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Junge Oper im Ballhof Eins Freiheit digital

„Frei“ – das kurze Wort beschreibt einen Zustand voller Widersprüche – und ist zusammen mit Mozarts Musik zu Zaide der perfekte Ausgangspunkt für einen Cyber-Krimi.

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Nicht alles, was im Internet harmlos aussieht, ist es auch.

Quelle: thomas m. jauk

Hannover. Wann hat man zuletzt aufs Handy geschaut, um zu checken, welche Neuigkeiten es gibt? Lange her ist es vermutlich nicht. Zu selbstverständlich ist es inzwischen, regelmäßig zu prüfen, ob jemand aus dem Freundeskreis ein neues Foto hochgeladen hat, oder von der letzten Shopping-Beute ein neues Video „geliked“ oder „geshared“ hat. Diese Vernetzung verleiht ein Gefühl von Verbundenheit und von Freiheit. Schließlich sind Informationen - ob nun über die Aktivitäten von Freunden und Familie oder über Nachrichten aus aller Welt - jederzeit greifbar.

Diese Freiheit einer „always on“-Gesellschaft hat aber auch ihre Kehrseite. Die Cyber-Welt macht den Geschehnissen im realen Leben Konkurrenz, man spricht von „Digital Natives“: Nicht mehr Länder und familiäre Abstammung machen Heimat aus - sondern die virtuelle Community, mit der man sich über Grenzen von Alter und Geschlecht hinweg identifiziert. Wer nicht online ist und auf Nachrichten nicht umgehend reagiert, wer nicht durch Postings Präsenz zeigt oder durch das Verteilen von „Likes“ Stellung bezieht, verliert rasch den Anschluss.

„Wir stehen in unserer Gesellschaft unter einem immensen Leistungsdruck“, beschreibt Regisseur Sebastian Welker die Situation, in der sich bereits Kinder und Jugendliche wiederfinden: „Facebook und andere Social-Media-Plattformen geben den Nutzern das Gefühl, etwas zu können, etwas zu sein. Und suggerieren gleichzeitig: ‚Du könntest mehr sein.‘ Auf einmal geht es nur noch darum, mitzuhalten. Man gibt dabei alles von sich preis. Freiwillig. Denn man ist ja ‚frei‘.“ Der Gedanke, was wohl Freiheit sein mag und wie man sie nutzt, ist für Welker auch der Link zu Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel-Fragment „Zaide“: „Mozart war ein wacher Zeitzeuge, der sich zu Missständen seiner Zeit geäußert hat. In ‚Zaide‘ geht es um Menschen, die frei sein wollen - das war zu jener Zeit ein noch viel akuterer Wunsch als heute.“ Entsprechend dringlich sind auch die Arien der Figuren: Sie singen vom Bedürfnis nach Zusammengehörigkeit, über gemeinsame Träume, über den Zusammenhalt, der nötig ist, um frei zu sein. Bereits wenige Textzeilen genügen Mozart, um mit seiner Musik auch im Publikum die Sehnsucht nach Freiheit zu wecken. Man spürt - die Figuren würden alles dafür geben, um dieses Ziel zu erreichen.

„Wir leben in einer an sich freien Gesellschaft. Doch gerade in der jüngeren Generation wird eine erdrückende Perspektivlosigkeit empfunden. Unterstützung, die im wahren Leben fehlt, holt man sich digital. Auch deswegen steht das Internet für das Gefühl, frei zu sein“, fasst Welker zusammen und fügt hinzu, dass eine große Gefahr darin lauere. „Unter dem Deckmantel der Freiheit nutzen Menschen unser fundamentales Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Akzeptanz aus.“ Durch Digitalisierung und virtuelle Parallelexistenzen wird die Welt nicht weniger komplex. Im Gegenteil. Sie machen den Gedanken immer verführerischer, dass es für alle Probleme eine einfache Lösung geben müsste. Kann jemand, der so tief in die virtuelle Welt eingetaucht ist, noch durchschauen, dass er manipuliert wird? Woher soll man noch wissen, ob eine Meinung, die man vertritt, auch richtig ist? „Das sind Fragen, die man sich stellen muss“, meint Welker über die gefährliche - und gleichzeitig gefährdete - Freiheit im Internet. „Das sind Fragen, die das Theater stellen muss - und das tun wir mit dieser Produktion.“

Christopher Baumann

Musikalische Leitung: Benjamin Reiners Inszenierung: Sebastian Welker Bühne und Kostüme: Rebekka Zimlich Video: Max Friedrich, Daniel Wolff Licht: Uwe Wegner Dramaturgie: Christopher Baumann Musiktheaterpädagogik: Kirsten Corbett Mit Eunhye Choi/Karine Minasyan Zaide, Michael Chacewicz/Gomatz, Hyun-Taek Noh/Admin, Pawel Brozek/Clown, Jan Szurgot/Mister X

Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

ZAIDE Musiktheater nach dem gleichnamigen Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart für alle ab 10 Jahren Premiere Freitag, 22. Januar 2016, 18 Uhr, Ballhof Eins

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