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Fritzi und die wilden Mädchen

Gastspiele aus Stuttgart und Berlin Fritzi und die wilden Mädchen

Zwei Gastspiele, die es in sich haben: Fritzi Haberlandt und das Ensemble des Schauspiels Stuttgart kommen mit dem Doppel Die Marquise von O. / Drachenblut nach Hannover. Vier junge Frauen vom Berliner Maxim Gorki Theater spielen sich mit Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen in einen furiosen Theater-Rausch.

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„Feinsinnig, elegant, voll Virtuosität und Rhythmus“: Das Maxim Gorki Theater zeigt: „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“.

Quelle: Thomas Aurin

Hannover. Als Fritzi Haberlandt im Frühjahr 2014 mit den Proben zu „Die Marquise von O. / Drachenblut“ begann, war dies ihr Theater-Comeback nach sechs Jahren Abstinenz. Die Schauspielerin hatte sich eine „Auszeit vom Betrieb“ genommen, wie sie es nannte, um mehr Zeit für Filme, Hörbücher und Lesungen zu haben. Alte Repertoire-Vorstellungen spielte sie weiter, Neuproduktionen jedoch waren tabu. Bis Armin Petras sie nach Stuttgart lockte, wo sie in seiner Doppel-Inszenierung nach Novellen von Kleist und Hein erst die junge Marquise Julietta von O. und dann, in „Drachenblut“, das Mädchen spielt. Petras ist ihr Lieblingsregisseur, sie mag „das kindlich Verspielte, das assoziative Herangehen an Stücke und Sprache, dieses mit großer Spielfreude verbundene Herantasten an den Kern der Sache“. 2001 war sie ihm im Hamburger Thalia Theater das erste Mal begegnet, später folgte sie ihm ans Maxim Gorki Theater nach Berlin.

Die staunenswerte Bühnenlaufbahn von Fritzi Haberlandt, die längst auch im Film für Furore sorgte, begann übrigens in Hannover. Hierher kam sie 1999 direkt von der Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“, wo sie seit 1995 studiert hatte (unter anderem mit Nina Hoss und Lars Eidinger im selben Jahrgang). In Hannover gab sie die Franziska in Lessings „Minna von Barnhelm“ und die Emily in „Unsere kleine Stadt / Action“ von Thornton Wilder und Sam Shepard. Im Jahr 2000 zog sie dann nach Hamburg ans Thalia weiter. Das Gastspiel des Schauspiels Stuttgart mit „Die Marquise von O. / Drachenblut“ am 9. und 10. Februar im Schauspielhaus ist für Fritzi Haberlandt so gesehen auch eine Rückkehr zu den Anfängen - und eine Wiederbegegnung mit dem hannoverschen Publikum.

Kleists Stück „Die Marquise von O.“ berichtet von einem Skandal: In einer Zeitungsannonce erklärt die junge Witwe Julietta, dass sie ohne ihr Wissen in andere Umstände gekommen sei. Der unbekannte Vater des erwarteten Kindes wird gebeten, sich zu melden. Sie wolle ihn aus Rücksicht auf die Familie heiraten. Im Bewusstsein ihrer Unschuld zieht sich Julietta von der Gesellschaft und ihren Konventionen zurück, entwickelt eigene Werte und ein unangepasstes Selbstbewusstsein. Als der ihr bekannte Graf F, der sie während der Besatzungszeit vor dem sexuellen Übergriff durch feindliche Soldaten bewahrte, sich zu seiner Vaterschaft bekennt, heiratet sie ihn. Aber seine Gewalttat, ihr angetan in einem Ohnmachtsanfall, verzeiht sie ihm erst sehr viel später.

Im zweiten Teil des Abends, „Drachenblut“, erzählt Christoph Hein die Geschichte der Ärztin Claudia, die sich in ihrem Klinikjob und ihrer Einzimmerwohnung leidlich eingerichtet hat. Das Scheitern ihrer ersten Ehe ist für sie mehr ein Irrtum als eine emotionale Katastrophe. Auch die Beziehung zu ihrem gerade verstorbenen „fremden Freund“ diente eher der Triebabfuhr als einem inneren Bedürfnis. Doch in ihrer Vergangenheit gibt es einen dunklen Punkt …

Szenenwechsel: Das Maxim Gorki Theater Berlin wurde 2014 von der Fachzeitschrift „Theater heute“ zum „Theater des Jahres“ gekürt - nun gastiert Deutschlands derzeit angesagtestes Theater mit dem „Stück des Jahres“ 2014 in Hannover. Der Titel: „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“. Die Autorin: Sybille Berg. Der Regisseur: Sebastian Nübling. Das Ensemble: vier grandiose junge Darstellerinnen.

Abends, eine junge Frau allein in ihrer Wohnung. Freundinnen kontaktieren sie per Skype und per Chat, Kurznachrichten treffen ein, die Mutter ruft an. Einige Stockwerke tiefer im Keller: ein gefesselter und geknebelter Mann … Sibylle Berg hat eine Textfläche für die Choreografin Tabea Martin, den Regisseur Sebastian Nübling und vier Schauspielerinnen des Maxim Gorki Theaters geschrieben. Von den Medien und der Werbeindustrie produzierte Frauenbilder, der Imperativ eines erfolgreichen Lebensentwurfs, eigene Ängste und Sehnsüchte schlagen sich in den Leben der jungen Frauen nieder: nächtliche Prügeltouren durch die Stadt, Körperkult und Fitnesswahn, Shoppingexzesse zwischen den BWL-Vorlesungen und der Vertrieb von selbstsynthetisierten Drogen über das Internet. Daneben stehen Fragen danach, wie die Frauen leben wollen und wo sie die Ursachen für ihre Orientierungslosigkeit suchen. Es entsteht die wütende, beißend-komische Bestandsaufnahme einer jungen Frau, die sich selbst und andere Frauen in ihren Reaktionen auf die Welt befragt.

Der Rezensent von nachtkritik.de war völlig aus dem Häuschen: „Warum ist das so, dass einem im Zuschauerraum der Schweiß auf die Stirn tritt, die Muskeln vibrieren, der Puls rast? Weil diese vier furiosen Chorsprecherinnen dort oben auf den Brettern unablässig Tempo machen, antreiben, Haken schlagen und dabei nicht nur sich selbst in einen Rausch spielen, sondern auch das Parkett, über dem das Saallicht angelassen worden ist. Weil Regisseur Sebastian Nübling feinsinnig, elegant, voll Virtuosität und Rhythmus, die vier wie einen wunderbaren Klangkörper dirigiert. Unter Verzicht auf Requisiten und Bühnenbild. Und weil die begnadete Zeitgeisterseherin Sibylle Berg in Topform dem Team einen irren Wuchttext zugespielt hat.

Theatertipp

Die Marquise von O./ Drachenblut nach Heinrich von Kleist und Christoph Hein Gastspiel am 9. und 10. Februar, jeweils 19.30 Uhr, Schauspielhaus.

Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen von Sibylle Berg Gastspiel am 13. und 14. Februar, jeweils 19.30 Uhr, Schauspielhaus.

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