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„Don Giovanni“ ohne Don Giovanni

Mozart in der Staatsoper „Don Giovanni“ ohne Don Giovanni

12 Jahre nach der skandalösen Inszenierung von Regisseur Calixto Bieito feiert die Staatsoper erneut Premiere mit dem Mozart-Stück „Don Giovanni“. Es ist eine ebenso radikale wie eindrucksvolle Produktion von Benedikt von Peter - das Publikum reagiert mit Buh- sowie Bravo-Rufen.

Opernplatz 1, Hannover 52.37308 9.74111
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Masetto (Daniel Eggert) und Zerlina (Heather Engebretson) im Kampf.

Quelle: Thomas M. Jauk

Hannover. Es ist mittlerweile 12 Jahre her, dass ein „Don Giovanni“ an der Staatsoper Hannover Premiere hatte. Der hatte es in sich. Der katalanische Regisseur Calixto Bieito sorgte mit seiner Inszenierung für einen Skandal: Immerhin hatte der Provokateur unter den Regisseuren den großen Verführer der Operngeschichte zu einer Art Gossen-Juan degradiert. Auch der neue „Don Giovanni“ an der Staatsoper – eine Regiearbeit des Bremer Operndirektors Benedikt von Peter – hat das Zeug zum Aufreger. Hier kommen zwar keine auf offener Bühne urinierenden Adeligen vor. Dafür rückt einem unter anderem eine übergroß auf eine Videoleinwand projizierte Massenorgie gefährlich nahe.

Von Peter greift überdies auf eine viel essentiellere Weise als damals Bieito in Mozarts Oper ein: Nachdem der 37-jährige sich in seiner „Traviata“ ganz auf die Hauptfigur konzentrierte, lässt er diesmal den Titelhelden weg. Von Peter inszeniert – und das ist eine bemerkenswerte Tatsache – einen „Don Giovanni“ ohne Don Giovanni.

Es ist eine ebenso radikale wie eindrucksvolle Inszenierung in der Staatsoper Hannover: In der „Don Gionvanni“-Umsetzung des Regisseurs Benedikt von Peter gibt es keinen Don Giovanni.

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Ohne einen Frauenhelden jedenfalls, der als psychologisch gestaltete Figur auf der Bühne agiert. Denn auf eine andere, sehr moderne Weise ist der „Don Giovanni“ in der neuen hannoverschen Inszenierung omnipräsent. Den Verführer sehen wir nicht. Aber all das, was der Frauenheld mit seiner geradezu diabolischen Lust an moralischer und sexueller Grenzüberschreitung an Gefühlen in seinen Gegenspielern auslöst, sehen wir an diesem Abend viel genauer als sonst. Wir sehen es sogar wie durch seine Augen. Wie das geht? Von Peter hat hinter einem Vorhang eine Kamera installiert, die den Sängern anstelle des leibhafigen Don Giovanni als Gegenüber dient – und sie bei all ihren Aktionen filmt. Übergroß und in Schwarz-Weiß starren uns – auf einer ansonsten spartanisch ausgestatteten Bühne – ihre auf eine Leinwand projizierten Gesichter an. Alle Gefühle, die der notorische Verführer auslöst, Donna Elviras verzweifelte Sehnsucht nach Liebe, Zerlinas selbstzerstörerisches Begehren, die Rachelust Donna Annas oder auch der blanke Hass Masettos auf seinen übermächtigen Nebenbuhler, spiegeln sich in ihren Gesichtern, scheinen uns durch die filmische Vergrößerung förmlich anzuspringen (Bühne: Katrin Wittig, Video: Bert Zander).

Don Giovanni is watching you

Was (über-)große Nähe suggeriert, hat zunächst erstaunlicherweise aber einen distanzierenden Effekt. Wie der reale Vorhang sich zwischen Sänger und Publikum schiebt, so schieben sich die über die Bühne flimmernden Bilder zwischen das Publikum und die so komplex komponierte und zugleich so direkt, so unmittelbar wirkende, Mozartsche Musik. Seltsam kalt, ja manchmal an der Grenze zu unfreiwilliger Komik wirkt beispielsweise die Szene, in der Don Giovanni den Komtur erschießt. Da geht es immerhin um einen Mann, der einem anderen ohne jedes Mitgefühl quälende Momente lang beim Sterben zusieht. Inszeniert ist das hier wie in einem billigen 60er-Jahre-Krimi. Man sieht mit einer Pistole herumfuchtelnde Hände, danach ahnt man den Mörder, den Blicken von Donna Anna und Don Ottavio folgend, im Blätterversteck. Grell überzeichnet, ja hysterisch wirkt Donna Annas Verzweiflung über den Tod des Vaters, merkwürdig deplatziert Don Ottavio, der statt mit seiner Verlobten mitzufühlen, seltsam hilflos die Gamaschenschuhe des Komturs an sich drückt.

