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Jörg Mannes inszeniert „Alice im Wunderland“ als effektvolles Tanzstück

Jenseits von Hollywood Jörg Mannes inszeniert „Alice im Wunderland“ als effektvolles Tanzstück

Jörg Mannes hat Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ als Ballett inszeniert und sich damit der äußerst schwierigen Aufgabe gestellt, den vor Spielereien mit Worten, Logik und Satire strotzenden Roman in Bewegungssprache zu übersetzen.

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Tanz im Spiegel: Auf der Opernbühne tummeln sich sprunggewaltige und skurrile Figuren, mit denen Alice (unten eine von sieben Darstellerinnen der Protagonistin) es im Wunderland zu tun bekommt.

Quelle: Weigelt

Über den purpurnen Vorhang, der den Blick auf die Bühne verhüllt wie festliches Geschenkpapier eine besonders große Überraschung, tanzen Buchstaben. Projiziert von einer versteckten Lichtquelle. Die Erwachsenen im Publikum interessieren sich kaum für solche Details, sondern plaudern lieber mit dem Nachbarn. Die Kinder dagegen (für eine Premiere im Opernhaus sind es ziemlich viele) staunen, schauen und suchen, was es sonst noch Ungewöhnliches zu entdecken gibt.

So übertönt schließlich der Ausruf eines kleinen Jungen die Kakophonie aus dem Orchestergraben, wo die Musiker noch ihre Instrumente stimmen: „Alice“, schreit der Sechsjährige aufgeregt, „ich habe Alice gesehen“. Die Erwachsenen lächeln nachsichtig. Doch noch ehe sie ein Wort über zu viel lebhafte Phantasie äußern können, huscht ein Wesen mit Löffelohren, Taschenuhr und Puschelschwanz durch den Saal – verfolgt von einem blonden Mädchen. Alice. Und schon sind die beiden auch schon wieder entschwunden. Auf die Bühne. Um ihre Geschichte zu erzählen.

Auf der Opernbühne tummeln sich sprunggewaltige und skurrile Figuren, mit denen Alice es im Wunderland zu tun bekommt.

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Jörg Mannes hat Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ als Ballett inszeniert und sich damit der äußerst schwierigen Aufgabe gestellt, den vor Spielereien mit Worten, Logik und Satire strotzenden Roman in Bewegungssprache zu übersetzen. Der Chef des niedersächsischen Staatsballetts schafft den Spagat nur mithilfe seines einfallsreichen Bühnenbildners Florian Parbs, dem phantasievollen Kostümdesign von Alexandra Pitz und den optischen Highlights des Videokünstlers Philipp Contag-Lada. Was das Tänzerische angeht, zieht Mannes bei „Alice im Wunderland“ wenig Asse aus dem Ärmel. Die Technik ist, anders als bei seinen vorherigen Choreografien, mindestens genauso wichtig für das Stück wie der Tanz. Das mindert keinesfalls die Qualität und das Sehvergnügen. Ein solch gleichberechtigtes Zusammenspiel unterschiedlicher dramaturgischer Mittel hat sogar eine gewisse Tradition: Die Ballets Russes verdankten ihren bahnbrechenden Erfolg Anfang des 20. Jahrhunderts nicht zuletzt der Zusammenarbeit mit namhaften Künstlern, Designern und Komponisten.

Musikalisch setzt Mannes auf Erik Satie (viel Beifall für das mit Verve spielende Orchester unter Leitung von Toshiaki Murakami). Saties Gymnopédie Nr. 1 und Nr. 3 (Klavier: Alexandra Goloubitskaia) sind wiederkehrende Elemente. So ist der Grundton, in dem Mannes seine Version von „Alice im Wunderland“ erzählt, melancholisch. Bei den vielen skurrilen Figuren hätte er auch leicht eine putzig bis schrille Inszenierung schaffen können. Doch nach eigener Aussage wollte er „kein Hollywood“. So gibt es auch keine Anleihen beim Musical und keine Adaption von Johnny Depps Hutmacher. Es gibt auch nicht nur eine Alice, sondern sieben. Darunter eine männliche in Gestalt des athletischen Elvis Val.

Die Mehrfachbesetzung (unter anderem mit einer erfrischenden Catherine Franco und einer leidenschaftlichen Karine Seneca) leuchtet ein, wenn man sich die Kernfrage des Romans vor Augen führt: „Wer in aller Welt bin ich?“ fragt sich Alice ständig. Rätselfreund Carroll spielt mit der Antwort, und Mannes tut es ihm gleich: Mal ist Alice Riesin, dann Mädchen, dann ein Wesen aus einer fremden Welt, schließlich Teil des „Wunderlands“. Jede Alice steht für eine andere Facette der Protagonistin. Je nachdem, ob sie sich gerade erwachsen und überlegen fühlt oder kindlich und klein, ist ihre himmelblaue Krinoline kurz oder lang. Ansonsten tragen alle Alice-Darsteller blonde Perücken.

Das Größer- und Kleinerwerden von Alice am Anfang der Geschichte wird mithilfe raffinierter Schattenspiele thematisiert. Das Bühnenbild ist reduziert auf variable Leinwände und eine bewegliche Spiegelwand im Hintergrund, die mal alles verzerrt, dann wieder die Wirklichkeit abbildet. Wechselndes Licht (Elana Siberski) in Gold- und Pastelltönen sowie Videoprojektionen aus Punkten oder Buchstaben zaubern den „Tränenteich“ oder das grasgrüne „Krocketfeld der Königin“ auf die Bühne.

Beschränkung hat sich Mannes auch bei der Auswahl der Szenen und Figuren aus Carrolls buntem Fundus auferlegt – „um Chaos zu vermeiden“, wie er im Programmheft erläutert. Auch das ist gelungen. Die Inszenierung lässt inhaltlich nichts vermissen, sind doch die populärsten Figuren und Szenen, wie etwa die Begegnung mit der Raupe, der Grinsekatze und der „verrückten Teegesellschaft“ mit dem Hutmacher Teil des Geschehens. Die Grinsekatze, dargestellt von einem gleichermaßen charmanten wie maliziösen Rubén Cabaleiro Campo, sowie die Herzkönigin und das weiße Kaninchen sind die am schärfsten gezeichneten Charaktere in diesem Stück.

Andreas Michael von Arb in blutroter Krinoline ist als Herzkönigin mit dolchgleichem Fingerzeig ein Ausbund an schneidender Arroganz. Von Arb und der sprunggewaltige Pantelis Zikas als weißes Kaninchen sind die Publikumslieblinge am Premierenabend. Die anderen Tänzer machen ihre Sache gut. Doch wirken sie zum Teil etwas gebremst. Zwar gibt es schöne Regieeinfälle, wie der Einsatz eines Rhönrades, mit dem die Tänzer über die Bühne rollen. Dafür aber sieht die Choreografie kaum Soli und Duette vor. Kräftigen Beifall gab es dennoch von großen wie kleinen Besuchern.

Mannes‘ „Alice im Wunderland“ ist kein ausgewiesenes Kinderstück in Weihnachtsmärchenmanier, aber auch keins nur für Erwachsene. Es geht, wie bei Carroll, um Kindlichkeit. Und wenn das Stück eine Aussage hat, dann die, die Welt ab und zu mit Kinderaugen wahrzunehmen – auch, wenn der Bühnenvorhang geschlossen ist.

Nächste Vorstellung: 18. November. Karten: 0511-99991111.

Kerstin Hergt

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