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Spielzeit Vorhang auf, der Zirkus beginnt!
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00:00 28.08.2015
Corinna Harfouch und Sarah Franke in „Der Auftrag“: Müllers Text beleben und neu untersuchen. Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Mit der Inszenierung von Heiner Müllers „Der Auftrag“ geht das Schauspiel Hannover erstmals eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen ein. Im Rahmen des international hochkarätig besetzten Festivals feierte der Abend bereits im Juni seine Premiere im Theater Marl. Dabei ist zunächst einmal ungewöhnlich, dass eine hannoversche Produktion an einem anderen Ort Premiere hatte und nun den Auftakt der neuen Saison markiert. Noch ungewöhnlicher aber ist die Gemengelage, die eine besondere Inszenierung wie „Der Auftrag“ ermöglichte.

Da ist zum einen der Stoff. Müller schrieb das Stück über Verrat und das Scheitern von Utopien 1979. Als Vorlage diente ihm die Erzählung „Das Licht auf dem Galgen“ von Anna Seghers. Die drei Emissäre der Französischen Revolution Debuisson, Galloudec und Sasportas sollen die Werte der Revolution - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - in die entfernten Kolonien hinaustragen. Der Export einer Idee, für alle, überall. Die drei haben den Auftrag, auf der Insel Jamaika eine Sklavenrevolte anzustiften. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein: Debuisson ist bürgerlicher Sohn von Sklavenhaltern, Galloudec ein Bauer aus der Bretagne und Sasportas ein schwarzer Revolutionär, der die Herrschaft der Kolonialherren am eigenen Leib erfahren hat. Doch als in Frankreich Napoleon die Macht übernimmt, beginnt eine neue Zeit. Das Trio gerät in Streit, ob der Auftrag nach wie vor gültig ist.

Hausregisseur Tom Kühnel hatte mit seiner Inszenierung „Die Französische Revolution - Born To Die“, die im Mai 2013 im Ballhof herauskam, eigentlich schon das perfekte Stück für das Thema der diesjährigen Ruhrfestspiele - Frankreich - geliefert. Was lag näher, als daran anzuknüpfen? Wie lässt sich mit dem Phantomschmerz der vergangenen Revolution umgehen?

Kühnel holte seinen langjährigen Regiekompagnon Jürgen Kuttner mit ins Boot. Von Kuttner stammt auch die Idee des besonderen Inszenierungszugriffs auf „Der Auftrag“. Es gibt eine Aufnahme von einer Lesung Heiner Müllers aus dem Jahr 1980. Noch vor der Uraufführung liest der Autor sein Stück bei einer Veranstaltung des Verbands der Theaterschaffenden in Leipzig. Er gibt keine Interpretation vor. Jürgen Kuttner ist begeistert: „Müller ist der beste Sprecher seiner Texte, weil er nicht so tut, als ob er sie versteht.“

So lag es nahe, diese Aufnahme für die Inszenierung zu verwenden und Stimme, Texte und Gedanken von Heiner Müller auf Bilder und Szenen treffen zu lassen, die die Radikalität seines Denkens permanent unterlaufen und sie dadurch umso hörbarer machen. Denn Müller wollte, dass man seine Texte auch als Komödien begreift. „Der Auftrag“ als Revue. „Der Auftrag“ als Show. „Der Auftrag“ als Zirkus. Ein Feuerwerk an Einfällen und Ideen, bei dem der Text über die Stimme Müllers transportiert wird - und doch in der Verantwortung des Zuschauers bleibt.

Eine experimentelle Anordnung also und so eigenwillig, dass sich die kongeniale Schauspielerin Corinna Harfouch sofort dafür begeisterte. Harfouch spielte die Lady Macbeth in Heiner Müllers berühmter Inszenierung an der Volksbühne, sie kannte den vor 20 Jahren verstorbenen Dichter gut. Müllers Text zu beleben und neu zu untersuchen, ist ihr ein Anliegen. Zu Corinna Harfouch gesellt sich eine starke Gruppe des hannoverschen Ensembles. Fast könnte man sagen: „Mögen die Spiele beginnen!“

Wenn nicht noch etwas fehlen würde. Denn wer macht die Musik? Den Soundtrack liefert live die Band Die Tentakel von Delphi, deren musikalischer Kosmos unglaublich reich ist. Musik und Text können hier in einen Dialog miteinander treten. „Wenn wir uns vom Zirkus für die Inszenierung inspirieren lassen, dann will man auch den Trommelwirbel, die Showeröffnung und den Einmarsch der Lipizzanerhengste,“ betont Kuttner. Darum: Vorhang auf, der Zirkus beginnt!

Mit: Sarah Franke, Corinna Harfouch, Janko Kahle, Jürgen Kuttner, Daniel Nerlich, Hagen Oechel, Jonas Steglich und der Band Die Tentakel von Delphi

Der Auftrag Erinnerung an eine Revolution von Heiner Müller Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen Premiere 11. September, 19.30 bis 21.15 Uhr,Schauspielhaus anschl. Premierenfeier

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