er unregelmäßig deutschlandweit auftritt, stark zurück. Der als saarbrückener Tatort-Kommissar Jens Stellbrink sowie aus zahlreichen Kinofilmen bekannte Schauspieler trägt schwarz, sodass er fast mit dem Hintergrund verschmilzt, und spricht über die Texte hinaus kaum einen Satz. Den Texten allerdings dient er sich kongenial als Erzähler an – jeder Text hat seine eigene Erzählstimme, seine eigene Erzählstimmung, die Striesow als Vorleser für das Publikum aus ihnen herausholt.

Besonders deutlich wird das in Walsers Texten, die in einer Ich-Perspektive geschrieben sind, was bei Walser oft heißt, dass es es sich um Rollenprosa handelt, meistens aus der Sicht eines Arbeiters oder anderer sozial niedrig gestellter Figuren. Bei diesen Texten bemüht sich Striesow darum, nicht nur Erzähler zu sein, sondern eben auch erzählende Figur. So scheint immer auch die Tragik im Subtext von Walsers Texten durch – auch wenn der Fokus des Abends eher auf Walsers Witz liegt. Dem Publikum gefällt es – es klatscht Striesow, der sich redlich bemüht hat, hinter den Texten zu verschwinden, noch zu einer Zugabe heraus.

Am Mittwoch, 27. März, 19.30 Uhr liest Corinna Harfouch unter dem Titel „Die Nachtigall des Zaren“ aus dem Lebensbericht des Kastraten Filippo Balatri (1682-1756). Sie wird begleitet von Hubert Wild (Countertenor) und Stefan Maass (Laute).

Von Jan Fischer

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