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"Man muss an Wunderwelten glauben können"

50 Jahre "Hänsel und Gretel" im Opernhaus "Man muss an Wunderwelten glauben können"

Seit einem halben Jahrhundert geht die Märchenoper Hänsel und Gretel im Opernhaus über die Bühne. Was macht den Reiz dieser Produktion aus? Was hat sich geändert, was ist gleich geblieben? Die „Spielzeit“ hat sich in den einzelnen Abteilungen umgehört.

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Hänsel und Gretel steht seit der Premiere der Inszenierung am 4. Oktober 1964 auf dem Spielplan.

Quelle: Thomas M. Jauk

„Bei ‚Hänsel und Gretel‘ herrscht eine besondere Stimmung im Zuschauerraum, auf und hinter der Bühne“, sagt Kammersängerin Carola Rentz - und sie muss es wissen. Seit 1978 hat sie als Hänsel und später viele Jahre als Mutter auf der Bühne gestanden. „Das Stück, das Bühnenbild, die Musik … es stimmt alles. Es ist einfach ein Märchen.“ Die Märchen der Brüder Grimm sind zeitlos und werden seit Generationen gelesen und vorgelesen. Ähnlich sieht es Carola Rentz im Opernhaus: „Trotz unserer Hektik, trotz aller technischen Neuheiten erleben wir in ‚Hänsel und Gretel‘ unverändert Kindheit und Fantasie auf der Bühne.“ Die Märchenoper als Gegenentwurf zur modernen Gesellschaft ist keine neue Wahrnehmung. Schon 1964 war im Programmheft zu lesen: „Man muss an die Hexe glauben, sonst jubelt das Herz nicht, wenn sie im Backofen verschwindet und Gretel die Tür zuschlägt. Man muss glauben können an die Wundergestalten von Mythos und Märchen. Wie viele können es noch in der Nüchternheit unserer städtischen Zivilisation!“

Regisseur Steffen Tiggeler (1931-2013) und sein Bühnenbildner Walter Gondolf (1912-1989) haben eine bewusst zeitlose Produktion auf die Bühne gebracht - vermutlich ein Grund dafür, warum sie die Zeitläufe überdauerte, von keinem der sechs Opernintendanten seit 1964 abgesetzt wurde und bis heute ein begeistertes Publikum findet.

Das ist Tradition: die Bühnentechnik

Einmal, aus Anlass der 300. Vorstellung 1997, ist das Bühnenbild komplett renoviert worden. Dabei wurden behutsame Änderungen vorgenommen - das Hexenhaus etwa bekam zusätzlich zu Lebkuchen noch ein paar farbenfrohe Smarties angeklebt. Außerdem, so Bühnenmeister Klaus Kreiensen wurden technische Abläufe modernisiert. Zum Beispiel beim berühmten Hexenritt, wenn die Hexe aus dem Schornstein herausfliegt und dann zweimal auf ihrem Besen die Bühne kreuzt. „Als ich 1987 im Opernhaus angefangen habe, mussten wir die Hexe noch per Hand ziehen. Jetzt lösen wir einen Sandsack aus, der durch sein Gewicht die Hexe gleichmäßig über die Bühne zieht.“ Die Hexe ist dabei nicht der echte Sänger, sondern wird durch drei Puppen dargestellt, die sich auch schon mal auf der Bühne getroffen haben: „In einer Vorstellung blieb die erste Hexe im Schornstein stecken, und die anderen beiden trafen sich in der Mitte und haben sich vertüddelt. Dann trat noch der Sänger auf, und wir hatten vier Hexen auf der Bühne …“ Dies blieb in 50 Jahren aber die absolute Ausnahme.

Auch einen anderen Trick verrät der Bühnenmeister: „Auf der linken Bühnenseite spielt der Ofen, in den die Hexe hineingestoßen wird. Darin sitzt ein Kollege der Bühnentechnik und tritt den Ofen auseinander, wenn er die Explosion hört.“ Und wer muss das übernehmen? „Schon als ich anfing, machten das immer die jüngsten Techniker. Das ist Tradition.“ Tradition ist ein Wort, das in vielen Gesprächen mit Opernhaus-Mitarbeitern fällt, wenn es um „Hänsel und Gretel“ geht. „Das ist unsere älteste Vorstellung und bei allen am beliebtesten“, sagt Klaus Kreiensen.

Seit einem halben Jahrhundert geht die Märchenoper "Hänsel und Gretel" im Opernhaus über die Bühne.

