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Kultur So war das Tanzfestival 2018
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14:52 09.09.2018
Getanzte Gleichung: „Hidden in plain sight“ der Gruppe Hungry Sharks. Quelle: Foto:Emilia Milewska
Hannover

Geraume Zeit treten sie auf der Stelle oder trotten schlurfenden Schrittes, mit hängenden Köpfen und hoch gezogenen Schultern über die Bühne. Doch dann plötzlich bilden die zwei Männer und zwei Frauen eine Polonaise. Gemeinsam geht es voran. Ausgelassen schnellen nun die Arme himmelwärts, die Körper sind aufgerichtet, die Bewegungen raumgreifend. Dann erlischt das Licht für ein paar Sekunden und als es wieder angeht, liegt eine Frau wie leblos am Boden. Die anderen stehen vollkommen erstarrt um sie herum. „Das Ende ist nah“, verkündet wenig später eine Computerstimme aus dem Off. „Zum Glück“, mochte sich da so mancher Besucher im ausverkauften Saal der Musikhochschule gedacht haben.

Die letzte der zehn Vorstellungen von Tanztheater International ist äußerst unbequem. Der italienische Choreograf Roberto Castello fordert nicht nur die Tänzer seiner Formation „Aldes“, sondern auch das Publikum. Schöne Schauwerte, bei denen sich der Zuschauer entspannt zurücklehnen kann, sind Castellos Sache nicht. Er macht seit 35 Jahren politisches Tanztheater.

Getanzte Kapitalismuskritik

Schon der Name seines jetzt zum Abschluss des zehntägigen Festivals Tanztheater International gezeigten Stücks „In girum imus nocte et consumimur igni“ (aus dem Lateinischen übersetzt etwa „Wir gehen in der Nacht herum und werden von Flammen verzehrt“) deutet darauf hin, dass es sich um eine hochkomplexe Produktion handelt. Der Titel geht auf den gleichnamigen Film des französischen Kapitalismuskritikers Guy Debord zurück, der Konsum einst als „Inszenierung falscher Bedürfnisse“ anprangerte.

Festival zählt knapp 3000 Besucher

Die Bilanz kann sich sehen lassen: Mit einer Auslastung von rund neunzig Prozent war auch die 33. Ausgabe von Tanztheater International wieder ein Publikumserfolg. Festivalleiterin Christiane Winter und ihr Organisationsteam zählten an den zehn Vorstellungsabenden knapp 3000 Besucher. Zu sehen gab es elf Produktionen, darunter vier Uraufführungen und drei Produktionen, die erstmals in Deutschland gezeigt wurden, darunter auch das international gefeierte Stück „Show“ von Hofesh Shechter. Das Festival ist abermals seinem Anspruch treu geblieben, Einblick in die Formenvielfalt des zeitgenössischen Tanzes zu gewähren. Soli, Duette und große Ensembleauftritte bestimmten das Bühnengeschehen an mehreren Spielorten. So auch dem Schauspielhaus. Winter ist nach ersten Gesprächen mit den designierten Intendantinnen Laura Berman (Oper) und Sonja Anders (Schauspiel), die 2019 nach Hannover kommen, zuversichtlich, dass es auch künftig Kooperationen geben wird. Das bislang mit dem Staatsballett zusammen initiierte und vom Publikum sehr gut angenommene Nachwuchsprojekt „Think Big“ mit Uraufführungen junger Choreografen, fällt für nächstes Jahr lediglich aus organisatorischen Gründen aus. kh

Das klingt kompliziert und ist es bei Castello nicht minder: Zu einem hypnotischen Rhythmus eines gleichförmigen, metallisch klingenden Sounds geht das Licht im Minutentakt an und aus. In den dunklen Phasen formiert sich die Gruppe stets neu. Auch der Lichteinfall wechselt: Mal projiziert ein kalter Strahl Quadrate und Rechtecke, die Türen und Fenstern gleichen. Mal mutet es an, als ob Mondlicht durch Jalousien oder Gitterstäbe sickert. Dadurch entsteht ein faszinierendes Zusammenspiel von Raum, Zeit und Bewegung. Alles in streng geometrischen Formen, in denen die Tänzer gefangen sind. Zum Ende hin werden ihre Bewegungen schneller und wilder. Und doch können sie nicht ausbrechen, bleiben Gefangene ihrer Träume, Wünsche und Sehnsüchte. So viel Düsternis und Schwere lässt manchen im Publikum leise stöhnen und unruhig auf seinem Sitz herumrutschen. Der Großteil aber zollt dieser Inszenierung lang anhaltenden Beifall. Das Publikum bei Tanztheater International liebt Aufführungen, die mit konventionellen Sehgewohnheiten brechen. Davon gibt es traditionell viele Produktionen bei dem Festival unter Federführung von Christiane Winter.

Der Einfluss des Streetdance

So hat Winter in den vergangenen Jahren auch dem Urban Dance, speziell dem Hip-Hop eine Bühne geboten. Aus ihrer Sicht gehört dieser Tanz, der auf den Straßen am Rande von Metropolen wie Paris oder New York seinen Ursprung hat, zum zeitgenössischen Repertoire. Immer mehr Choreografen lassen sich vom Streetdance und seinen vielen Unterarten beeinflussen. Entsprechend groß ist mittlerweile die Bandbreite der Arbeiten. Dieses Jahr boten Kyle Abraham aus New York, die französische Company Black Sheep und der Österreicher Valentin Alfery mit seiner Formation Hungry Sharks drei sehr unterschiedliche Tanzerlebnisse. Während Abraham Ausdruckstanz mit Hip-Hop-Elementen mischt, ist der Ansatz von Saido Lehlouh von Black Sheep eher assoziativ und poetisch. Alferys Truppe dagegen vermittelte mit „Hidden in plain sight“ einen technischen Zugang. Fast wirkte die von repetitiven Bewegungen dominierte Vorstellung der zwei Frauen und zwei Männer in der Orangerie Herrenhausen wie eine vertanzte mathematische Gleichung und damit auch ein wenig zu kontrolliert und glatt für diesen Tanzstil, dessen Wurzeln in der Improvisation liegen. Doch schließlich wurden auch mit dieser von den Zuschauern gefeierten Vorstellung Sehgewohnheiten auf den Kopf gestellt.

 

Von Kerstin Hergt

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