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Der Zufall ist erbarmungslos

Staatsoper Hannover Der Zufall ist erbarmungslos

Verdis berühmte Oper Die Macht des Schicksals zeigt eine Welt, in der die Menschen zu Opfern einer von ihnen selbst geschaffenen barbarischen Gesellschaft werden. Regie führt Frank Hilbrich.

Hannover. Aus einer weggeworfenen Pistole löst sich ungewollt ein Schuss und tötet einen betagten Edelmann, der sich der Liaison seiner Tochter mit einem unstandesgemäßen Fremdling in den Weg stellen wollte. Durch diesen Unfall wird eine Gewaltspirale entfesselt, die die Protagonisten in einen tödlichen Strudel zieht. Der erbarmungslose Zufall führt von Beginn an Regie in Verdis Oper „Die Macht des Schicksals“, deren musikalische Schönheiten seit jeher gepriesen werden, deren krude Handlung ihr aber den Ruf eingehandelt hat, neben dem „Troubadour“ eine der Opern mit der konfusesten Dramaturgie zu sein. Selbst Verdi war sich bewusst, dass die Unwahrscheinlichkeiten der Geschichte dem Publikum einige Toleranz abverlangen, und anlässlich der Erstaufführung in Rom schrieb er an seinen Verleger: „Bei so vielen Mängeln und so vielen Absurditäten des Librettos ist es ein Wunder, dass nicht wenigstens der Impresario davon getötet worden ist.“

Freilich hätte Verdi als erfahrener Theatermann nicht irgendein mittelmäßiges Libretto vertont und noch Jahre nach der Petersburger Uraufführung von 1862 an dem Werk gefeilt und geändert, wenn er nicht von der gesellschaftspolitischen Brisanz und der emotionalen Intensität des Stoffes überzeugt gewesen wäre, der auf ein 1835 entstandenes Drama des spanischen Herzogs und Schriftstellers Ángel de Saavedra zurückgeht. Erzählt wird die tragische Geschichte des jungen Inkasprosses Don Alvaro, der sich in Leonora, die Tochter des Marchese di Calatrava, verliebt hat und mit ihr flüchten will, weil sich Leonoras Familie gegen den „Ausländer“ sperrt. Besagter Schuss löst einen blindwütigen Rachefeldzug von Leonoras Bruder Don Carlo aus, der den Mörder seines Vaters und seine Schwester als vermeintliche Komplizin verfolgt, um beide zu töten. Diese haben sich unterdessen durch die Flucht vor dem Bruder aus den Augen verloren: Leonora sucht Zuflucht in einem Kloster, Alvaro hingegen hält sie für tot.

Es beginnt eine wirre Odyssee, in deren Verlauf sich die Kontrahenten begegnen, ohne sich zunächst zu erkennen, und deshalb Freundschaft schließen, dann aber doch wieder zu Todfeinden werden, nachdem ihre Identität enthüllt wird. Ihre Verfolgungsjagd verschlägt sie – ausgerechnet – in das Kloster, in das sich Leonora zurückgezogen hat. Es kommt zum Showdown: Carlo wird im Zweikampf von Alvaro tödlich verwundet, kann aber, bevor er stirbt, noch seine herbeigeeilte Schwester töten – und Alvaro bleibt in verzweifelter Erkenntnis der „Macht des Schicksals“ zurück.

Eingebettet ist diese Familientragödie in einen gesellschaftlichen Zusammenhang, der geprägt ist vom Wahnsinn des Krieges, von politischer Gewalt und der Diskriminierung des Fremden – und erst dieser Kontext verleiht dem individuellen Drama seine Tiefenschärfe. Der Fanatismus Don Carlos’ hat seine Entsprechung im Blutrausch eines manipulierbaren Volkes, das von der Einpeitscherin Preziosilla zu den Waffen gerufen wird und mit seinem Kriegsgeheul die Begleitmusik zum Weg in die endgültige Verelendung anstimmt. Carlos’ selbstzerstörerischer Furor, gegründet auf einen unhinterfragten Ehrenkodex und auf Standesdünkel, verallgemeinert sich in der Masse zu einer Gesellschaft, die in der Barbarei endet.

Vor diesem Hintergrund sind dann auch die vermeintlichen Ungereimtheiten der Handlung von Bedeutung. Denn über den Geschehnissen waltet ein nur vermeintlich „blindes“ Schicksal – blind deshalb, weil die Kausalität der Ereignisse von ihren Verursachern nicht gesehen wird. So wie wenn jemand, der begeistert in den Krieg zieht, sich wundert, wenn er dessen Brutalität am eigenen Leib spürt. Das Festklammern an starren Prinzipien, die eine Ordnung der Welt suggerieren, ist eine Flucht aus der Verantwortung für das eigene Handeln: Die Folgen dieses Handelns aber werden als unvermeidliche und zufällige Schicksalsschläge erlebt. Im Spannungsfeld von individueller Tragik und Massenhysterie erreicht die Oper, die zu Verdis überzeugendsten musikalischen Schöpfungen gehört, beklemmende Intensität.

Klaus Angermann

Die Macht des Schicksals

Oper in vier Akten von Giuseppe Verdi

Libretto von Francesco Maria Piave

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Öffentliche Generalprobe

28. Januar, 18.30 Uhr (mit einer Kurzeinführung um 18 Uhr und einem Nachgespräch)

Premiere

30. Januar, 19.30 Uhr, Opernhaus

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