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Frauen, die gegen Wände rennen

Maxim Gorki Theater im Schauspiel Hannover Frauen, die gegen Wände rennen

Das Maxim Gorki Theater macht mit Sibylle Bergs „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ im Schauspiel Hannover Station. Während die Inszenierung den Text mit viel Energie und Elan umsetzt, bleibt dabei allerdings der Text immer etwas oberflächlich, huscht durch große Themen, ohne stehenzubleiben.

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Die Frauenbewegung: Nora Abdel-Maksoud, Rahel Jankowski, Suna Gürler und Cynthia Micas tanzen eine multiple Persönlichkeit.

Quelle: Thomas Aurin

Hannover. Zu Beginn watscheln vier Frauen in übergroßen Pullovern und mit Wasserflaschen in der Hand auf die Bühne. Die Erwartungen an das Gastspiel des Maxim Gorki Theater im Schauspiel Hannover sind hoch, zum einen, weil der Regisseur Sebastian Nübling immer für eine Überraschung gut ist. Zum anderen, weil das für die Autorin Sibylle Berg genauso gilt.

Sibylle Berg ist so etwas wie das Sprachrohr der internetaffinen Twenty-und Thirtysomethings. Kein Artikel, keine Kolumne, die nicht von zustimmenden Likes begleitet durch die sozialen Netzwerke gejagt würden. Als Autorin ist Sibylle Berg produktiv: Sie schreibt Artikel, Romane, und auch Theaterstücke. „Es sagt mit nichts, das sogenannte Draußen“ wurde von der Fachzeitschrift „Theater Heute“ zum Stück des Jahres 2014 gewählt.

Die Bühne ist leer, der eiserne Vorhang ist heruntergelassen. Kulissen gibt es nicht. Die vier Frauen beginnen, chorisch von ihrem Leben zu erzählen, manchmal fallen sie dabei aus dem Rhythmus, finden wieder zusammen, jede der Darstellerinnen pflegt ganz eigene Bewegungen. Die vier sind, sagen sie, Teile einer in sich widerstreitenden Person. Einer Frau, die abends allein in ihrem Zimmer sitzt, immer wieder von SMS, Messengern, dem Telefon unterbrochen wird. Ihre Schwester, eine Freundin, ihre Mutter melden sich, während sie sich fragt, was das alles soll.

Das alles heißt: ihr Leben. Wie sie leben soll. Wie sie sich nach außen darstellen soll. Was sich lohnt zu leben. Wer sie, im Kontext der Gesellschaft, ihrer Generation, eigentlich ist. Nichts von dem, was die widerstreitenden Persönlichkeitsabspaltungen reflektieren stammt von ihnen - sie basteln sich selbst aus Medienversatzstücken zusammen, aus Songs, aus halb verstandenen Trends, die schon wieder vorbei sind. Identitätsfindung also, die auch immer um die Frage nach der Möglichkeit einer Rebellion kreist, in einem System, das jede Rebellion ironisiert und weiterverkauft. Immer wieder stampfen die vier auf den Boden und reden mit einem mysteriösen, unsichtbaren „Paul“, der angekettet im Keller liegt, eine Vaterfigur.

Die reduzierte Bühne gibt den Darstellerinnen viel Platz für Gesten, für Aktion: Sie rennen hin und her, auf der Stelle und immer wieder gegen die Wand, stampfen, singen und tanzen mit ironischen, großen Gesten, schwitzen, und zeigen in der Persönlichkeitsfindungscollage eine große, man möchte sagen grandiose Spielfreude.

Während die Inszenierung den Text mit viel Energie und Elan umsetzt, bleibt dabei allerdings der Text immer etwas oberflächlich, huscht durch große Themen, ohne stehenzubleiben. Dabei geht es ihm wie seinen Figuren, die in einer beschleunigten Welt mit sich selbst nicht mithalten können: Etwas Entschleunigung hätte ihm gutgetan.

So jedenfalls bleibt „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ ein - allerdings toll gespieltes - Gespräch am WG-Küchentisch gegen 3 Uhr morgens, das sich zwar wichtig anfühlt, aber am nächsten Tag schon wieder verpufft ist.

Das nächste Gastspiel am Schauspiel Hannover gibt es am 19. und 20. April. Dann zeigt die Berliner Volksbühne Herbert Fritschs Inszenierung „Murmel Murmel“ nach Dieter Roth. Der Vorverkauf hat begonnen. Karten gibt es unter (05 11) 99 99 11 11.

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