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Skizzen auf Packpapier: aus den Werkstätten

In den Theaterwerkstätten in der Maschstraße gibt es einen Schrank mit den technischen Zeichnungen, nach denen die Bühnenbilder gebaut werden. Hier liegt die Mappe von „Hänsel und Gretel“ ganz oben, über „Madame Butterfly“ (1980) und „La Bohème“ (1999). Auf großen Bögen Packpapier hatte Bühnenbildner Walter Gondolf die Bühnenbildteile gezeichnet, auf kleinen Zetteln Skizzen von Pilzen, Farnen und Lebkuchen abgegeben. Tischler Hubert Sommer staunt: „Echt irre, mit wie wenig Informationen die damals einfach losgebaut haben. Mit einer einzigen Zeichnung haben sie das zusammen gezimmert.“ Heute werden technische Zeichnungen am Computer erstellt, statische Berechnungen vorgenommen und der Materialbedarf im Voraus berechnet.

Gemalte Projektionsplatten: die Beleuchtungsabteilung

„Das waren noch richtige Künstler“, sagt auch der dienstälteste Oberbeleuchter Ulrich Moiser, wenn er von den Projektionen erzählt, die auf das Bühnenbild geleuchtet werden, um den Wald geheimnisvoller zu machen. „Die Projektionsplatten wurden von den Bühnenbildnern selber gemalt, heutzutage läuft das alles mit Fotos.“ Beleuchter Jürgen Moshage fügt hinzu: „Das ist alte Theaterkunst, wo mit wenig Mitteln viel Effekt erzeugt wird. Das kriegt man heute kaum noch zu sehen.“ Auch bei der Beleuchtung wurden zwar ein paar Scheinwerfer ausgetauscht, und die Explosion des Ofens, früher von einem Waffenmeister mit einer Schreckschuss-Pistole akustisch untermalt, hat inzwischen ein „Pyro-Effekt“ übernommen. Aber sonst sind die beiden im besten Sinne konservativ: „Wir wehren uns mit Händen und Füßen, wenn jemand versucht, an diesem Stück etwas zu verändern. Die ganze Technik sagt: Das ist unser Stück.“ Und sie berichten noch von der schönen Sitte, dass auf die Rückwand des Elternhauses auf der Bühne seit 1964 alljährlich eine Zeichnung oder einfach nur das Datum geschrieben wird, als Gruß an die Kollegen über all die Jahre.

Kekse, Mandeln, Lebkuchen: die Requisiten

„Mit ‚Hänsel und Gretel‘ kommt bei jedem auf der Bühne Weihnachten an“, meint Roland Kaczmarek, Leiter der Requisite, und Kollege Gerald Reuter ergänzt: „Da haben alle gute Laune, das ist gut für das Betriebsklima.“ Das Stück sei auch deshalb bei den Kollegen sehr beliebt, weil es auf der Bühne Kekse, Mandeln und Lebkuchen gibt. Die vier echten Lebkuchen am Hexenhaus werden seit Jahren von der Holländischen Kakaostube gebacken und von der Requisite vor jeder Vorstellung angebracht. Dass nichts davon übrig bleibt, dafür sorgen die Mitglieder des Kinderchores nach der Vorstellung.

Auch die Requisite ist mit dem Hexenritt beschäftigt: „Die Hexe zaubert am Anfang den Besen herbei, den wir ihr zuwerfen. Das ist eine heikle Geschichte, denn die Hexe wird von Scheinwerfern geblendet. Auf ein bestimmtes Stichwort werfen wir, da steigt der Adrenalinspiegel jedes Mal.“ Ansonsten sind auch Mobiliar und Requisiten noch original, farblich ein bisschen aufgefrischt und in Schuss gehalten. Nur die alte Mettwurst ging im letzten Jahr kaputt - da musste nach 49 Jahren eine neue gemacht werden.

Die Kostüme: Haken, Ösen, Patina

Seit 36 Jahren sorgt Damenschneiderin Birgitt Ziegert für die Kostüme von „Hänsel und Gretel“. Bis auf die Kleider der Engel, die 1997 neu gemacht wurden, spielen noch die Originalkostüme mit. Damit die zahlreichen Sängerinnen und Sänger über die Jahre die Kostüme tragen konnten, sind viele mit Haken und Ösen versehen, so dass sie enger und weiter, kürzer und länger gemacht werden können. Außerdem werden sie von den Garderobieren im Opernhaus gepflegt: „Man sieht es den Kostümen an: Sie sind sehr gelebt, man möchte fast sagen: geliebt. Diese Patina kriegt man so nicht drauf. Man könnte heute keine neuen Kostüme nachnähen, sie wären immer ein Fremdkörper.“ Eine Herausforderung sind deshalb auch Gretels Wollsocken, selbstgestrickt von Birgitt Ziegert. „So etwas kann man nicht kaufen. Wenn die kaputt gehen, müssen wir nach passender Wolle suchen. Und in so einem Fall stricken wir dann auch gerne selber.“ Und auch wenn es Mühe macht, den schnell wachsenden und sich von Jahr zu Jahr verändernden Kinderchor mit den vorhandenen Kostümen passend einzukleiden, freut sich Birgitt Ziegert: „Die Produktion ist ein Schätzchen. Und wenn die Garderobieren mit den frisch gewaschenen Blusen zum Bügeln nach oben kommen, dann wissen wir: Es ist bald wieder Weihnachten.“

