Beide sind schwarz-gelb gekleidet, was aber wohl keine politische Anspielung bedeuten soll. Phil und Barbie empfangen die Leute, die die Inszenierung von „Was der Mond rot aufgeht. Wie ein blutig Eisen“ sehen wollen, im Foyer des Schauspielhauses. Sie führen zum Bus, der zum Ort des Geschehens fährt, dem Gelände des Kleingärtnervereins Bornumer Holz. Phil und Barbie sind von aufdringlicher Freundlichkeit und duzen alle – sind aber zugleich streng. Im Bus darf zuerst nicht geredet, Prosecco (aus der Dose!) nur auf Kommando getrunken werden, ein Fragebogen muss ausgefüllt werden. Dazu singt Barbie Louis Armstrongs „Oh what a wonderful world“. Angekommen in Bornum geht es gleich so weiter: Anstehen an Tischen, wo Voucher ausgeteilt werden (unter anderem für die Toilettenbenutzung), Einteilung in Gruppen, Bekanntgabe eines Zeitplans.
Kurzum, die Schwarz-Gelben nerven (nein, keine politische Anspielung). Aber nur so lange, bis man den Sinn des Ganzen versteht: Hier ist man kein passiver Zuschauer, man ist Teil einer Inszenierung und inszeniert sich selbst mit. Und diese Inszenierung der Gruppe Kulturfiliale unter der Leitung von Marco Stormann, bestehend aus ehemaligen Assistenten des Schauspielhauses, ist gleichermaßen witzig wie gelungen. Um die Schreber-Idylle geht es, um den Rückzug in die Utopie der reinen Natur, in der in Wahrheit strenge Regeln gelten. Das spiegelt treffend die Persönlichkeit Moritz Schreibers (1808–1861) wider, des Begründers der Kleingartenbewegung, der, um es sehr milde auszudrücken, eine recht eigenwillige Figur war.
19 Uhr: Der Bus ist in Bornum eingetroffen. Bis 20.30 Uhr ist Gartendienst in eigener Verantwortung angesagt. Also rein in die Kolonie, es entfaltet sich ein begehbares Stationendrama. In den meisten Gärten herrscht eine gestutzte Ordnung, die es in der Stadt nicht gibt. Man schaut sich um, darf ganz legal „Pflaumen klauen“ (sind aber Zwetschgen), sieht im Doll House eine Versammlung großer Figuren, stolpert am Bahndamm in eine Sackgasse hinein und besucht einen verwachsenen Feengarten. Man wird auch von Schwarz-Gelben empfangen, die zur Gymnastik mit Fallobstäpfeln auffordern oder auf Englisch darüber aufklären, dass Pflanzen höchst empfindsame Lebewesen sind. Darf man die jetzt auch nicht mehr essen? Grenzenlos ist die Freiheit freilich nicht: Schilder verkünden, hier sei der Durchgang verboten. Und was steht bei der Station Sound of Silence („Öffne Deine Sinne und lausche den entrückten Klängen der Natur“) unter der Botschaft? Eine Einladung zum Damen-Kaffeetrinken am 25. September.
20.30 Uhr: Die Agentur Greenworks, die nach Bornum entführt hat, fordert in einem Kleingarten zum Beitritt in ihren Schreberverein auf. Da sitzen alle Kandidaten artig auf ihren zugeteilten Plätzen, essen Wurst mit Kartoffelsalat und saurer Gurke und lauschen einem PR-Feuerwerk, das Phil alias Philippe Goos abbrennt. Da wird nun wirklich nichts ausgelassen: das typische deutsch-englische Sprachdurcheinander von Event-Agenturen, die gesuchte Distanzlosigkeit zwischen Macher und Gemachten, die aufdringliche Rhetorik von Wahlkampf und Verkaufstour, die Bio-Esoterik und das Gutmenschengetue. Es endet mit einem allgemeinen rituellen Zwiebellegen. Derweil stehen die echten Kleingärtner am Zaun, staunen und denken wahrscheinlich: Die spinnen wohl, die ...
21.15 Uhr: Die Lichter verlöschen. Dafür flammen draußen Handscheinwerfer auf. „Folgt dem Licht“, so lautet die Parole. Das Licht führt nun zwar nicht zur inneren Erleuchtung, wohl aber nach längerem Fußmarsch zur Stadtbahnstation Körtingsdorfer Weg. Die Bahn der Linie 9 kommt auch gleich. Gut getimt.
PS: Der Mond hat nicht geschienen, aber es wurde ja auch nicht Georg Büchners „Woyzeck“ gegeben.
Ekkehard Böhm
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