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„You have to keep it dark”

Martin Engelbach „You have to keep it dark”

Martin Engelbach ist der musikalische Leiter bei Shockheaded Peter. Mit der „Spielzeit“ sprach er über seine Erfahrungen mit dem Stück in Hamburg und Wien, die zwiespältige Faszination des „Struwwelpeter“ und den dunklen Sound der Tiger Lillies.

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Hagen Oechel als Zeremonienmeister in „Shockheaded Peter“.

Quelle: Katrin Ribbe

Herr Engelbach, als Sie gerade die Noten, die der offizielle Lizenzgeber geschickt hat, an der Pforte abholten, erlebten Sie eine Überraschung …
Ja, ich hielt mein eigenes Script in den Händen, das ich vor 15 Jahren anlässlich der Hamburger Aufführung geschrieben hatte. The Tiger Lillies können nämlich keine Noten, drum hatte mich damals der Verlag um die Verschriftlichung gebeten. Ich hatte das ganz vergessen. Eine schöne Wiederbegegnung.

Sie setzen sich bereits zum dritten Mal mit dieser Musik und diesem Stoff auseinander. Was bedeutet das für Sie?
Die Aufführungen in Hamburg und Wien waren vollkommen unterschiedlich, vom Charakter, der Schwerpunktsetzung, dem Sound. Und die Aufführung hier in Hannover wird noch einmal komplett anders werden. Drum betrete ich durchaus immer wieder Neuland. Die Vorgaben der Tiger Lillies sind sehr offen, lassen viele Richtungen der musikalischen Arrangements zu. Das Einzige, worauf zu achten ist, das hat der Bassist der Band immer wieder betont: „You have to keep it dark.“ In Wien war der Abend eher rockig, wir haben auch noch andere Musik hinzugefügt, etwa von Radiohead und DJ Shadow. Auch von der Instrumentierung und der Lautstärke war der Abend auf ein Rockkonzert ausgerichtet. Der Regisseur hat Partei für die gemaßregelten Kinder ergriffen, während die Inszenierung in Hannover – so viel darf man schon verraten – durchaus Sympathien mit den Eltern entwickelt. Unsere musikalische Fassung hier wird sich wieder mehr dem Original annähern, dem Balladenhaften, aber anders als in der Uraufführung und der deutschen Erstaufführung, wird es eine durchgängige Musik geben. Atle Halstensen hat viele weitere Kompositionen im Stile der Tiger Lillies hinzugefügt, die das Circensische betonen.

Können Sie etwas zur Entstehung des „Shockheaded Peter“ sagen?
Dem Leadsänger der Tiger Lillies, Martyn Jacques, fiel in einem Londoner Antiquariat der „Struwwelpeter“ in die Hände. Die grausame Fantasie dieses Buches hat ihn sofort fasziniert. Das überrascht nicht, wenn man seine Musik kennt, die etwas von einer düsteren, psychodelischen Jahrmarktsmusik hat und sich auch immer wieder auf literarische Vorlagen bezieht, meist mit düsterem Inhalt. Ihm war klar, damit will er etwas machen, das über ein Konzert hinausgeht. Über einen Manager von Cultural Industrie kam dann der Kontakt zu dem Regieteam Julian Crouch/Phelim McDermott zustande. Es war ihre erste Zusammenarbeit, die sich ja dann als außerordentlich fruchtbar und erfolgreich entpuppen sollte. Dieses erste gemeinsame Stück wird immer noch weltweit gespielt.

Er kannte die Geschichten um Paulinchen, Konrad, Hans-guck-in die Luft vorher nicht?
Nein, überhaupt nicht. Für Martyn Jacques und übrigens auch unseren Regisseur hier, den Norweger Erik Ulfsby, war dieser Stoff völlig neu, während wir das Buch in jedem deutschen Kinderzimmer stehen haben.

Mittlerweile allerdings ein bisschen versteckt ...
Aber um so anziehender. Ich bin auch mit Eltern der 68er-Generation aufgewachsen, die diesen Erziehungsmaßnahmen kritisch gegenüberstanden, und dennoch erinnere mich an meine Faszination für dieses Buch als Kind. Ich war zugleich angezogen und abgestoßen. Die Verse vergisst man nicht. Diese schwarze Pädagogik erzählt natürlich auch viel von einer Gesellschaft, viel über die Eltern, die ihre Kinder formen wollen, die sich schöne, kluge Kinder wünschen und das hässliche, unartige im Keller verstecken. Dass sich die hiesige Inszenierung aber auch lustvoll mit der Tyrannei der Kinder auseinandersetzen wird, greift den politisch unkorrekten Herangang der Tiger Lillies auf.

Wie lässt sich das Genre dieser Unternehmung beschreiben?
„Shockheaded Peter“ ist eine Art Musical, aber anders als in den klassischen Broadway-Musicals entwickeln sich die Songs nicht aus einer Szene oder spiegeln das Gefühlsleben der Protagonisten wieder, sondern sind das Zentrum, von dem alles ausgeht. Es sind die Verse des „Struwwelpeters“, die die Band noch ein wenig in ihrer Konsequenz zugespitzt hat, eben politisch unkorrekt und mit großer Lust an den Ungeheuern, die in uns Menschen schlummern – bei den Eltern und den Kindern. Die dazuerfundene Rahmenhandlung um einen Zeremonienmeister und die Songs stehen erst einmal nebeneinander und vermischen sich erst im Laufe des Abends. Das Stück nennt sich selbst Junk-Opera, ein Neologismus, um „the darkness“ zu betonen.

Previews: 27. und 29. Oktober, jeweils 19.30 Uhr, für 15 Euro Karten (05 11) 99 99 11 11

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