Wenn sich alles verändert, bleibt die Zeit stehen“, erklärt Viviane dem Publikum. Viviane De Muynck ist eine magische, sehr begnadete Schauspielerin mit molligen Maßen. Für zwei Stunden bleibt auf der Bühne des Schauspielhauses, in dem das Tanztheater International am Freitag Abend zu Gast war, die Zeit stehen, denn alles verändert sich, und alles verändert sich gleichzeitig: Der spindeldürre Maarten klimpert versonnen auf dem Klavier, die vom Titelbild einer „Vogue“ entsprungen zu sein scheinende Inge und der exotisch wirkende Misha zittern Pobacke an Pobacke um die Wette, Leó (die Abkürzung von Eléonore) weint herzzerreißend um ihren Bruder, der im Kosovo erschossen wurde, Benoît und Annika lesen aus dem Kriegstagebuch des Bruders vor. Viel von heute ist hier zu sehen: Die Gegenwart explodiert.
Sie explodiert unter anderem in einem garderobenähnlichen Raum, wo sich Viviane und die zehn anderen von Jan Lauwers’ Needcompany während des ersten Aktes mit puscheligen Stofffetzen als Wichtel verkleiden und dabei lauwersche Balladen singen. Riesige Ohren stülpen sie sich auch über. Vielleicht, damit wir uns erinnern, dass Hören ein Labsal sein kann? Die Figuren sehen merkwürdig aus. Und doch bleiben sie auf der Bühne immer auch, was sie abseits vom Theater sind: Menschen mit Gefühlen. Es sind leidenschaftliche Tänzer und sensible Schauspieler, die einen festgeschriebenen Text sprechen, der in einem Taschenbuch aus dem Fischer Verlag nachgelesen werden kann (Jan Lauwers: „Sad Face / Happy Face“).
Nach „Isabellas Zimmer“ und „Der Lobstershop“, beide Stücke hatte Festivalchefin Christiane Winter in früheren Festivalausgaben vorgestellt, ist „Das Hirschhaus“ nun der dritte und letzte Teil einer Trilogie über das Wesen des Menschen, der nicht vom Glück, sondern von der Trauer gehalten ist, wie Viviane uns belehrt. Viele solche nachdenkenswerte Sätze fallen im Lauf des Spektakels, das zwischen Schau- und Tanzspiel changiert und Kleists viel zitiertes Traktat „Über das Marionettentheater“ fortschreibt, das den Einklang zwischen Sein und Bewusstsein beschwört.
Die Choreografie ist eine philosophische Etüde über die Ränder dessen, was geschieht und was wir glauben, was geschieht, und sie ist ein Lehrbeispiel dafür, was der Homo ludens vermag: Spielen, dass der Zuschauer begreift, wie viele Geschichten jeder Einzelne mit sich herumträgt. Wie beispielsweise Grace, die im zweiten Akt. Als alle im verwunschenen Hirschhaus mit den weißen Hirschleibern aufs Weihnachtsessen warten und so tun, als ob sie tot wären, ist sie die Verrückte, die als Einzige die Wahrheit sagt. Grace, das ist Grace Ellen Barkey, die vor 25 Jahren mit Jan Lauwers in Brüssel die Needcompany gründete. Nur Léo ist nicht die, deren Bruder im Kosovo erschossen wurde, das ist Tijen, aber das ist wieder eine andere Geschichte dieses manchmal auch komplizierten Winternachtstraums. Am Ende gab es überschwänglichen Beifall von denen, die gern nachdenklich und glücklich das Theater verlassen.
Einen Abend später, diesmal im Ballhof Eins, präsentierte das Festival ein weiteres Tanztheaterstück, dessen Gedankenwelt einen noch lange verfolgt: „Independent Swan. eine WahnVorstellung“ lautet – in recht kruder Schreibweise – der Titel. Jo Fabian Department heißt die Compagnie, die ebenfalls schon mehrfach beim Festival gastierte. Jo Fabian ist ein Choreograf, der sein Unbehagen an Deutschlands Gegenwart und Vergangenheit gern in lautstarke Bilder umsetzt. Drei Trommler vor einem – mit roten Stoffbahnen bespannten – Bambusgerüst liefern den eintönigen Rhythmus dafür. Zwei Tänzer und zwei Tänzerinnen in Springerstiefeln und schwarzem Mantel mit roter Armbinde zelebrieren so akkurat wie anmutig ein Bewegungsvokabular, das sowohl im Militär als auch in der Taubstummensprache angesiedelt sein könnte. Manchmal erinnert eine Bewegung sogar an den Hitler-Gruß: Deutsche Vergangenheit, getanzt.
Jo Fabian, „im Stalinismus groß geworden“, wie er selbst sagt, und nach der Wende mit dem „Schwachsinnsmüllhaufen von Avantgarde der ganzen Welt“ konfrontiert, will Widersprüche aufdecken. Ein unabhängiger Schwan also, auch der wird getanzt, auf Spitze und in Springerstiefeln, und danach regnen unschuldig weiße Daunen auf die Schwanenfrau herab, die sich balletös ihrem Schicksal ergibt. Und Schuhplattler wurde zwischendurch auch getrampelt. Aber auch das ist wieder eine andere Geschichte.
Noch ist nicht einmal Halbzeit bei dieser Jubiläumsausgabe von Tanztheater International. Doch mit seinen ersten drei Gastspielen, den Finnen zur Eröffnung, den Flamen am Freitag und mit Jo Fabian, ließe sich schon jetzt eine kleine Erfolgsgeschichte aufschreiben – über die hochkarätige Vielfalt der zeitgenössischen Tanzszene im westlichen Europa.
Heute und morgen beim Tanztheater Festival: Pierre Rigal mit dem Solo „Press“; und am Mittwoch Rigals Compagnie dernière minute mit „Asphalte“, beide Gastspiele im Ballhof Eins.
Alexandra Glanz
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