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„Ich merke, ich werde alt“

Das Anadigiding III: Die Welt von morgen „Ich merke, ich werde alt“

Im Schauspielhaus geht Rainald Grebes Suche nach unserer Zukunft - dem Übergang von analog zu digital - in die letzte Runde. Wie könnte unsere Wirklichkeit im Jahr 2030 aussehen? Darüber sprach Tobias Rentzsch, der als Dramaturg die Produktion betreut, mit dem Autor.

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Freuen sich auf „ganz tolle Sexpuppen“ aus Japan und überhaupt auf die digitale Zukunft: Rainald Grebe und sein Mitstreiter Klaus-Dieter Werner.

Quelle: Karl-Bernd Karwasz

Hannover. Rainald, da liegt ein Smartphone. Als wir vor über fünf Jahren das erste Mal zusammen gearbeitet haben, gab es noch ein ziemlich altes Teil mit Tasten. Jetzt „wischst“ du auch, wie kam‘s?

Hannover! Ich hab mir das hierfür gekauft, für „Anadigiding“. Weil ich dachte, ich hab so gar keine Ahnung, jetzt müsste ich mich doch auch mal ein bisschen updaten. Und seitdem bin ich süchtig, das hab ich jetzt davon. Danke, Hannover!

Seit 2014 betreibst du nun am Schauspiel Hannover diese Zukunftsforschung - oder ist es Ursachenforschung? Wie hat sich in diesen zwei Jahren der persönliche Wechsel von „Ana“ auf „Digi“ vollzogen?

Persönlich ist der Einfluss meines Smartphones auf mein Leben ganz schön massiv, das reicht mir dann schon. Jetzt war ich im Zuge der Recherchen für das Stück schon im „Darknet“, und vermutlich trinke ich bald Flüssignahrung. Und ich werde mir mein Genom für 99 Dollar entschlüsseln lassen, das ist alles möglich! Ich erfahre hier Dinge, da wären manche froh, wenn sie’s nicht wüssten. Aber es ist doch erstaunlich viel, was ich dazulerne; mir so ein bisschen einen Blick zu eröffnen, was gerade so losgeht ...

Was könntest du dir allerdings nie digital oder mit einer K.I. - einer Künstlichen Intelligenz - versehen, vorstellen?

Ich kann mir grundsätzlich alles vorstellen, das ist ja das! Also auch Leben, Liebe. In Japan soll es ganz tolle Sexpuppen geben, das habe ich kürzlich erst erfahren. Oder der Film „Her“ - ein wunderbares Beispiel! Ich kann mir das durchaus vorstellen, dass man auch mal eine Beziehung hat mit ’nem Knopf im Ohr, mit dem du dich unterhältst, warum denn nicht?

Aber dann doch eher temporär?

Ja, klar! Ich würde ungern auf so Menschliches verzichten wollen, aber wenn das andere dazu kommt und man sagt ‚das ist eine neue Option!’ - wir wollen ja immer neue Optionen -, warum denn nicht?

Wann ensteht bei dir der Eindruck, dass nicht mehr du das Geschehen bestimmst, sondern etwas anderes die Technik, Regie führt?

Na gut, da gibt es jetzt mehrere mögliche Antworten. Also zum einen ist es so, dass ich gewisse Betriebssysteme nicht verstehe, weil ich kein Techniker bin. Ob das jetzt ein Stromnetz ist, wie Energie erzeugt wird - das weiß ich gar nicht, ich verstehe es auch nicht. Und dann andere grundsätzliche Betriebssysteme wie das Internet: Ich kann dir nicht erklären, warum es da ein „Darknet“ gibt, wie das überhaupt zustande kommt. Ich weiß es nicht, ich benutze ja nur die Endgeräte, habe keine Ahnung von ihrer inneren Syntax. Also: Ich kann kein Auto bauen, aber ich fahre damit. Man sagt, es gibt einen „homo digitalis“, ein Menschenbild, eine neue Menschenform, der identifiziert sich automatisch mit dem Gerät, das er bedient. Früher, bei Charlie Chaplin in „Modern Times“, waren das mechanische Griffe. Man wird also zur Mechanik oder zur Gliederpuppe. Auf das Digitale übertragen, wäre ich ja dann nur irgendein Algorithmus, der durch mich durchfließt - das sind gar nicht meine Gedanken! Aber dieses Gefühl habe ich manchmal, wenn ich lange surfe. Da habe ich nicht wirklich einen originären Gedanken, sondern ziehe nur Analogien wie ein Computer, ganz automatisch.

Wenn man uns in Zukunft die ganze Arbeit abgenommen haben wird - was machen wir mit dieser ganzen Freizeit? Huxley schreibt in „Schöne Neue Welt“: „Nicht Philosophen, sondern Hobbybastler und Briefmarkensammler bilden das Rückgrat der Menschheit.“ Das ist so eine Dystopie mit dem Ersetzen ...

Oh ... Na, das THW ist das Rückgrat der Gesellschaft! Dieses Problem mit dem Ersetzen hab ich ja in meinem Beruf gar nicht. Ich glaube auch tatsächlich, dass Schauspiel oder Kunst im weiteren Sinne davon erst mal nicht betroffen sein werden. Dass wir jetzt durch Algorithmen ersetzt würden auf der Bühne oder beim Ausdenken von Stücken, bis dahin ist es noch lange hin, glaube ich. Aber diese Visionen vom Ende der Arbeitsgesellschaft in dieser Form, weil alles durch Maschinen ersetzt werden kann, das wird kommen. Vielleicht erleben wir das auch noch?

Lass uns zum Abschluss doch mal orakeln: Rainald, wie stellst du dir deine Welt in zehn, 20 Jahren vor?

Ich merke das ja hier und jetzt schon, dass ich gewisse Prozesse nicht mehr verstehe, den gewissen „Talk“ von jungen Leuten nicht mehr verstehe, und dass ich raus bin aus gewissen jugendlichen Zusammenhängen. Ich werde wirklich spürbar alt und kann auch gewisse Sachen gar nicht mehr mitmachen. Ich glaube, das wird so kommen. Vielleicht sogar schneller, als ich das möchte. Und dann werde ich wahrscheinlich Orgelbauer in Skandinavien.

Mit: Johanna Bantzer, Yves Dudziak, Rainald Grebe, Smoking Joe, Wolf List, Hagen Oechel, Julia Schmalbrock, Jens Karsten Stoll, Klaus-Dieter Werner, Marcel Zuschlag

Das Anadigiding III: Die Welt von morgen, von und mit Rainald Grebe

Uraufführung: 10. März, 19.30 Uhr, Schauspielhaus, anschl. Premierenfeier im Foyer und in der Cumberlandschen Galerie

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