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Spielzeit Herrschaft in Glanz und Willkür: Das Leben des Henry Tudor
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00:00 28.04.2017
Stéphanie Seydoux (hier bei Proben im Ballettsaal der Staatsoper Hannover) Quelle: Jörg Mannes
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Hannover

Als Henry Tudor seinem Vater auf den Thron folgt, ist England nach langjährigen Kriegen endlich zur Ruhe gekommen. Das Land beginnt gerade wieder aufzublühen.

Große Hoffnung auf einen guten Herrscher

Die schönsten Hoffnungen des ganzen Volkes scheinen sich in diesem strahlenden jungen König zu bestätigen: Er spricht mehrere Sprachen, dichtet, komponiert und ist ein passionierter Sportler. Auch die Elite steht hinter dem neuen Regenten, verkörpert er doch die Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Mäßigung, Klugheit und Tapferkeit. Wie kein anderer zuvor verspricht er – ganz im Sinne des Humanismus – , der gute Regent eines Reiches zu werden, wo die Untertanen sorglos in geordneten Verhältnissen leben dürfen, Bauern in Frieden ihre Ernte einbringen, Handel und Handwerk sich entfalten. Niemand fürchtet, dass der gute Herrscher sich an ihm bereichern will.

Doch das, was so zuversichtlich beginnt, sollte sich viel zu rasch ins Gegenteil verkehren und ganz England in Angst und Elend stürzen.

„Mich interessiert diese Strecke zwischen dem jugendlich heldenhaften Idealherrscher und dem launischen, mörderischen Tyrannen“, bekennt Jörg Mannes. „Wie kommt eine solche Veränderung zustande? Das ist die Frage, die wir uns – mit Blick auf so manchen Machthaber – bis heute stellen.“

Henry Tudor geht als Regent keineswegs klug oder strategisch vor, sondern folgt sprunghaft seinen Launen. Er umgibt sich mit einem Beraterstab aus Juristen, Klerikern und Strategen, die sich loyal für seine Belange einsetzen, während er seinen Neigungen folgt. Er begeistert sich für Falkenjagd und Bogenschießen, aber auch für Ringkampf, Tennis- und Fußballspiel. Nie ist er ohne Gesellschaft. Er liebt das Feiern, den Tanz und das Glücksspiel. „Natürlich gibt es seit damals einen technologischen Fortschritt. Auch die Umgangsformen und Moden haben sich im Laufe der Zeit verändert, aber grundsätzlich bleiben die Abhängigkeiten erhalten. Deshalb ist ein historischer Rückblick so interessant. Die Geschichte wirkt wie ein Filter, der uns das Heute deutlicher sehen lässt“, sagt Mannes.

Geschieden – geköpft – gestorben. Geschieden – geköpft – überlebt

Heinrich VIII. sieht es als seine vordringliche Pflicht an, die Tudor-Dynastie an der Macht zu halten, und er braucht legitime männliche Nachkommen, um diesen Anspruch zu sichern. Jörg Mannes ist fasziniert von der Zwangsläufigkeit, mit der sich die Dinge entwickeln: „Henry ist getrieben von seinem Wunsch nach Söhnen. Deshalb muss er sich von seiner ersten Frau trennen, um sich wieder verheiraten zu können. Aus Rom bekommt er nicht die gewünschte Unterstützung. Also sagt sich der König von der katholischen Kirche los und erklärt sich selbst zum Oberhaupt der Church of England.“

Nach zwei Töchtern aus erster und zweiter Ehe bringt erst seine dritte Frau den ersehnten Kronprinzen zur Welt – und stirbt im Kindbett. Zwei seiner sechs Ehen werden geschieden, zwei weitere enden auf dem Schafott.

Die Gewaltherrschaft

Seit seinem 45. Lebensjahr leidet Henry an den Folgen eines schweren Turnierunfalls. Er kann kaum noch Sport treiben, stattdessen isst und trinkt er immer unmäßiger. Sein athletischer Körper wandelt sich zu einer massigen, schwerfälligen Gestalt. Die psychische Veränderung ist jedoch weitaus gravierender. Er wird immer unsicherer in der Beurteilung der tatsächlichen Lage.

Allenthalben wittert er Untreue, Verrat und Verschwörung, reagiert beim geringsten Verdacht erbarmungslos. Unzählige Todesurteile werden auf seine Anordnung hin vollstreckt - selbst an lang vertrauten Freunden und Beratern.

Unglückliche Feldzüge, Hofhaltung und Repräsentation verschlingen Unsummen. Längst sind die Staatskassen leer, doch der Bedarf des Monarchen kennt keine Grenzen.

In seinem Namen wird zu Geld gemacht, was das Land hergibt. Mit Brachialgewalt werden die Güter in Ungnade Gefallener enteignet, Klöster aufgelöst und Kirchenbesitz eingezogen. Wo immer sie erscheinen, verbreiten die Abgesandten des Königs Angst und Schrecken.

Das Unvorstellbare hat sich ereignet: Der brillante Hoffnungsträger ist in sein Gegenteil verkehrt. Die Kardinallaster Hochmut, Eitelkeit, Grausamkeit, Wut und Kriegslust haben von ihm Besitz ergriffen. Henry Tudor ist zum Despoten verkommen.

„Diese Maßlosigkeit gepaart mit Verzweiflung, diese Allmachtsgefühle, die vom körperlichen Verfall überholt werden“, findet Jörg Mannes überwältigend.

„Es reizt mich, solche Gegensätze auf die Bühne zu bringen. Die Emotionen in all ihrer Widersprüchlichkeit im Tanz auszudrücken, ist eine große Herausforderung, der wir uns als Kompanie stellen. Und ich wünsche mir, dass jeder Zuschauer seine eigene Lesart des Stückes zwischen historischer und Jetzt-Zeit findet.“

Brigitte Knöß

HENRY VIII

Ballett von Jörg Mannes

Musik von Mark Polscher (Uraufführung), Edward Elgar und Johann Sebastian Bach (arr. Leopold Stokowski)

Choreografie: Jörg Mannes; Musikalische Leitung: Andrea Sanguineti / Cameron Burns; Bühne: Mathias Fischer-Dieskau; Kostüme: Alexandra Pitz; Licht: Sascha Zauner; Ton: Christoph Schütz; Dramaturgie: Brigitte Knöß; Ballett der Staatsoper Hannover; Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

Uraufführung am Sonnabend, 6. Mai, 19.30 Uhr

HENRY TUDOR 28. Juni 1491 bis 28. Januar 1547 König Henry VIII. von England (1509–1547) Sechs Ehefrauen: Katharina von Aragón, Anne Boleyn, Jane Seymour, Anna von Kleve, Catherine Howard, Catherine Parr Drei legitime Kinder folgten ?nacheinander auf den englischen Thron: Henry + Jane Seymour: Edward Tudor – Edward VI. (1547–1553) Henry + Katharina von Aragón: Mary Tudor – Mary I. (1553–1558) Henry + Anne Boleyn: Elizabeth Tudor – Elizabeth I. (1558–1603)

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