Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur So ist die „Fesche Lola“ im Schlosstheater Celle
Nachrichten Kultur So ist die „Fesche Lola“ im Schlosstheater Celle
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:18 10.09.2018
Männerverschlingender Vamp: Natascha Heimes als Marlene Dietrich mit Dirk Böther (links) vor Moritz Arings Jazzband. Quelle: Foto: Hubertus Blume
Celle

Ausgerechnet Zarah Leander verschafft dieser biografischen Bühnenrevue über Marlene Dietrich im Schlosstheater Celle die einprägsamsten Momente. Wie ein böser Geist schwebt sie im Halbdunkel durch eine Szene im Truppenkino des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Gintas Jocius verkörpert Leander als düsteren Schunkeldämon des Propagandafilms und trifft damit genau den richtigen Ton zwischen historischem Kommentar und grotesker Übersteigerung.

Wuchtiger Stoff

Regisseur Andreas Döring setzt in der Uraufführung seiner Theaterbearbeitung der Doppelbiografie „Fesche Lola, brave Liesel“ auf eine überbordende Vielfalt von Bühnenformaten, Tonfällen und Handlungsdetails. Nicht alle Szenen gelingen so dicht wie die um Leander. Der Stoff ist allemal wuchtig: Heinrich Thies hat für sein Buch unter demselben Titel (Hoffmann & Campe, 416 Seiten, 24 Euro) die Lebensgeschichten Marlene Dietrichs und ihrer Schwester Elisabeth gegeneinandergestellt.

Die eine beginnt früh eine internationale Filmkarriere, geht in die USA und engagiert sich gegen das nationalsozialistische Deutschland. Die andere folgt ihrem opportunistischen Mann in die Nähe des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, wo beide für die im Lager stationierten Soldaten eine Kantine und ein Kino betreiben. Dietrich vermag ihre Schwester zwar nach dem Krieg vor Konsequenzen zu bewahren, verleugnet sie aber zeitlebens, um ihr Image nicht zu gefährden.

Die Geschichte hat in Celle Lokalbezug: Bergen-Belsen liegt keine 25 Kilometer entfernt. Sie schlägt einerseits einen zeitgeschichtlichen Bogen von den Zwanziger- bis in die Siebzigerjahre und hallt so zwangsläufig in den Erinnerungen der meisten Theaterbesucher wider. Andererseits erzählt sie ausgiebig von der Schuld des Wegesehens im Angesicht von Demokratieverlust und Barbarei – und ist damit hochaktuell.

Döring inszeniert das historische Geflecht als dreistündige Episodenrevue mit 39 Szenen und viel Musik. Er zeigt Groteske, Boulevardkomödie, Dokumentartheater und Drama zugleich. Das wirkt hin und wieder überladen. Die sieben Darsteller seines Ensembles gleichen dabei in zahlreichen Rollen vieles mit großer Spielfreude und überraschender Musikalität aus. Im Weg stehen ihnen jedoch oft allzu plakative Texte.

Polarisierende Szenenfolge

Döring lässt die beiden ungleichen Biografien prototypisch und polarisierend aufeinanderprallen. Leider erklärt er dabei zu viel. Die Inszenierung vermag das mit ihrer rasanten Szenenfolge und leichtfüßigen Stimmungswechseln auszugleichen. Daran haben die anspruchsvollen Arrangements einer Jazzband um den Saxofonisten Moritz Aring großen Anteil, die mitreißend historische Kompositionen und zeitgenössischen Sound verbinden.

Die Darstellung von Marlene Dietrich durch Natascha Heimes bleibt lange auf eine männerverschlingende Abenteurerin reduziert, die durch Zufall und Intuition auf die moralisch unverfänglichere Seite der Weltgeschichte gerät. Die alternde Diva zwischen Egomanie, Lügen und Selbstbetrug gelingt Heimes jedoch hervorragend. Wenn sie am Ende das melancholische „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ singt, steckt darin die Zerrissenheit einer ganzen Generation.

Nächste Aufführungstermine: 11. bis 15. September, jeweils 20 Uhr.

Von Thomas Kaestle

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der britische Regisseur Stephen Langridge ist ein Star in der internationalen Opernszene – nun inszeniert er zum ersten Mal in Deutschland: „Tristan und Isolde“ an der Staatsoper Hannover.

13.09.2018

In Minden ist eine sachliche Version von Wagners „Götterdämmerung“ zu sehen – und setzt neue Maßstäbe.

13.09.2018

Freudig blasphemisch: Schauspiel-Star Lars Eidinger liest in Hannover Liebesgedichte von Thomas Brasch – und kann den Blick kaum von den Texten lassen

10.09.2018