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Alles hat seinen Preis

Staatsoper Hannover: Der Besuch, Ballett von Jörg Mannes, Uraufführung Alles hat seinen Preis

Aus Friedrich Dürrenmatts abgründiger Komödie „Der Besuch der alten Dame“ schuf Jörg Mannes sein neues Ballett Der Besuch.

Hannover. Eine „tragische Komödie“ nennt Friedrich Dürrenmatt sein Schauspiel „Der Besuch der alten Dame“, das den Schweizer Autor Mitte der 1950er Jahre weltbekannt macht. Jörg Mannes legt das starke Stück seinem neuen Ballett zugrunde und fügt damit seinen choreografischen Frauenporträts ein weiteres hinzu. Nach der Marquise de Merteuil in Choderlos de Laclos’ „Gefährliche Liebschaften“, Emma Bovary in Gustave Flauberts „Madame Bovary“ und Camille Claudel in „Der Kuss“ steht jetzt Kläri Wäscher alias Claire Zachanassian im Zentrum. Wieder eine Frau, die jede bürgerliche Norm sprengt - hier allerdings so außerordentlich und unerbittlich wie eine antike Rachegöttin.

„Claires Reichtum überwindet alles. Er macht sie unangreifbar. So kann sie sich in einer Konsequenz rächen, die keinem Normalsterblichen möglich wäre“, erläutert Jörg Mannes. „Eine solche Figur fordert eine reife Darstellerin, ebenso wie die Rolle des Ill eine erfahrene Besetzung verlangt. Zum Glück habe ich entsprechende Tänzer im Ensemble. Mit Cássia Lopes und Denis Piza zeigte sich in den Proben einmal mehr, dass beide nicht nur technisch hoch versiert sind, sondern dass sie auch über die notwendige Lebenserfahrung verfügen, um diese Herausforderung zu meistern.“

Dürrenmatts Komödie ist zugleich eine bittere Gesellschaftsstudie. Das schuldhafte Handeln der Bürger in Claires Heimatort erscheint fast begreiflich, denn es rührt aus dem unbedingten Wunsch der Befreiung aus Armut und Verzweiflung. „Diese Gemeinde ist eine Summe aus Individuen“, betont Mannes. „Da hat jeder sein eigenes Hirn. Das muss man bei der Umsetzung in die Sprache des Balletts erhalten, und genau darin liegt das Interessante für mich. Ich kann den Darstellern Rollen geben, zu denen sie eine tatsächliche Affinität haben. Aber die Übertragung des Schauspiels in ein anderes Medium gibt uns auch die Freiheit, die Vorlage dem Tanz und die Figuren den Tänzern anzupassen.“

Jörg Mannes legt Wert darauf, dass sein Ballett - ebenso wie die literarische Vorlage - nicht in einer bestimmten Zeit, an einem konkreten Ort verankert ist: „Schon in meiner Musikauswahl, die sehr speziell und filmisch ist, klingen ganz unterschiedliche Zeiten und Stile an. Das ist kaum zu lokalisieren und tönt fast disparat. Aus demselben Ansatz, eine Allgemeingültigkeit zu erreichen, kommt die Zeichenhaftigkeit des Bühnen- und des Kostümbildes. Also: Jede Ähnlichkeit mit Lebenden oder Toten ist rein zufällig und nicht beabsichtigt.“

Brigitte Knöß

DER BESUCH

Ballett von Jörg Mannes nach „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt

Musik von Giovanni Allevi, Craig Armstrong, Max Richter, David Wenngren u. a.

Choreografie:

Jörg Mannes

Bühne: Florian Parbs

Kostüme: Inge Medert

Licht: Susanne Reinhardt

Dramaturgie: Brigitte Knöß

Ballett der Staatsoper Hannover

Uraufführung am 14. Mai 2016

Die Story

Claire Zachanassian hält jeden für käuflich. Es komme lediglich darauf an, wie viel man biete. Geld genug hat sie, doch der Wohlstand ist ihr nicht in den Schoß gefallen.

Früher hieß sie Kläri Wäscher und liebte Alfred Ill. Damals nennte er sie „mein Zauberhexchen“. Sie nennt ihn „Panther“ – und wird von ihm schwanger. Sie denkt an Heirat, aber Ill hat andere Vorstellungen. Er plant seinen sozialen Aufstieg durch die Hochzeit mit einer reichen Kaufmannstochter. Deshalb muss er Kläri loswerden. Er bestreitet seine Vaterschaft und bekommt Recht zugesprochen – mithilfe bestochener Zeugen. Aus dem Heimatort verjagt bringt Kläri ihr Kind allein zur Welt. Die Verhältnisse sind hart. Sie gibt nicht auf, schlägt sich als Hure durch. Mehrfache Heirat und Witwenschaft bringen ihr Milliarden ein. Sie wird Claire Zachanassian, die reichste Frau der Welt. Sie kennt das Leben, ist gerissen, ausdauernd – und sie vergisst nicht. Ihr Geld verschafft ihr Reputation und Macht. Die Grande Dame weiß damit umzugehen.

Über Jahre hat sie mit Kalkül ihren Heimatort in den Ruin getrieben. Nun tritt sie als Retterin auf. Sie bietet 500 Millionen für die Stadt und 500 Millionen für die Bürger. Man feiert sie als Gönnerin, freut sich auf den bevorstehenden Wohlstand. Doch als Claire ihre Bedingung nennt und Ills Tod fordert, schlägt ihr Entrüstung entgegen. Allerdings weiß sie um die Verführbarkeit der Bürger, die Gier. Claire hat Zeit. Sie wartet.

Einer nach dem anderen beginnt, Schulden zu machen – im Hinblick auf die bevorstehende Stiftung. Keiner redet von dem Mord, der vor dem Geldregen steht. Man legt Ill nahe, sich zu opfern. Er lehnt ab. Claire beobachtet und wartet.

Die Bürger schließen sich zusammen – im Namen der Gerechtigkeit. Ill muss fallen – im Namen der Wiedergutmachung. Gemeinsam machen sie sich schuldig. Claires Rechnung geht auf. Sie zahlt. Freude herrscht über das Glück in kommendem Wohlstand. Alle preisen die Gönnerin. Madame Zachanassian reist ab.

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