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„Hungrige Zeit, Wolfszeit“

Schauspielhaus: Wolf unter Wölfen nach dem Roman von Hans Fallada „Hungrige Zeit, Wolfszeit“

Hans Fallada gehört zu den großen Erzählern des 20. Jahrhunderts. Als Chronist gesellschaftlicher Verwerfungen überzeugt er heute noch immer. Nach „Bauern, Bonzen, Bomben“ ist nun im Schauspielhaus mit Wolf unter Wölfen eine weitere Roman-Adaption von Fallada zu erleben. Regie führt Sascha Hawemann.

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Das Fallada-Ensemble (von links): Sarah Franke, Günther Harder, Christian Kuchenbuch, Carolin Haupt, Wolf List, Johanna Bantzer, Rainer Frank, Andreas Schlager und Hagen Oechel.

Quelle: Katrin Ribbe

Hannover. Wolf unter Wölfen“ - was für ein Titel. Vor dem inneren Auge zieht eine hetzende Meute vorbei: fressen und gefressen werden. Es gilt das Recht des Stärkeren. „Wolf unter Wölfen“ ist ein monumentaler Roman über eine Zeit der wirtschaftlichen und menschlichen Verwerfungen. Auf mehr als 1.200 Seiten wird eine Krise beschrieben, die alles und jeden erfasst. Doch am besten fasst es der Autor dieses Jahrhundertromans, Hans Fallada, selbst in Worte: „Es ist hungrige Zeit, Wolfszeit. Die Söhne haben sich gegen die eigenen Eltern gekehrt, das hungrige Wolfsrudel fletscht gegeneinander die Zähne - wer stark ist, lebe! Aber wer schwach ist, der sterbe! Und er sterbe unter meinem Biß!“ 

Berlin im Sommer 1923, die Zeit der Inflation. Es herrscht Arbeitslosigkeit. Nichts gilt außer Geld. Eine Zeit politischer und ökonomischer Unsicherheiten. Eine hektische Zeit. Alles hetzt und jagt, rennt und hechelt. Wolfgang Pagel, Fahnenjunker a. D., ist ein Getriebener. Aus gutem Elternhaus kommend, hat er sich mit seiner Mutter überworfen und lebt mit seiner Freundin Petra von der Hand in den Mund. Wofür sich bewahren - für morgen? Wer weiß, wie morgen der Dollar steht, wer weiß, ob man morgen noch lebt? Durch den Großstadtdschungel taumelnd, versucht Pagel, am gemeinsamen Glück festzuhalten. Ausgerechnet vor seiner Hochzeit verspielt er all sein Geld, und Petra landet, der Prostitution verdächtigt, im Gefängnis. Verzweifelt und mittellos trifft Pagel auf seinen ehemaligen Vorgesetzten im Krieg, Rittmeister von Prackwitz, und dessen alten Offiziersfreund, den Oberleutnant von Studmann. Dem Rittmeister folgt Wolfgang Pagel als Verwalter auf dessen Gut Neulohe. Doch hier sind die Verhältnisse nicht besser. Pagel gerät in den Mahlstrom familiärer und politischer Konflikte. Die noch junge Demokratie der Weimarer Republik ist in Gefahr. Wie lässt sich in dieser Zeit leben? Hat die Liebe noch Platz in dieser Welt? Welche Werte gelten? Oder gilt allen Ernstes nur noch: „Mensch gegen Mensch, Wolf unter Wölfen, mußt du dich entscheiden, wenn du dich vor dir selbst behaupten willst“?

Fallada wusste, worüber er schrieb. Sein ebenfalls im Rowohlt Verlag publizierender Schriftstellerkollege Robert Musil brachte es auf den Punkt: „In Falladas Büchern ist Menschengeruch. Das Leben zappelt in ihnen.“ Denn 1923 trat der 30-jährige Hans Fallada, der als Rudolf Ditzen in Greifswald in gutbürgerliche Verhältnisse hineingeboren wurde, eine Stellung als Gutsverwalter im neumärkischen Radach, 30 Kilometer östlich von Frankfurt/Oder an. Hier erlebte er die Inflation. Fallada war selbst ein Getriebener. Nach Sinnkrisen, einem Selbstmordversuch und Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken hielt er sich nach einer landwirtschaftlichen Lehre mit Gelegenheitsarbeiten als Gutsverwalter über Wasser. Vor Radach war er in ähnlichen Beschäftigungsverhältnissen in Niederschlesien und Westpreußen tätig. 1920 veröffentlichte er seinen ersten Roman „Der junge Goedeschal“, in dem sich die Krisen seiner Jugend niederschlugen. Schon früh versuchte er die ihn immer wieder heimsuchenden Dämonen mit Alkohol und später mit exzessivem Drogenkonsum zu vertreiben. Um seinen Drogenkonsum zu finanzieren, unterschlug er Geld. Auch das war ein Grund für die häufigen Stellungswechsel, bevor er in Neumünster schließlich eine Gefängnisstrafe verbüßte. 

Fallada war ein Suchtmensch durch und durch, und so nahm auch das Schreiben bei ihm rauschhafte Züge an. Seinen letzten Roman „Jeder stirbt für sich allein“ schrieb er in nur 24 Tagen. Das Buch erschien kurz nach seinem Tod 1947. 

Wenn der junge Pagel sich dem Spiel hingibt, wenn die Großstadt Berlin als sündiger Moloch beschrieben und eine Süchtige auf der Jagd nach Morphium gezeigt wird, dann wusste Fallada genau, worüber er berichtete. Genauso verhält es sich mit den politischen und familiären Geschehnissen in Neulohe, die denen in Radach ähneln. Dieses Einschreiben des persönlichen Erlebens ist es, was den Romanen Falladas - auch „Wolf unter Wölfen“ - so eine Schlagkraft verleiht. 

Was aber prädestiniert „Wolf unter Wölfen“ für das Theater? Die Bezüge zum Heute sind vielfältig. In unserer dem Paradigma des Geldes unterworfenen Zeit feiern wabernde Ängste und Nationalismen momentan fröhliche Urständ. Steht unsere Demokratie auf dem Prüfstand, ähnlich wie in den Zwanzigerjahren? Fallada reagierte mit seinen Texten immer wieder auf seine Zeit. Indem das Schauspiel nun Fallada nach „Bauern, Bonzen, Bomben“ erneut auf die Bühne bringt, reagiert es mit ihm auf unsere Zeit. Dabei muss eine Romanadaption zwangsläufig zuspitzen und verknappen. Die Emanzipation des Bühnenstücks von der Vorlage birgt aber auch die Chance, etwas völlig Neues entstehen zu lassen, etwas, das den Geist und die Wucht des Romans atmet und doch durch die Wirklichkeit der Bühne und der Spieler einen ganz eigenen Sog entwickelt. Gemeinsam mit einem neunköpfigen Ensemble stellt sich der Regisseur Sascha Hawemann („Anna Karenina“) lustvoll dieser Aufgabe. 

Preview: 13. Januar, 19.30 Uhr, Schauspielhaus, Eintritt 15 Euro

Wolf unter Wölfen nach dem Roman von Hans Fallada Premiere 16. Januar 2016,19.30 Uhr, Schauspielhaus anschl. Premierenfeier im Foyer und in der Cumberlandschen Galerie

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