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Schauspiel Hannover

Adams Apfelmus

Von Kristian Teetz

Wie viel Zweifel verträgt der Glaube? Felicitas Brucker bringt einen dänischen Film auf die Bühne des Schauspiels Hannover.
"Adams Äpfel" im Schauspielhaus Hannover

Erntezeit: Thomas Mehlhorn (links) als Ivan und Sebastian Schindegger als Adam

© katrin ribbe

Am Ende hat der Neonazi keine Glatze mehr. Skinhead Adam, das personifizierte Böse, hat sich zum Guten gewandelt. Am Anfang dagegen brüllt er „Sieg Heil“, zeigt den Mittelfinger und pöbelt Zuschauer an. Dazwischen muss ­etwas mit ihm passiert sein, doch was genau, das bleibt in Felicitas Bruckers Inszenierung der Bühnenfassung von Anders Thomas Jensens Film „Adams Äpfel“ seltsam unklar.

Wie passen ein guter Gott und all das Übel auf Erden zusammen? Ist Gott wirklich allmächtig und allgütig? Wie viel Zweifel verträgt der Glaube? Wieso passiert einem guten Menschen wie im Stück dem Landpfarrer Ivan so viel Schlimmes? Wie viel pure Vernunft verträgt der Mensch? Der Film spielt mit den Fragen, die sich aus dem alttestamentarischen Buch Hiob ergeben, er stellt zahlreiche Bezüge her – so spricht Gott aus einem Gewitter zu den Menschen, und immer wenn die Bibel zu Boden fällt, bleibt das Kapitel Hiob aufgeschlagen.

Jensen hat seinen Film als moderne Hiob-Geschichte angelegt. So wie der vorbildhaft fromme Familienvater aus der ­Bibel erduldet auch Pfarrer Ivan einen Schicksalsschlag nach dem anderen. Als Kind wird er vom Vater vergewaltigt, die Mutter stirbt früh, Ivan wird Vater eines schwerstbehinderten Kindes, die Ehefrau bringt sich um. Der Duldsame aber verdrängt das alles, folgt der Pippi-Langstrumpf-Doktrin und macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. So sind denn auch all die Pflegefälle, die er in seinem Pfarrhaus und seiner Kirche betreut, in seinen Augen gesundet: Gunnar (zurückhaltend: Wolf List), Khalid (zu überdreht: Sachiko Hara), Poul (vor allem in der Sterbeszene überragend: Beatrice Frey) und Sarah (erfrischend: Elisabeth Hoppe) saufen, rauben, vergewaltigen nicht mehr. Jedenfalls glaubt das der Pfarrer, die Realität aber sieht anders aus.

Dann kommt Adam in die Gemeinde, auch so ein Resozialisierungsfall, ausgerechnet der tumbe Neonazi wird Ivan die Augen öffnen, gemeinsam mit Dr. Kolberg (sehr musikalisch: Mathias Max Herrmann) deckt er auf, dass der Mann Gottes sich selbst all die Jahre belogen hat. Für Ivan, den Thomas Mehlhorn wunderbar als enervierend dauergrinsenden Gutmenschen spielt, bricht eine Welt zusammen. Sebastian Schindegger als Adam dagegen nimmt man weder die Aggressivität des Neonazis am Anfang ab, noch ist in seinem Spiel die Wandlung zum bauernschlauen Adam nachzuvollziehen, der mit aufklärerischem Drang zur Wahrheit Ivans Lügen­gebäude nach und nach einstürzen lässt.

Im Vergleich zum Film bleibt die Bühneninszenierung blass. Die Bezüge zum alttestamentarischen Text verschwinden trotz des Kruzifixes und der Kirchenbänke auf der Bühne ganz oder werden schnell überspielt. So schrumpft das Gewitter, das im Film in einer bilderstarken Szene Adams Apfelbaum symbolträchtig zerstört, zum kurzen E-Gitarren-Geschrammel und zum kleinen Bühnenfeuerwerk. Die Bibel wiederum dient lediglich als Wurfobjekt, um die Vögel aus dem Apfelbaum zu vertreiben.

Nun kann sich eine Bühnenfassung nicht sklavisch an den Film halten, dann wäre sie ja überflüssig. Doch Brucker, die vor drei Jahren in Hannover Elfriede Jelineks „Ulrike Maria Stuart“ inszeniert und mit Lukas Moodyssons „Lilja 4-ever“ im Berliner Gorki-Theater schon einmal einen Film als Vorlage für eine Inszenierung genommen hat, bietet auch keine neuen Ansätze an. Dabei stünden ihr viele Möglichkeiten offen: In der katholische Kirche etwa spielt das Thema Zweifel am Glauben momentan wegen der Missbrauchs­fälle eine große Rolle. Auch die Krise des Kapitalismus und die Chance der Kirchen, wieder zur sinnvollen Alternative zu werden, bewegen im Moment viele Menschen. Allein philosophische, theologische und kapitalismuskritische Monologe, die den Ursprungstext gewinnbringend erweitern, deuten eine Auseinandersetzung mit solchen Fragen an. Statt Tiefe gibt es Rätsel: Der Terrorist Khalid verkleidet sich als blonde Eva Braun und singt „Kein schöner Land“. Warum auch immer.

Es regnet viele Äpfel an diesem Abend. Mit dem symbolträchtigen Obst will Adam, der in Ivans Gemeinde die letzten Wochen seiner Bewährungsstrafe verbringt, einen Kuchen backen. Seine Aufgabe soll sein, den Apfelbaum „bis zum 1. August“ zu pflegen. Doch haben erst Vögel und dann Würmer etwas dagegen. Regisseurin Felicitas Brucker und Bühnenbildnerin Ulrike Siegrist verzichten dabei auf einen Baum. Sie lassen die Früchte von ganz oben, aus nicht sichtbaren Sphären herunterplumpsen. Schon nach kurzer Zeit ist die Bühne mit allerhand Fallobst bedeckt. Und weil Brucker im Laufe des Abends viel Wasser, Vogelmist und Blut auf den Boden gießen, fallen, tropfen lässt, wird es rutschig. Alles vermischt sich zu einer Art Fruchtmatsche, zu grobem Apfelmus. Wenn die Schauspieler dann immer wieder kunstvoll ausrutschen, sieht man leider nur noch Slapstick und nicht mehr viel vom tiefgründigen schwarzen Humor aus Jensens Filmvorlage.

Zwischen den höflichen Applaus für die Regie mischen sich Buhrufe, die Schauspieler ernten mehr Zustimmung. Trotz einiger guter Ideen wurde die Chance, sich auf der Bühne mit aktuellen Fragen zu Kirche und Glauben auseinanderzusetzen, verpasst.

Weitere Vorstellungen am 3., 5., 9., 20. und 24. Juni, jeweils 19.30 Uhr.

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