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Ein Labyrinth aus Zeiten und Räumen

Staatsoper Hannover Ein Labyrinth aus Zeiten und Räumen

Kay Voges, Intendant des Schauspiels Dortmund, inszeniert an der Staatsoper Hannover Webers „Freischütz“ als multimedialen Diskurs über die „deutsche Nationaloper“.

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Schauspielerin Eva Verena Müller (Samiel) im neuen „Freischütz“.

Quelle: thomas m. jauk

Hannover. Bis heute gilt Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ als „deutsche Nationaloper“. 1821 in Berlin uraufgeführt - in einer Zeit, in der in der preußischen Hauptstadt die italienische Oper, vertreten durch den königlichen Generalmusikdirektor Gaspare Spontini, sozusagen eine Monopolstellung hatte - wurde „Der Freischütz“ sofort von der jungen deutschen Nationalbewegung vereinnahmt. Das fiel umso leichter, weil Weber schon vorher in seinen Männerchören seine patriotische Gesinnung zu erkennen gegeben hatte.

Richard Wagner, in dessen frühen Werken der Nachhall Webers unüberhörbar ist, setzte in der Folgezeit ein für die weitere Rezeption nachhaltiges Zeichen, als er 18 Jahre nach Webers Tod die Überführung von dessen sterblichen Überresten von London nach Dresden veranlasste. Seitdem ist das Werk mit den entsprechenden Attributen des deutschen Waldes, biedermeierlicher Idylle und schwarzer Schauerromantik zu einem Denkmal deutscher Identität und deutscher Kultur geworden - ungeachtet der Tatsache, dass Webers Musik ohne den Einfluss der französischen Oper, speziell der Opéra comique, kaum denkbar ist.

