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Rätselhafte Innenwelten

„Der Traumgörge“ in der Staatsoper Rätselhafte Innenwelten

Nachts träumen wir alle. Manch einer aber träumt mit offenen Augen, in der U-Bahn oder – meist zum Ärger von Vorgesetzten – während der Arbeit. Dass Tagträume überlebensnotwendig sein können, zeigt Alexander Zemlinskys Opernrarität „Der Traumgörge“ im Opernhaus.

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Von einer Traumgestalt überwältigt: der Traumgörge (Robert Künzli).

Quelle: Thomas M. Jauk

Hannover. Es ist die Zeit um die Wende zum 20. Jahrhundert, der österreichische Komponist Alexander Zemlinsky schreibt seine Oper „Der Traumgörge“ in zwei Akten und einem Nachspiel. Wien erlebt in jenen Jahren des sogenannten Fin-de- Siècle eine kulturelle Blüte, Sigmund Freud und seine Schüler machen sich an die systematische Erforschung der Träume. Sie entziffern unterbewusste seelische Vorgänge, durch Symbole und Bilder lassen sich Erlebnisse und Situationen des Alltags verarbeiten. Die ungesteuerte nächtliche Hirnaktivität wird zu einem Faszinosum auf dem Gebiet von Literatur, Theater und Musik. Auch Görge, der Titelheld in Zemlinskys Oper, verarbeitet in seinen Träumen die Ablehnung, die er erfährt, und seine Ängste. Görges Welt sind Bücher, er ist regelrecht in seine Traumprinzessin verliebt, die ihm am Bach erscheint. Allerdings soll er Grete heiraten, eine bodenständige junge Frau, die sich von ihm mehr Realitätssinn wünschen würde. Doch Görge sehnt sich danach, in die Welt hinauszuziehen. Er weiß, dass er hier nicht akzeptiert wird, und Grete viel lieber den starken Hans heiraten würde, ein gestandenes Mannsbild. Und so läuft er vor seiner Hochzeit davon, bricht auf in die Welt und will sein Lebensmärchen Wirklichkeit werden lassen.

Doch dieser Plan scheitert: Nach der Flucht strandet er als ausgebrannter Trinker in einem anderen Dorf, wieder ist Görge ein Außenseiter. Ein Lichtblick: Rädelsführer eines Aufstands gegen „die da oben“ versuchen ihn zu überreden, sich ihnen anzuschließen. Doch der Preis dafür ist hoch: Görge muss mit Gertraud, die im Dorf als Hexe verschrien ist, brechen. Mit ihr hat er eine Genossin im Leid gefunden; sie spendet ihm Trost. Rechtzeitig erkennt Görge die blinde Aggression der Aufrührer und die Sinnleere seines Strebens nach märchenhaften Abenteuern. Als er sich also weigert, Gertraud zu verlassen, bekommen sie beide durch den wütenden Mob zu spüren: Auf dieser Welt bleibt kein Raum für Außenseiter und für Träume.

Ablehnung und Hass gegenüber Fremden und dem „Establishment“ sind auch heute spürbar, Erfahrungen wie diese ziehen sich wie ein roter Faden auch durch das Leben des Komponisten Alexander Zemlinsky: Wien erlebt in jenen Jahren erste Pogrome gegen jüdische Bürger und Künstler, eines der prominenten Opfer ist Hofoperndirektor Gustav Mahler, der Zemlinsky mit der Komposition des „Traumgörgen“ beauftragt hatte. Mahler verlässt Wien, sein Nachfolger Felix Weingartner nimmt die in Proben befindliche Oper aus dem Spielplan. Zemlins-ky selbst muss einige Jahre später vor den Nationalsozialisten in die USA flüchten, wo er verstirbt, ohne jemals die Uraufführung seines Werks zu erleben. Bis 1980 verschwindet das Werk in den Archiven und ist seither erst drei Mal inszeniert worden.

Der junge Regisseur Johannes von Matuschka lässt mit seinem Team Zemlinskys klangsinnliche Komposition auf der Bühne lebendig werden: den rauschhaft-träumerischen ersten Akt in einer rätselhaften Innenwelt voller poetischer Märchenmomente und alptraumhafter Bilder, die Görges Bedrängung durch Dorfbewohner erlebbar machen. Dichter, düsterer wird es sowohl musikalisch als auch szenisch im gewaltgeschwängerten zweiten Akt. Einen dritten Akt gibt es nicht, stattdessen zeigt Zemlinskys „Nachspiel“ Gertraud und Görge vereint mit den Dorfbewohnern des ersten Aktes: Eine kryptische Situation, deren Doppelbödigkeit sich auch in Zemlinskys vielschichtiger Musik wiederfindet, die in der Tradition von Richard Wagner und insbesondere Gustav Mahlers steht. Bühnenbildner David Hohmann und Kostümbildner Amit Epstein erschaffen für von Matuschka eine Welt zwischen träumerischem Surrealismus und alptraumhafter Realität, in der Görges Schicksal beweist, wie überlebenswichtig - auch heute - das Utopische unseres Träumens ist.

Von Christopher Baumann

Der Traumgörge

DER TRAUMGÖRGE Oper von Alexander Zemlinsky Libretto von Leo Feld

Einführungsmatinee : Sonntag, 3. April, 11 Uhr, Laves-Foyer

Premiere : Sonnabend, 16. April, 19.30 Uhr, Opernhaus

Musikalische Leitung: Mark Rohde, Inszenierung: Johannes von Matuschka, Bühne: David Hohmann, Kostüme: Amit Epstein, Licht: Elana Siberski, Choreinstudierung: Dan Ratiu, Dramaturgie: Christopher Baumann

Görge: Robert Künzli, Gertraud: Kelly God/ Brigitte Hahn, Grete: Solen Mainguené, Hans: Christopher Tonkin, Prinzessin: Dorothea Maria Marx, Kaspar: Stefan Adam, Mathes: Tobias Schabel, Züngl: Latchezar Pravtchev, Marei: Carmen Fuggiss, Wirt: Edward Mout, Wirtin: Corinna Jeske

Chor der Staatsoper Hannover Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

Karten und weitere Informationen unter staatstheater-hannover.de

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