Wirkliche Nähe, Intimität, entsteht erst dann, wenn die Kamera ausgeschaltet ist, wenn Donna Elvira, Donna Anna oder Ottavio allein mit sich und der Musik auf der kargen Bühne stehen und ihre großen Solo-Arien singen. Das hannoversche Sängerensemble mit Dorothea Maria Marx (Donna Anna), Monika Walerowicz (Donna Elvira) und Abdellah Lasri (Don Ottavio), aber auch Heather Engebretson (Zerlina), Daniel Eggert (Masetto), Abdellah Lasri (Don Ottavio) oder Michael Dries (Komtur) zeigen dabei eine erstaunliche Gesamtleistung. Jeder versteht es auf seine Weise zutiefst zu berühren und zugleich sängerisch auf höchstem Niveau zu agieren. Das Staatsorchester unter Benjamin Reimers spielt dazu manchmal zwar etwas forciert und mit deutlichem Fokus auf den Streichern, aber zumeist sehr inspiriert und druckvoll auf. Je länger die Inszenierung dauert, desto deutlich wird aber, dass es von Peter gerade um dieses Spiel mit Nähe und Distanz geht. Er will das große Thema der Oper, das menschliche Begehren, in immer neuen Facetten beleuchten, will es intellektuell und emotional erfahrbar zu machen.

Viel näher als gewohnt rückt uns Mozarts Musik, wenn der Regisseur das Hammerklavier (Alexander Ruef) statt in den Orchestergraben auf die Bühne stellt, wenn er Chor und Teile des Orchesters mitten ins Publikum, in die Ränge der Staatsoper versetzt. An musikalischer Unmittelbarkeit kaum zu übertreffen ist es, wenn im zweiten Akt der unsichtbare Don Giovanni (auch als bloße Stimme sehr präsent: Brian Davis) zu den Klängen einer Mandoline in die Canzonetta „Deh vieni alla finestra“ all seine Sehnsucht nach Berührung legt. Auch die filmischen Projektionen setzt von Peter nicht nur als distanzierende Mittel ein. Der berühmte Maskenball löst sich am Schluss in eine Massenorgie auf. Nackte Leiber sieht man da auf der Leinwand zu den polyrhythmischen Klängen Mozarts sich neben- und übereinander wälzen. Die Begierde des Einzelnen geht in einem kollektiven Rauschzustand auf.

Als sei das noch nicht genug für einen Opernabend, den man so schnell nicht vergessen wird, hat Benedikt von Peter für sein Publikum am Ende noch einen Clou parat. Nicht der Komtur ist es, der Don Giovanni mit sich reißt. Sein Diener Leporello (großartig singend und spielend: Shavleg Armasi) richtet die Pistole auf beide, ehe dann Don Giovanni stirbt. Leporello ist es, der zwischen diabolischer Lust am Bösen und der Kraft des Gesetzes hin- und hergerissen ist. Er wird neben der übermächtigen Kunstfigur des Don Giovanni zum Stellvertreter für den normalen Menschen, zur alles überstrahlenden Identifikationsfigur. Am Ende tobt im Opernhaus ein Widerstreit zwischen Buhs (vor allem für die Regie) und lauten Bravo- und Zugaberufen. Verdient hätte es dieser in jeder Hinsicht exzeptionelle Abend, dass dieser „Don Giovanni“ ähnlich wie von Peters „Traviata“ ständig ausverkauft ist.
Wieder am: 25. Mai, 18.30, 27. Mai 19.30 Uhr, 14. und 19. Juni, 19.30 Uhr.

Weitere Aufführungen

Wieder am: 25. Mai, 18.30, 27. Mai 19.30 Uhr, 14. und 27. Juni, 19.30 Uhr. Karten und Informationen unter: www.staatstheater-hannover.de.

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