Goldstaub überall: die Sängerin Carmen Fuggiss

Auch Sopranistin Carmen Fuggiss, die seit mehr als 20 Jahren als Gretel auf der Bühne steht, kennt ein untrügliches Anzeichen für die „Hänsel-Zeit“: Goldstaub. „Den goldenen Sand, mit dem uns das Sandmännchen zum Einschlafen bestreut, hat man den ganzen Dezember immer und überall. Ich finde ihn in meinem Bett, auf dem Sofa, auf dem Teppich …“ Und wenn Hänsel und Gretel eingeschlafen sind, kommt für Carmen Fuggiss der schönste Moment des Abends: „Es erwischt uns manchmal beim Abendsegen, dass wir anfangen zu heulen. Ich blinzle immer nach den Engeln und schaue, wie sich der Vorhang für sie öffnet - das ist eine Belohnung für die Anstrengungen des ersten Teiles.“ Denn wenn auch die Märchenoper von Engelbert Humperdinck ein beliebtes Einsteigerstück für Kinder ist, ist sie doch für Sänger nicht zu unterschätzen: „Man braucht auch viel Kraft in der Stimme. Die Kinderlieder „Brüderlein, komm, tanz mit mir“ und „Suse, liebe Suse“ kommen darin vor, sind aber nur ein paar Minuten in einem Sog von zwei Stunden, wo es mit einem großen Orchester oft sehr spätromantisch und nachwagnerianisch zugeht.“

Alles live: die Musik

Apropos Orchester: Der Kuckuck kommt - anders als an anderen Opernhäusern - in Hannover nicht vom Band, sondern tönt als ein Instrument: extra angefertigt aus zwei Orgelpfeifen und von einem Schlagzeuger auf der Seitenbühne gespielt. Und die Tonabteilung ist auch sonst kaum beschäftigt: „Das Stück läuft ohne uns. Der Kuckuck, das Echo oder der Knall des Ofens - das wird alles live gemacht“, erklärt Bernhard Helmdorf, Leiter der Tonabteilung. Und live spielt natürlich auch das groß besetzte Orchester unter der Leitung verschiedener Dirigenten. Die Musik hat nicht nur Richard Strauss begeistert („Ein Meisterstück erster Güte!“, schrieb er 1893), sondern auch viele Dirigenten: Immer wieder war „Hänsel und Gretel“ ein „Chefstück“, das der Generalmusikdirektor selbst dirigierte, sei es George-Alexander Albrecht oder Wolfgang Bozic.

Viele Menschen haben in den vergangenen 50 Jahren auf und hinter der Bühne an „Hänsel und Gretel“ mitgearbeitet. Egal, wen man fragt - fast jedem fällt eine Anekdote dazu ein. Sei es der Schumacher, der für eine Schuhreparatur auf die Bühne kam und dann eine halbe Stunde im Hexenhaus gefangen war; sei es die Bratschistin aus dem Orchester, in deren erster Vorstellung 1977 Glatteis herrschte und demzufolge das halbe Orchester fehlte; seien es die Mitglieder aus dem Kinderchor, deren Erinnerungen im Opernjournal „seitenbühne“ nachzulesen sind. Regelmäßig fallen Namen derjenigen, die besonders eng mit der Produktion verbunden sind: Spielleiter Charles Ebert, der seit 34 Jahren die Produktion von Regieseite betreut und alle Sänger seitdem eingearbeitet hat, und Sänger wie William Forney und Gertraud Wagner als legendäre Hexen, Carola Rentz und Wolfram Bach als Elternpaar oder Sopranistin Camilla Nylund, die heute in Salzburg, Wien und Bayreuth singt, in Hannovers „Hänsel und Gretel“ aber nur als Sand- und Taumännchen auf der Bühne stand. Wer vom Publikum seine Erinnerungen aus den letzten 50 Jahren aufschreiben möchte, ist herzlich eingeladen, dies in einem „Hänsel und Gretel“-Gästebuch während der Vorstellungen im Foyer des Opernhauses zu tun. Für zwölf Vorstellungen öffnet sich in diesem Jahr der rote Samtvorhang.

Swantje Köhnecke

Wiederaufnahme: Sonntag, 30. November

Weitere Vorstellungen: Dienstag, 2. Dezember; Sonnabend, 6. Dezember; Donnerstag, 11. Dezember; Freitag, 12. Dezember; Sonntag, 14. Dezember; Dienstag, 16. Dezember; Sonntag, 21. Dezember; Freitag, 26. Dezember; Sonntag, 4. Januar.

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