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Heiter bis doppelbödig

Staatsoper Hannover: 7. Sinfoniekonzert Heiter bis doppelbödig

Karen Kamensek dirigiert Werke von Martinu und Mahler im 7. Sinfoniekonzert

Hannover. 7. SINFONIEKONZERT

Zwei Sinfonien, entstanden im Abstand von einem halben Jahrhundert, stehen auf dem Programm des 7. Sinfoniekonzerts unter der Leitung von Karen Kamensek. Mit der Aufführung der 4. Sinfonie von Bohuslav Martin erfüllt sich die Generalmusikdirektorin einen Herzenswunsch, ist sie doch seit Langem eine Bewunderin der Musik des Tschechen, dessen Werke in den Konzertsälen vergleichsweise selten anzutreffen sind.

Martin, einer der bedeutendsten tschechischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, näherte sich der Gattung Sinfonie relativ spät. Erst 1942, als Martin bereits 52 Jahre alt war, entstand sein sinfonisches Erstlingswerk in den USA, dorthin war der Komponist vor dem NaziTerror geflohen. Dieses wie auch die in geringem zeitlichen Abstand entstandenen Folgewerke fanden beim amerikanischen Publikum großen Anklang.

Martins unverwechselbarer Personalstil fußt auf einer im besten Sinne musikantischen Haltung, der Komponist setzt die Linie der tschechischen Musik von Dvoák über Janáek und Suk fort und integriert dabei behutsam die von der Moderne der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelten musikalischen Mittel. Die 1945 uraufgeführte 4. Sinfonie ist ein überwiegend heiteres und vitales Werk, dessen optimistische Stimmung sich nach Kriegsende aus Martins Hoffnung erklärt, endlich in die Heimat zurückkehren zu können – eine Hoffnung, die sich jedoch wegen der politischen Entwicklungen in der Tschechoslowakei nicht erfüllen sollte. Obwohl die Sinfonie äußerlich der klassischen viersätzigen Norm entspricht, scheint die Musik mit ihrer schwebenden Melodik und der fließenden synkopischen Rhythmik eher dem Formprinzip eines quasi organischen Wachstums zu folgen.

Der folkloristisch gefärbte Klassizismus Martins scheint Gustav Mahlers hochexpressiver Monumentalsinfonik ziemlich fern zu stehen. Und dennoch vollzieht Mahler gerade mit seiner 4. Sinfonie eine „klassizistische“ Wendung, die sich nicht nur mit dem schlankeren Format deutlich von den philosophisch aufgeladenen und zeitlich ausladenden Vorgängerwerken entfernt. Mahlers 4. Sinfonie ist ein für seine Verhältnisse recht überschaubar dimensioniertes Werk, dessen Orchesterbesetzung im normalen Rahmen bleibt. Dies, vor allem aber der demonstrativ harmlos bis naiv erscheinende Gestus des Werkes haben die Zeitgenossen irritiert und die Kommentatoren immer wieder zu Vergleichen mit Haydn und Mozart verführt, wobei sie offenbar die Doppelbödigkeit des Werks überhörten, das Harmlosigkeit nur vorspiegelt. Die Behaglichkeit, die auch die Spielanweisungen nahelegen, ist nicht geheuer, das wird nicht erst in dem ungewöhnlichen Liedfinale klar, dessen Text eine Art Schlaraffenland beschreibt, in dem die Tiere freudig und freiwillig zur Schlachtbank eilen, um von den himmlischen Heerscharen verspeist zu werden. Auch in den vorausgehenden Sätzen wird die sich unschuldig gebende Musik ständig von unterschwelligen Bedrohungen unterlaufen, als wäre das Paradies, von dem die Musik träumt, nur ein Kindertraum, an dessen Erfüllung schon niemand mehr glauben kann. Und die Heiterkeit kann jederzeit in Grauen umschlagen, das gerade in der gespielten Naivität umso gespenstischer wirkt.

Klaus Angermann

Bohuslav Martinu

Sinfonie Nr. 4, H. 305 (1945)

Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 4 G-Dur (1899/1901)

Solistin: Rebecca Davis (Sopran)

Dirigentin: Karen Kamensek

Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

Sonntag, 1. Mai, 17 Uhr

Montag, 2. Mai, 19.30 Uhr

Kurzeinführung jeweils 45 Minuten vor Konzertbeginn

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