Anja Dirks, Leiterin des Festival "Theaterformen" in Braunschweig
Frau Dirks, Sie feiern gerade zwanzig Jahre „Theaterformen“. Werden Sie auch den 25. Geburtstag des braunschweigisch-hannoverschen Theaterfestivals feiern können?
Natürlich gehe ich davon aus, dass das Festival seinen 25. Geburtstag feiern kann. Was mich betrifft: Ich weiß noch nicht, was ich in fünf Jahren machen werde.
Es scheint mutig, davon auszugehen, dass das Festival seinen 25. Geburtstag feiern wird, wenn man bedenkt, wie massiv im Kulturbereich in den kommenden Jahren gespart werden muss.
Anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums des Festivals geben wir jetzt eine kleine Publikation heraus, in der die Geschichte des Festivals erzählt wird. Das Festival hat schon so oft seine eigene Abschaffung überlebt, dass es auch die nächsten Schwierigkeiten meistern wird.
Warum sollte man sich für den Erhalt der Theaterformen einsetzen?
Weil es anders als vor zwanzig Jahren jetzt wirklich in den Städten angekommen ist. Und weil es sich auch eine internationale Reputation erarbeitet hat. Die Theaterformen sind weltweit eine bekannte Marke geworden. Das sollte man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.
Und so teuer ist das Festival ja auch gar nicht.
Eben. Die Finanzierung ist eine kluge Konstruktion. Sie ruht auf verschiedenen Schultern – dem Land Niedersachsen, den Städten Braunschweig und Hannover und Stiftungen wie der Stiftung Niedersachsen und der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz – da ist es für jeden Einzelnen der Beteiligten nicht so ein riesiges Projekt. Da wir auch immer zusätzliche Mittel einwerben, haben wir in diesem Jahr einen Gesamtetat von 1,2 Millionen Euro. Das ist nicht üppig, aber auch nicht wenig.
Afrika ist ein Schwerpunkt des Festivals. „Presence of the Colonial Past – Afrika auf Europas Bühnen“ heißt ein Themenwochenende, das von der Kulturstiftung des Bundes gefördert wurde. Ist Ihnen Afrika wegen der Fußball-Weltmeisterschaft besonders wichtig?
Mein Interesse an diesem Thema ist schon ein bisschen älter. Für das Festival „Theater der Welt“ hatte ich den Auftrag, mich in der Theaterlandschaft Afrikas umzuschauen. Dabei hat mich erschreckt, wie abhängig Künstler in Afrika von europäischen Geldern, von der europäischen Kultur und vom europäischen Geschmack sind. Hier bildet sich ein gesellschaftliches Missverhältnis unmittelbar ab.
Beteiligen sich nicht auch Festivals wie die Theaterformen an dieser Art von Kulturkolonialismus?
In gewisser Weise ja. Aber die Frage ist doch, wie postkolonial ist Europa wirklich? Und wie unabhängig sind die afrikanischen Staaten? In den Strukturen der Kultur bildet sich ja nur das ab, was in den gesellschaftlichen Strukturen sowieso vorhanden ist. Im Falle Afrika ist man in Europa entweder herablassend oder verklärend. Erstaunlicherweise gesteht man in Europa den afrikanischen Künstlern oft nicht zu, dass auch sie im 21. Jahrhundert leben. Man spricht ihnen jede Form von Modernität ab. Dieser europäische Blick auf afrikanische Kultur interessiert uns, weil er auch in Bezug auf uns Europäer aufschlussreich ist.
Warum sollen sich die Zuschauer in Braunschweig bei den Theaterformen mit dem europäischen Blick auf Afrika auseinandersetzen?
Auch wenn wir uns nicht für Afrika interessieren – Afrika interessiert sich für uns. Europa schottet sich ab, aber trotzdem riskieren jedes Jahr Abertausende von Menschen ihr Leben, um hierherzukommen. Das geht uns etwas an. Ob wir wollen oder nicht. Das sind unsere Zeitgenossen, wir teilen unseren Planeten mit ihnen. Natürlich muss uns das interessieren.
Eröffnet wird das Festival von „Le Grand Nain – der große Zwerg“. Gleich danach kommen „Die Bremer Stadtmusikanten“. Haben Sie es diesmal besonders auf die Kinder abgesehen?
„Der große Zwerg“ ist kein Kinderstück, auch wenn es sich für ein jugendliches Publikum durchaus eignet, es ist ein atmosphärisch ganz dichtes, sehr visuelles Stück über die Frage, wie wir mit dem Fremden umgehen. Aber ja, wir haben diesmal ein besonderes Angebot für Kinder im Programm. Das ist bei einem internationalen Festival nicht immer ganz einfach, weil die Sprache manchmal eine Barriere ist. Umso mehr freue ich mich, dass wir einige sehr mutige, sehr innovative Formen des Kindertheaters einladen konnten.
Sie suchen weltweit nach spannenden neuen Theaterformen. In welcher Region sind Sie – jenseits von Afrika – besonders fündig geworden?
Viel passiert in Argentinien. Buenos Aires ist immer noch eine ungeheuer lebendige Theaterstadt. Theater gehört hier ganz selbstverständlich zum Leben der Menschen dazu. Die Leute gehen aus, nutzen den Tag, nehmen mit, was geht. Das hat etwas mit der traumatischen Erfahrung der Wirtschaftskrise vor einigen Jahren zu tun. Fürs Theater ist diese Haltung natürlich toll. Hier gibt es eine große, lebendige Theaterszene. Deshalb haben wir drei argentinische Produktionen zu den Theaterformen eingeladen.
Wenn das Festival endet, beginnt die Fußball-WM. Das scheint gut koordiniert.
Ja, das war meine erste Amtshandlung: Ich habe das Festival eine Woche vorverlegt, damit wir nicht parallel zur Weltmeisterschaft spielen.
Aber wenn es Anfang Juni beginnt, beginnen auch die Kunstfestspiele Herrenhausen. Das scheint schlecht koordiniert. Wie wird das im kommenden Jahr sein: Finden dann in Hannover zwei Festivals gleichzeitig statt?
Nein. Für das kommende Jahr haben wir uns verständigt, sodass die Festivals nicht mehr gleichzeitig stattfinden. Die Kunstfestspiele werden etwas früher anfangen, wir etwas später.
Mehr unter: www.theaterformen.de