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„Israels Besatzung prägt auch Theater in Palästina“

Interview mit Florian Fiedler „Israels Besatzung prägt auch Theater in Palästina“

Schauspielregisseur Florian Fiedler spricht über seine Theaterarbeit im Westjordanland – und der schwierigen Lage von Jugendlichen in Bethlehem.

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Portrait von Regisseur Florian Fiedler auf dem Ballhofplatz

Quelle: Insa Catherine Hagemann

Sie leiten in Hannover das Junge Schauspiel und haben auch in Palästina schon Theaterarbeit mit Jugendlichen gemacht. Was ist da ähnlich, was ist anders?
Die Jugendlichen dort sind extrem motiviert dabei, da genießt Theaterarbeit größere Wertschätzung. Es gibt nicht so viel Ablenkung wie hier. Angebote für Jugendliche sind etwa in Bethlehem viel dünner gesät. Andererseits scheint dort die Tradition des Tanzes, der Bewegung lebendiger. Theaterspielen ist auch als Fantasieraum für eine andere Welt viel notwendiger als bei uns.

Was heißt es, nach Palästina zu reisen?
Das beginnt schon damit, dass man eine extrem demütigende Prozedur der Leibesvisitation und Psycho-Investigation durch Israels Grenzkontrollen über sich ergehen lassen muss. Da wird man grundsätzlich als Verdächtiger, als mutmaßlicher Terrorist gemustert. Nach dem Flug geht’s nach Jerusalem, da muss man in einen arabischen Bus umsteigen. Aber das ist weniger umständlich als die Rückkehr. Denn da wird man in Israel erneut peinlichst genau gefilzt.

Wirkt sich diese Besatzung auch auf die Theaterarbeit aus?
Sie ist omnipräsent, Jugendliche müssen auf dem Weg zu den Proben in Bethlehem an den Mauern der Israelis entlanggehen. Acht Meter hoch sind diese Mauern, doppelt so hoch wie es die Berliner Mauer war. Und Kinder und Eltern leiden unter hoher Arbeitslosigkeit und Mangel an Perspektiven. Und das liegt an der Besatzung. Da fällt es schwer, sich im Theater auch mal mit anderen Themen zu befassen. Aber es muss auch mal ums Erwachsenwerden gehen, um Liebe, Sehnsüchte, Konflikte, innerfamiliäre Strukturen. Viele sind es leid, immer nur die Besatzung zu thematisieren.

Sie berichten am Donnerstag bei der Filistina von Ihren Erfahrungen. Da geht es um Traumatisierung, um die Konfrontation von Kindern mit Israels Militärjustiz. Haben Sie davon auch etwas mitbekommen?
Allerdings - das hört ja auch nicht auf. Freunde haben mir erzählt, wie sich der jüngste Gaza-Krieg im Westjordanland auswirkt. Da kommt das israelische Militär vorzugsweise nachts, um angebliche Terroristen zu verhaften - und sorgt so für ein permanentes Gefühl des Ausgeliefertseins und der Machtlosigkeit.

Erwächst aus der besonderen Lage der Palästinenser besonderes sozialkritisches Potenzial?
Ganz klar ist, dass diese Verhältnisse mehr Sensibilität für soziale und andere Missstände schaffen als die satten, teils geradezu schläfrigen Zustände in Deutschland. Dabei gibt es hier auch Unrecht, Armut, Flüchtlinge. Aber hier fällt das Wegschauen leichter - wie auch in Israel, wo es tatsächlich schwer ist wahrzunehmen, was der Staat in den besetzten Palästinensergebieten treibt. Ich finde das jedesmal belastend, wenn ich da bin, man wünscht sich oft Urlaub danach. Trotzdem möchte ich da weiter arbeiten. Nächstes Jahr wollen wir frei nach Pippi Langstrumpf „Pippi in Palestine“ mit dortigen Jugendlichen erarbeiten. Ich hoffe sehr, dass davon auch einmal etwas hier in Hannover zu sehen sein wird.

Was würden Sie den palästinensischen Jugendlichen wünschen, was sollten die Deutschen tun?
Ich finde das sehr schwer, Lösungen vorzuschlagen. Aber wesentlich ist, dass die Palästinenser Gleichberechtigung und Würde erfahren. Den Deutschen wünsche ich eine größere Sensibilität für die Ereignisse dort, einen vorurteilsfreieren Blick auf die Palästinenser. Ich habe dort ganz wunderbare, gebildete, aufmerksame und liebevolle Menschen kennengelernt, wie überall auf der Welt.

Interview: Daniel Alexander Schacht

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