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Die Straße wird zum Revier: Romeo und Julia als Bandenkrieg

Staatsoper Hannover, Premiere: West Side Story von Leonard Bernstein Die Straße wird zum Revier: Romeo und Julia als Bandenkrieg

An der Staatsoper Hannover hat Leonard Bernsteins Musical-Klassiker West Side Story Premiere. Eine moderne Liebestragödie unter gewaltbereiten Jugendlichen.

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Ihre Liebe trotzt allen Widerständen: Tony (Michael Pflumm) und Maria (Stella Motina).

Quelle: thomas m. jauk

Hannover. Five, six, seven, eight!“ - acht Tänzer fliegen in Formation diagonal über die Bühne der Staatsoper Hannover. Mit nahezu selbstverständlicher Leichtigkeit zeigen die Jets, wer hier auf der Straße das Sagen hat. Keiner will sie, also suchen sie sich selbst ihren Ort; die Gang ist ihre Familie, die Straße ihr Revier. Ist man ein Jet, dann ist man nie alleine, nie ohne Schutz. Ausladend sind ihre Dominanzgesten, brachial ihr Territorialverhalten - wer nicht zu ihnen gehört, ist gegen sie und wer gegen sie ist, der hat schlechte Karten.

Die Konfrontation bleibt nicht lange aus: Die von Bernardo angeführten puerto-ricanischen Jugendlichen - die Sharks - stehen den Jets feindselig gegenüber. Nur einer hat sich aus jenem Verbund von Halbstarken ein wenig gelöst: Tony. Als einstiger Mitbegründer der Jets wird er von seinem Freund Riff nochmals aufgefordert, seinen Jungs beizustehen. Während die miteinander verfeindeten Gangs auf einer Party endlich einen Austragungsort für ihren alles entscheidenden Kampf um die Vorherrschaft auf der Straße festlegen wollen, begegnet Tony Maria, der jüngst in New York eingetroffenen Schwester Bernardos. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Verzaubert von ihrem Wesen, will Tony den Kampf verhindern, gerät jedoch zwischen die Fronten.

Als Riff von Bernardo erstochen wird, tötet Tony im Affekt Marias Bruder. Die Tragödie scheint unaufhaltsam, Tony wird von der Polizei gesucht und von den Puerto-Ricanern gejagt. Bei seinem väterlichen Freund und Arbeitgeber Doc findet er Zuflucht, doch das Schicksal kennt kein Erbarmen: nachdem Tony und Maria ihre Flucht geplant haben, gerät Anita in die Fänge der Jets. Die Trauer um ihren Verlobten Bernardo und ihre Freundschaft zu Maria bringen Anita in einen Gewissenskonflikt, der sich erst auflöst, als ihr Gewalt angetan wird. Entgegen ihrer ursprünglichen Intention, Tony zu warnen und ihm eine Botschaft Marias zu überbringen, schleudert Anita ihren Peinigern entgegen, dass Chino Maria erschossen habe. Tony fällt dieser Intrige zum Opfer, verlässt sein Versteck und wird in dem Moment getötet, als er Maria auf offener Straße wiedersieht. Marias Liebe droht in Hass umzuschlagen. Als Botschaft ihres 1957 uraufgeführten und aktualitätsbezogenen Musicals schwebte den Erfindern der „West Side Story“ die Abkehr von Rache und Vergeltungssucht und damit der Ausstieg aus einer sinnlosen Gewaltspirale vor.

Als Initiator gilt der Regisseur und Choreograf Jerome Robbins, der Bernstein die Idee zu einer gemeinsamen Musical-Produktion vorschlug. Bis zum heutigen Tag sind Leonard Bernsteins Melodien „Maria“, „Tonight“ und „America“ äußerst populär. Um die rivalisierenden Banden kompositorisch voneinander abzugrenzen, wählt Bernstein die Stilrichtung des Progressive Jazz als musikalischen Fingerabdruck für die Jets sowie lateinamerikanische Rhythmen für die Sharks. Meisterhaft gelingt der Wechsel zwischen heiteren und tragischen Szenen, in denen das Schicksalder Jugendlichen auf dem Spiel steht. Die tragische Geschichte über Toleranz und Akzeptanz orientiert sich an Shakespeares Tragödie „Romeo und Julia“.

Musicalexperte Matthias Davids versteht es, in seiner Inszenierung die Charaktere dieses zeitlosen Stoffs herauszuarbeiten und gemeinsam mit seinem Choreografen Simon Eichenberger auf der Bühne zum Leben zu erwecken. Das Bühnenbild von Mathias Fischer-Dieskau ist schlicht und zugleich hochkomplex, die detailreichen Kostüme hat Susanne Hubrich entworfen. Die Geschichte spielt im New York der 1950er-Jahre, doch das Thema bleibt aktuell: die Ressentiments zwischen ethnisch unterschiedlichen Gruppen und ein aus Chancenlosigkeit, Frust sowie Ablehnung resultierendes Gewaltpotenzial unter Jugendlichen.

Steffi Mieszkowski

Musikalische Leitung Joseph R. Olefirowicz Inszenierung Matthias Davids Choreografie Simon Eichenberger Bühne Mathias Fischer-Dieskau Kostüme Susanne Hubrich Licht Susanne Reinhardt Dramaturgie Steffi Mieszkowski

Tony Michael Pflumm Maria Stella Motina Anita Carmen Danen Riff (Anführer der Jets) Dennis Henschel Bernardo (Anführer der Sharks) Taddeo Pellegrini u.v.a.

Ballett der Staatsoper Hannover

Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

WEST SIDE STORY

Musical von Leonard Bernstein

Nach einer Idee von Jerome Robbins

Buch von Arthur Laurents

Gesangstexte von Stephen Sondheim

Deutsche Fassung von Frank Thannhäuser und Nico Rabenald

Premiere

29. September, 19.30 Uhr, Opernhaus

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