„Finstere Mächte“ in der angstbeladenen Welt

Freilich verbirgt sich hinter der romantischen Fassade aus Hörnerklang, Jägergesängen und innigen Gebeten eine höchst beunruhigende und angstbeladene Welt. Die Geschichte vom Jägerburschen Max, dessen Prüfungsangst ihm die Treffsicherheit raubt und ihn zu schwarzer Magie treibt, beginnt ohnehin wenig erbaulich als öffentliches Mobbing und zeigt eine Gesellschaft, in der der Schwache zum willkommenen Opfer der Meute wird. „Finstere Mächte“ umgarnen Max also schon, bevor er sich in die Wolfsschlucht aufmacht, und die gottesfürchtige Emphase des Eremiten, der am Schluss als Deus ex Machina das glückliche Ende herbeiführt, eutet lediglich darauf hin, dass die Angst auch danach der stetige Begleiter dieser Gesellschaft bleiben wird, die eben deshalb solch frommer Predigten bedarf. „Wer kein Vaterland hat, erfindet sich eins“ Dass Weber und sein Librettist Friedrich Kind die Handlung, die sie einem kurz vorher erschienenen Buch mit Schauergeschichten entnahmen, in die Zeit „kurz nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges“ verlegten, also in eine auch damals schon ferne Vergangenheit, ist nicht allzu wörtlich zu nehmen. Bereits die Zeitgenossen Webers erkannten die Bezüge zur Gegenwart, die auch eine von einer nationalen Wiedergeburt träumende Nachkriegswelt war. Und solange die nationale Einheit nicht verwirklicht war, träumte man eben im Medium der Kunst, was einen freien kritischen Geist wie Ludwig Börne schon 1822 zu der scharfzüngigen Analyse veranlasste: „Wer kein Vaterland hat, erfinde sich eins. Die Deutschen haben es versucht auf allerley Weise, sie haben es mit deutschen Röcken, mit den Nibelungen, mit der deutschen Malerschule versucht, und seit dem Freyschützen thun sie es auch mit der Musik. Sie wollen einen Hut haben, unter den man alle deutschen Köpfe bringe. Man mag es den Armen hingehen lassen, daß sie sich mit solchen Vaterlandssurrogaten gütlich thun.“ „Der Freischütz“ war das Identifikationsmodell einer Gesellschaft, die sich schwer damit abmühte, sich als Nation zu definieren – und er ist es bis heute. Wer sich mit dieser Oper beschäftigt, stößt unweigerlich auf die Frage, welche Bedeutung der Begriff der Nation in unserer Gegenwart hat, den ein merkwürdiges und Misstrauen erweckendes Pathos umgibt. Derartiges Pathos findet heute bei denjenigen zunehmend Anklang, die auf ihren Veranstaltungen mit verklärtem Blick auf ein Tausendjähriges Reich auch schon mal die erste Strophe des Deutschlandliedes anstimmen und den Begriff im Sinne einer Abgrenzung von allem Fremden und dem Ideal einer geschlossenen Gesellschaft okkupieren. Je komplexer die Welt sich entwickelt, desto mehr sehnt sich die Dummheit nach simplen Weltbildern. Jenseits davon droht das Chaos aus der Wolfsschlucht. Ein Narr im Gestrüpp ?seiner Ideen Mit Webers „Freischütz“ erarbeitet der Regisseur Kay Voges, seit 2010 Intendant des Schauspiels Dortmund, nach seinem fulminanten Dortmunder „Tannhäuser“ seine zweite Opernregie. Der an die Oper herangetragene Anspruch des nationalen Kunstwerks, das ein einheitliches und widerspruchsfreies Bild von der Welt liefern soll, ist der Ausgangspunkt seiner Inszenierung. Genau dieser Anspruch aber wird problematisiert und in Zweifel gezogen. Für Voges ist Samiel – bei Weber der schwarze Jäger mit seiner geheimnisvollen manipulativen Macht – die zentrale Figur: ein Künstler, der sich auf groteske Weise an der Aufgabe der „Nationaloper“ abarbeitet, vergleichbar der mythologischen Figur des Sisyphos, der trotz der Vergeblichkeit seiner Unternehmung unbeirrbar an ihr festhält, und insofern auch der leidenschaftliche Narr, der im Gestrüpp seiner Ideen Orientierung sucht und nicht findet. Der Versuch einer zusammenfassenden Weltschau scheitert jedoch an den Widersprüchen und Reibungen der realen Welt. Mit irritierenden Bildern, die der deutschen Geschichte, aber auch der Gegenwart entnommen sind, führt die Inszenierung in ein Labyrinth unterschiedlicher Zeiten und Räume, die sich einer Einheit verweigern und dennoch ein Netzwerk bilden. Aus der Reibung gewinnt die Inszenierung ihre Energie – und die Oper ihre Aktualität. An der Schnittstelle von Theater und Film Mit dem „Freischütz“ setzt Kay Voges seine Arbeit an der Schnittstelle von Theater und Film- und Videokunst fort. Neben dem Bühnenbildner Daniel Roskamp und den Kostümbildnerinnen Mona Ulrich und Theresa Mielich steht ihm ein Video- und Livekamerateam zur Seite. Dieses wird geleitet von Voxi Bärenklau, einem der engsten Mitarbeiter von Christoph Schlingensief. Bärenklau war als Kameramann und Lichtdesigner an vielen Kino- und TV-Filmen beteiligt, unter anderem an dem Film „Gangs of New York“ von Martin Scorsese und mehreren Filmen von Helge Schneider. Der Einsatz der technischen Bildmedien trägt der Veränderung unserer Wahrnehmung Rechnung. In der digitalen Moderne ist die Welt nicht mehr eindimensional; eine lineare Erzählweise kann die Gleichzeitigkeit der auf uns einströmenden Informationen nicht mehr erfassen. Was Kay Voges schon in seinen Schauspielinszenierungen erprobt hat, wird er nun auf die Opernbühne übertragen: Der Aufhebung der im Theater immer noch vorherrschenden Zentralperspektive der Guckkastenbühne setzt er die „Demokratisierung des Blickes“ entgegen.

Klaus Angermann

Musikalische Leitung: Karen Kamensek ?Inszenierung: Kay Voges Bühne: Daniel Roskamp Kostüme: Mona Ulrich Kostüm-Mitarbeit: Theresa Mielich Licht: Susanne Reinhardt Video: Voxi Bärenklau Livebildschnitt: Lennart Laberenz Kamera: Vlad Margulis, Jan Voges Chor: Dan Ratiu Dramaturgie: Klaus Angermann

Mit: Max Eric Laporte, Agathe Kelly God / Dorothea Maria Marx, Ännchen Ania Vegry / Athanasia Zöhrer, Kaspar Tobias Schabel, Ottokar Stefan Adam /Christopher Tonkin, Cuno Michael Dries, Eremit Shavleg Armasi, Kilian Byung Kweon Jun / Roland Wagenführer, Samiel Eva Verena Müller Chor, Extrachor und Statisterie der Staatsoper Hannover Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

Der Freischütz Romantische Oper von Carl Maria von Weber Einführungsmatinee 6. Dezember, 11 Uhr, Laves-Foyer Öffentliche Generalprobe 10. Dezember, 18.30 Uhr Premiere 12. Dezember, 19.30 Uhr, Opernhaus

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