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Schauspielhaus Lehman Brothers Lehman Brothers Schauspielhaus: Lehman Brothers, Aufstieg und Fall Die Welt als Kasino

Die Familiensaga der Lehman Brothers kommt im Schauspielhaus auf die Bühne.

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Rainer Frank, Christian Bayer und Frank Wiegard (von links nach rechts) vom Ensemble „Lehman Brothers“

Quelle: Katrin Ribbe

Hannover. Keiner hatte es sich vorstellen können. „Too big to fail“ dachte die Welt, doch tatsächlich musste am 15. September 2008 die viertgrößte Investmentbank der USA, Lehman Brothers, die Türen schließen. Auf dem Konto: 660 Milliarden Dollar Schulden. Zuletzt beliefen sich ihre Verluste auf 384 000 Dollar pro Minute und keiner konnte diesen Sturz mehr stoppen. Die Geschäfte, die sie getätigt hatte, betrafen alle Lebensbereiche und waren längst von derartigen Volumina, dass sie nur noch von künstlichen Gehirnen bewältigbar waren. In unfassbarer Geschwindigkeit rechneten Algorithmen Kurse, Preise, Tendenzen, tätigten Käufe und Verkäufe nach der Grundformel: Investition von Geld, um Geld zu machen und so Kapital für weitere Wertschöpfung zu akkumulieren. Viel zu spät erkannten die Akteure in dem Unternehmen und am Markt die unaufhaltsame Entwicklung.

Das Ende von Lehman Brothers wird das Drama für die gesamte Finanzbranche, weltweit müssen in der Folge Regierungen mit Milliarden und Abermilliarden ihre nationalen Banken retten. Der Bankrott ist Ausdruck eines Systems, das derart abstrakt und monströs geworden ist, dass es nicht mehr nachvollzieh- und beherrschbar ist. What went wrong?

Der italienische Theatermacher und Autor Stefano Massini recherchierte mehrere Jahre in der Firmengeschichte der Lehman Brothers. Worauf er stieß, hätte die Filmindustrie Hollywoods nicht besser erfinden können, um den Inbegriff des amerikanischen Traums zu erzählen. Die Geschichte beginnt im Jahre 1844 in New York. Heyum Lehmann kommt im Hafen New Yorks an, im Gelobten Land Amerika. Aufgebrochen war er aus Rimpar in Bayern. Sein Vater war ein jüdischer Viehhändler. Nur den Erstgeborenen jüdischer Familien war es dort gestattet Grundbesitz zu erwerben. Sowohl wirtschaftliche als auch politische und gesellschaftliche Diskriminierung weckten den Wunsch nach Auswanderung. Viele der deutschen Auswanderer waren männlich, jung, unverheiratet und arm. Um seinem Leben eine Perspektive zu geben, schloss sich Heyum Lehmann auf dem Höhepunkt der Auswanderungsbewegung ihr an und machte sich auf den Weg in das verheißungsvolle Amerika, seine jüngeren Brüder holte er wenige Jahre später nach.

Mit geliehenem Geld eröffnete er in Montgomery/Alabama einen Tuch- und Gemischtwarenladen. Sein Überlebensinstinkt war enorm, aus jeder Katastrophe die ihm widerfuhr, entwickelte er ein neues Geschäftsmodell. Sein ganzes Leben reduzierte er auf Formeln. Bald verkauften die Lehmans, wie sie sich nun nannten, nicht nur Stoff, sondern handelten mit dem Rohstoff Baumwolle, dem Gold Alabamas. Sie kauften die Ernten der Plantagen im Süden und verkauften die Ware in den Norden. Nach dem Bürgerkrieg verlegten sie den Firmensitz nach New York, handelten mit Kaffee und Erdöl, investierten in die Eisenbahn, die Rüstungs- und Unterhaltungsindustrie, begründeten die Börse an der Wall Street. In nur drei Generationen wurde aus dem kleinen Geschäft in Alabama eine der größten und einflussreichsten Investmentbanken der Welt.

Massini vollzieht diese Entwicklung nach und entwirft anhand dieser Familiensaga das Bild einer ganzen Epoche, deren Credo es war - unabhängig von irgendeiner moralischen Bewertung -, alles in eine Gleichung umzuformulieren. Keine andere Art des Wirtschaftens hat in der Geschichte so viel Wert produziert, hat so viel materiellen Wohlstand hervorgebracht. Es ist die Epoche des Kapitalismus, von seinen Anfängen bis zu seinem - zumindest vorläufig ideologischen - Ende, seiner pervertierten Form, die die ganze Welt zum Kasino erklärt hat, in dem nur noch auf Entwicklungen gewettet wird, auf alles, auch von Rohstoffen, Lebensmitteln, gesundheitlichen Entwicklungen, Auf- und Abstiegen. Zuletzt hatte eine Abteilung der Lehman Brothers auf den eigenen Untergang gewettet, um damit wieder Geld zu generieren.

Unaufgeregt, angereichert mit einem enormen Faktenwissen, in Form eines Langgedichtes, erzählt der Autor die Geschichte der drei Lehman-Brüder und ihrer Erben, macht nachvollziehbar, wie sich eine Idee verselbstständigt, deformiert in Maßlosigkeit und Gier. Den Crash lässt er aus. Er ist ohnehin in unser aller Köpfe.

Judith Gerstenberg

Mit: Christian Bayer, Rainer Frank, Carolin Haupt, Silvester von Hösslin, Janko Kahle, Isabel Tetzner, Frank Wiegard

Lehman Brothers

Aufstieg und Fall einer Dynastie von Stefano Massini

Premiere

14. Mai, 19.30 Uhr, Schauspielhaus, anschl. Premierenfeier im Foyer und in der Cumberlandschen Galerie

Preview: 12. Mai, 19 Uhr, Schauspielhaus

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