Es geht um Sekunden. Wenn Siegmund im ersten Akt von Richard Wagners „Walküre“ Hilfe suchend seinen verschwundenen Vater anruft, löst er damit im Publikum normalerweise kein Mitleid aus, sondern die innere Stoppuhr: Kann sich der Tenor durch besonders ausdauernde und laute Töne in die ewige Bestenliste des Wagnergesangs einschreiben? In Hannover, wo Barrie Koskys mit Spannung erwartete „Ring“-Inszenierung jetzt in die zweite Runde gegangen ist, muss Vincent Wolfsteiner auf jeden sportlichen Ehrgeiz verzichten. Er hält die Fermate genauso lang, wie es musikalisch sinnvoll ist (also kurz) – und trifft doch mit seinen „Wälse“-Rufen mitten ins Herz. Hier ist einmal zu erleben, dass Siegmund wirklich in der „höchsten Not“ steckt, von der er immer singt.
Bei Kosky ist Siegmund nicht erst in der dritten Szene ein trauriger Antiheld. Schon zu Beginn der Oper bricht nicht der übliche, dekorativ zerkratzte Abenteurer in die Zivilisation ein, sondern ein psychisch Versehrter. Statt zur großen Geste auszuholen, zupfen seine Hände haltsuchend am T-Shirt – man braucht die Geschichte gar nicht zu kennen, um zu bemerken, dass hier jemand mit schwieriger Kindheit auf der Bühne steht. Klaus Grünberg hat sie im ersten Akt spektakulär als funktional kaltes Wohnzimmer gestaltet, das als eine Art Blackbox frei im Bühnenraum zu schweben scheint: Kontakt zur Außenwelt wird man hier vergeblich suchen.
In diesem eleganten und beklemmenden Raum lebt Sieglinde (Kelly God), um deren psychische Konstitution es nicht besser bestellt ist als um die ihres Bruders. In vorauseilendem Gehorsam erwartet sie die Rückkehr ihres sadistischen Mannes Hunding (angemessen grob: Albert Pesendorfer) direkt an der Tür. Sobald er diese durchschreitet, entschuldigt sie die Anwesenheit Siegmunds: „Müd’ am Herd fand ich den Mann.“ All das Warten, Drohen und In-den-Raum-Starren, das sonst oft in dieser Szene zu sehen ist, wird überflüssig. Allein der überraschend späte Auftritt Hundings schafft eine neue Spannung – auch so kann man aus der Musik heraus inszenieren.
Sieglinde allerdings nützt das vorerst wenig – Kosky lässt sie Hundings Schläge besonders oft und schmerzhaft spüren. Sein Unbehagen am Prinzip Männlichkeit (Hunding verkörpert die patriarchalische Gesellschaft) wird so das erste Mal deutlich artikuliert.
Es erfährt noch eine Steigerung, wenn Siegmund das vermeintlich rettende Schwert, das eigentlich starr einem Baumstamm entragen sollte, aus einer Art Fruchtblase zieht, die wie ein Geschwür an der Decke des sonst durchgestalteten Zimmers wuchert. „Heraus aus der Scheide zu mir“: Der Schleim, der Schwert und Worte begleitet, lässt keinen Zweifel, dass Siegmund hier nicht die Fachsprache der Waffenbesitzer bemüht. Und wenn der hünenhafte Hunding später ein stummelartig kurzes Messer schwingt, wird endgültig klar, dass das starke Geschlecht hier ausgespielt hat.
So scharfes szenisches Profil der erste Akt bekommt, so klingt er auch: Der für seine „Rheingold“-Sicht mancherorts gescholtene Wolfgang Bozic setzt hier auf vom Dialog bestimmte, klug strukturierte Tempi – und verstärkt so die mitreißende Wirkung der Musik sehr raffiniert. Dass er ausgerechnet am Ende dieses Aktes mit Buhrufen bedacht wurde, ist eigentlich kaum verständlich, zumal sich das Orchester bis in die flexible Sitzordnung hinein auf eine Wagner-Tradition besinnt, die mit wuchtigem Blech und fülligen Streichern das Kammerspiel auch klanglich immer wieder zum großen Drama erhebt.
Etwas unkonventioneller tönen dagegen die Sänger: Vincent Wolfsteiner verleiht Siegmund ohne jeden Kraftverlust eine attraktive, helle Jugendlichkeit, und auch Kelly God klingt etwas leichter, als man es von Sieglinde erwarten würde. Damit passen die Protagonisten des ersten Akts gut in das gesamte Ensemble: Brigitte Hahn muss ohne die volle Durchschlagskraft eines hochdramatischen Soprans auskommen, macht das aber durch ihre flexible und leuchtende Stimme über weite Strecken wett. Robert Bork singt Wotan mit schönem Bariton, stößt allerdings hin und wieder an die Grenzen seiner Kraft.
Einen Teil davon muss er sicherlich im zweiten Akt lassen, wo er auch körperliche Fitness unter Beweis zu stellen hat: Wotans Streitgespräch mit Fricka (eher exzentrisch: Khatuna Mikaberidze) absolviert er als viel beschäftigter Staatsmann zunächst nachlässig bei gymnastischen Übungen. Seinen großen Monolog singt er dann aller Rollen entkleidet von Mensch zu Mensch vor dem Vorhang. Mithilfe von Bozic, der zumindest den Feuerzauber rücksichtsvoll dynamisch staffelte, reichte es aber trotz aller Anstrengung schließlich für einen imposanten Schluss.
Genau den enthält Regisseur Kosky dem Publikum vor: Wie schon am Ende von „Rheingold“ meidet er das Pathos. Sein Walkürenfelsen ist eine geisterhafte Tankstelle, an der sich die Walküren (die hier durch Statisten zahlenmäßig verdoppelt werden) als eine Art Mädchenbande zum Trinken und Männermorden treffen. Kein Wunder, dass diese Frauen es als höchste Strafe empfinden, sich einem (Ehe)mann unterordnen zu müssen, wie Wotan es mit Brünnhilde vorgesehen hat. Dass er ihren Schlaf dann doch noch mit einem Feuerwall schützt, ist in Hannover mehr Möglichkeit als Bühnenrealität: Brünnhilde liegt in einem Kreis aus Benzin – und bekommt von Wotan eine Fackel in die Hand. Die mögliche Explosion bleibt den kommenden „Ring“-Folgen vorbehalten: Man darf gespannt sein, ob die Frau dabei das letzte Wort behält.
Wieder am 30. Mai sowie am 18., 20. und 24. Juni in der Staatsoper Hannover. Kartentelefon: (05 11) 99 99 11 11.
HAZ.de Anmeldung