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Mit spitzer Feder und scharfem Verstand

Leonard Bernsteins Musical-Operette „Candide“ Mit spitzer Feder und scharfem Verstand

Leben wir tatsächlich in der besten aller möglichen Welten? Und ist Hannover die beste aller möglichen Städte?  Hannover ist jedenfalls die beste aller möglichen Städte, um Leonard Bernsteins Musical-Operette „Candide“ zu spielen. Eine heiter-philosophische Spurensuche.

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Unverbesserlicher Optimist: Candide (Sung-Keun Park).

Quelle: thomas m. jauk

Hannover. Hannover hat viel zu bieten: Mit der Eilenriede einen 650 Hektar großen Stadtwald, ein gut ausgebautes Nahverkehrsnetz; die Stadt ist ein international bedeutender Messestandort, ist Heimat eines altehrwürdigen Schützenfestes (und zahlreicher weiterer Feste). Gewiss, das sind nur einige wenige Beispiele für die vielen Vorzüge dieser Stadt. Und doch wird sie vergleichsweise selten als „die beste aller möglichen Städte“ bezeichnet.

Zu Unrecht, wie sicher viele Hannoveraner sagen würden – und die Staatsoper Hannover liefert ein weiteres Argument. War doch Hannover anziehend genug, um
große Philosophen zu beherbergen – schließlich lebte der große Universalgelehrte und Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz hier. Und daraus folgt: Hannover ist die beste aller möglichen Städte, um Leonard Bernsteins Musical-Operette „Candide“ zu spielen.

Eine fragwürdige Argumentation? Gewiss. Und das war auch Voltaires zentrale Kritik an Leibniz’ rationalistischer Denkweise. Leibniz’ optimistisches Bild einer Welt, in der alles zum Besten stehe – das beispielsweise auch von dem Engländer Alexander Pope geteilt wurde –, ermöglichte es, jedwedes Unglück letztlich auf einen höheren Plan Gottes zurückzuführen. Doch das rief den Widerspruch des scharfzüngigen französischen Philosophen und Schriftstellers Voltaire hervor: Wenn alle Dinge und (selbst zufällige) Ereignisse dieser Welt Teil einer notwendigen, logischen Kette sind, die einem göttlichen Plan folgt, wie viel kann der Mensch denn noch gestalten – was ist der Sinn des Lebens, was der Sinn von Geschichte?

Erdbeben in Lissabon

Das unfassbare Leid als Folge des verheerenden Erdbebens von Lissabon (1755) sowie Grausamkeiten wie der beginnende Siebenjährige Krieg (1756–63) gaben Voltaire 1758 schließlich den Anstoß zu seiner wohl berühmtesten Schrift: Angeblich innerhalb weniger Tage verfasste er seine absurd-satirische Erzählung „Candide oder der Optimismus“, die schnell zu einem Bestseller seiner Zeit wurde.

Als Titelheld dient Voltaire ein junger, illegitimer Neffe des westfälischen Barons zu Thunder-Ten-Tronck, Candide. Er lebt unter den besten aller möglichen Bedingungen auf dem besten aller möglichen Schlösser und genießt die beste aller möglichen Erziehungen: die des Doktors Pangloss, Doktor der „Metaphysico-theologico-cosmologie“. Dieser beste aller möglichen Lehrer trichtert seinen Eleven ein, dass es für alles einen hinreichenden Grund gebe – und dementsprechend auch jedes Un- glück zu einem größeren Glück führe, womit belegt sei, dass man in der besten aller möglichen Welten lebe. Ein ganz deutlicher Seitenhieb Voltaires auf Leibniz.

Candides Vertreibung aus diesem Paradies ist der Auftakt zu einer Reihe irrwitziger Abenteuer rund um die Welt. Voltaire liefert ihn großen Naturkatastrophen, religiösen Eiferern und egoistischen Opportunisten aus. Den Lehren seines Meisters Pangloss vertrauend, hält Candide dennoch an seinem Optimismus fest – und an seiner unerschütterlichen Liebe zu Cunegonde, die es auf dieser Abenteuerreise wiederzufinden gilt. Totgeglaubte erscheinen quicklebendig vor ihm, absurde Zufälle helfen ihm aus ausweglosen Situationen. Hinter den ironisch überspitzten Beschreibungen der Missstände der Welt verbirgt sich aber bei Voltaire auch eines: ein Plädo­yer für Menschlichkeit, freies Denken und Toleranz.

Leonard Bernstein griff diesen Stoff in den 1950er-Jahren auf und schuf seine herrlich absurde Comic Operetta – so der Untertitel eines seiner populärsten Musiktheaterwerke. Bernsteins Mix aus Musical, Operette und lateinamerikanischer Tanzmusik macht aus „Candide“ die beste aller möglichen Operetten – quicklebendig, bissig und intelligent, voller Situationskomik und absurder Wendungen. In der Inszenierung von Matthias Davids, der bereits zahlreiche Produktionen an der Staatsoper verantwortet hat, kommt nun dieses Werk als augenzwinkernde Hommage an Hannovers Universalgelehrten auf die Bühne des Opernhauses. Zum Auftakt des Leibniz-Jahres 2016. 

Musikalische Leitung: Karen Kamensek,

Inszenierung: Matthias Davids
Bühne und Video: Mathias Fischer-Dieskau
Kostüme: Susanne Hubrich
Choreografie: Simon Eichenberger
Licht: Susanne Reinhardt
Ton: Rafael Lorberg
Choreinstudierung: Dan Ratiu
Dramaturgie: Christopher Baumann
Voltaire/Pangloss u. a.: Frank Schneiders, Candide: Sung-Keun Park, Cunegonde: Ania Vegry, Paquette: Carmen Fuggiss, Maximilian: Christopher Tonkin, Alte Lady: Diane Pilcher, in weiteren Rollen: Gevorg Apérants Hakobjan, Daniel Drewes, Daniel Eggert, Patrick Jones, Byung Kweon Jun, Edward Mout, Marco Vassalli, Jan Viethen u. a.
Chor der Staatsoper Hannover, Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

Von Christopher Baumann

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