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Detlev Glanert inszeniert Caligula musikalisch

Staatsoper Hannover Detlev Glanert inszeniert Caligula musikalisch

Die Staatsoper Hannover zeigt eine der bedeutendsten Opernschöpfungen der vergangenen Jahre, ihre Titelfigur geht auf eine berühmt-berüchtigte Gestalt der Antike zurück. Mit dem Komponisten Detlev Glanert sprach die „Spielzeit“ über menschliche Abgründe und abgründige Akkorde.

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Detlev Glanert.

Quelle: Iko Freese

Hannover. Herr Glanert, in Ihrer Oper „Caligula“ greifen Sie auf einen historischen Stoff zurück. Handelt es sich um eine Historienoper?

Nein, das ist durch und durch eine Gegenwartsoper. Das Historische ist nur die Verkleidung, das Metaphorische, hinter dem sich ein zentrales Problem unserer Zeit verbirgt.

Schon für Camus, auf dessen Schauspiel das Textbuch zurückgeht, war Caligula eine Metapher für Erscheinungen wie Hitler und Stalin. Es geht um das Phänomen von Staatsdiktaturen im heutigen Sinn.

Trotzdem handelt es sich bei dem römischen Kaiser ja um eine historische Figur. Was hat Sie an dieser interessiert?

Mich hat an dieser Figur interessiert, dass sie eben keine historische ist. Es geht nicht um den Caligula der Antike, von dem wir ja relativ wenig wissen. Man weiß nur, dass Rom unter seiner Regierung zunächst zwei der besten Jahre erlebt hat, dann aber plötzlich zwei der schrecklichsten.

Dieser merkwürdige Bruch hat schon die Zeitgenossen fasziniert, und sie haben die historischen Fakten mit Klatsch und eigenen Zutaten angereichert, sodass das Bild dieses Diktators sehr unscharf geblieben ist. Camus aber benutzt diese Figur, um den Mechanismen moderner Staatsdiktaturen auf die Spur zu kommen, vor allem Stalin und Hitler. Und uns interessieren Erscheinungen wie Pol Pot oder die Diktaturendynastie in Nordkorea.

Camus zeichnet Caligula in sehr differenzierter Weise als einen verletzten Menschen, dessen Einsicht in den schlechten Zustand der Welt ihn zum menschenverachtenden und verzweifelten Monster macht. Fast könnte man Sympathien für ihn entwickeln.

Das Schockierende und gleichzeitig Faszinierende an dem Ansatz von Camus ist, dass er Caligula von Anfang an entdämonisiert, trotz des Schreckens, den er verbreitet. Das Problem bei der Auseinandersetzung mit solchen Erscheinungen wie Hitler und Stalin ist ja ihre Dämonisierung, die sie uns entrückt, als hätten wir nichts mit ihnen zu schaffen. Wir müssen uns aber der Tatsache stellen, dass das Menschen aus unserer Mitte waren, zwar deformiert, sei es durch ihre Sozialisation, durch Kriegserlebnisse oder andere Traumata, aber eben Menschen. Das hat nicht das Geringste mit der Entschuldigung ihrer Taten zu tun. Aber ein tieferes Verständnis für solche Phänomene ist die Voraussetzung für Wachsamkeit gegen derartige Entwicklungen auch in der Zukunft.

Camus hat einen solchen Menschen mit Schwächen geschildert, nicht um seine Fehler zu verkleinern, sondern um zu zeigen, dass er aus unserer Mitte kommt und kein Monster von einer anderen Welt ist. Das macht die Sache sehr viel beunruhigender.

Welche Musik entspricht einem solchen Sujet?

In „Caligula“ wollte ich zum ersten Mal alle Musik aus der Perspektive einer einzigen Figur schreiben, der Sicht der Titelfigur. Dafür habe ich einen 27-tönigen Akkord entworfen, der sozusagen Caligulas Physis symbolisiert. Er ist so konstruiert, dass sich ausgehend vom tiefsten Register größer und kleiner werdende Intervalle über ihm aufbauen. Er dehnt sich gewissermaßen aus, bläht sich auf, zieht sich zusammen. Dabei kann man ihn umkehren, stauchen oder auseinander ziehen. Es gibt wohl keine Note in der Oper, die nicht von diesem Akkord abgeleitet ist.

Ich habe hier mit großer Lust alle möglichen Verfahren der Zweiten Wiener Schule, die ja inzwischen historisch geworden sind, angewandt. Und das ist auch eine von vielen Traditionen, die mir mein Lehrer Hans Werner Henze nahegebracht hat.

Henze hat sich in seinen frühen Jahren einerseits an der Wiener Schule orientiert, aber sich zugleich in der Tradition der deutschen Sachlichkeit und des deutschen Expressionismus gesehen. Er hat beide Strömungen aufgenommen und dabei auch einen großen Schluck Italien genommen, das tut der deutschen Musik so wahnsinnig gut. Und diesen Schluck durfte ich dann auch genießen. Ich empfinde mich als Komponist nicht als revolutionär oder umstürzlerisch, denn ich beziehe mich gern und in vielfältiger Weise auf die verschiedensten musikalischen Traditionen, ohne sie zu kopieren.

Noch einmal zurück zur Titelfigur: Welcher Art von Mensch begegnen wir in Ihrer Oper?

Was Caligula uns auf der Opernbühne vorführt, ist eine Mischung aus purer Gewalt, aus Spaß, aus Pflichtverantwortung oder was er dafür hält, aus absurder Logik, die dennoch für ihn Logik bleibt, und aus erklärten Staatszielen, um das Glück der Menschheit zu gewährleisten.

Ein Kernsatz des Stücks wie Caligulas „Wenn das Geld Bedeutung hat, dann hat der Mensch keine“ ist ja kaum zu widerlegen. Aus dieser Verbindung aber von Brutalität, Egozentrik, Glücksverheißung, Wahrheit, Unwahrheit, Logik und Unlogik entstehen Staatsdiktaturen, entsetzliche Zustände des Terrors und viele Tote. Aber wir sehen auch die große Trauer vor dem Nichts, das Gefangensein im ewigen Kreislauf des Untergangs, die selbstzerstörerische Einsamkeit der Bestie.

Informationen zu „Caligula“

Oper in vier Akten von Detlev Glanert (2006)

Libretto von Hans-Ulrich Treichel

Nach dem gleichnamigen Schauspiel von Albert Camus

Musikalische Leitung: Karen Kamensek, Inszenierung: Frank Hilbrich, Bühne: Volker Thiele, Kostüme: Gabriele Rupprecht, Licht: Susanne Reinhardt, Choreinstudierung: Dan Ratiu, Dramaturgie: Klaus Angermann,

Caligula: Ralf Lukas, Caesonia: Khatuna Mikaberidze, Helicon: Owen Willetts, Cherea: Per Bach Nissen, Scipio: Mareike Morr, Mucius: Latchezar Pravtchev, Mereia/Lepidus: Frank Schneiders, Livia: Carmen Fuggiss

Chor der Staatsoper Hannover

Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

Einführungsmatinee 4. Januar, 11:00 Uhr, Laves-Foyer

Premiere 17. Januar, 19:30 Uhr

Weitere Vorstellungen 24., 30. Januar, jeweils 19:30 Uhr

Von Klaus Angermann

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