Hannover. Natürlich darf eine Glitzerkugel nicht fehlen, wenn es um den Schlager geht. Auf der Bühne des hannoverschen Schauspielhauses wölbt sich die obere Kappe eines solchen Spiegelballs fast bühnenraumfüllend zur Spielfläche. Die hat, wenn man sie dreht, noch einen weiteren Spielraum auf der Rückseite zu bieten, der mal Kanzleramt, mal Abraumhalde ist (Bühne: Jo Schramm).
Aber erst einmal muss der rote Vorhang sich öffnen, schnulzt Oscar Olivo im Zuschauerraum los und erobert die Bühne, die danach aber doch Jürgen Kuttner gehört. Der hat eine „analytische Hitparade“ versprochen und zumindest ein paar steile Thesen dabei, die dann als Analyse durchgehen, wenn man Juliane Werding („Wenn du denkst, du denkst“) als Widerpart von René Descartes („Ich denke, also bin ich“) akzeptiert.
„Kollateralschlager“ heißt Kuttners neue Theaterrevue – und wenn Kuttner feuert, muss man mit Kollateralschäden, zumindest aber mit Querschla(e)gern rechnen. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie hier nicht Ihren Arzt oder Apotheker, sondern den Autor und Regisseur Kuttner und den Dramaturgen Aljoscha Begrich.
Wo ein roter Vorhang ist, muss nicht unbedingt ein roter Faden zu finden sein. So zerfasert dieser Abend – und wird doch zusammengehalten. Wir erleben nämlich die Geburt eines neuen Schlagers. Das Publikum darf per Zuruf bestimmen, worum es geht (oder zumindest: was vorkommen soll): „Wulffen, Armut, Occupy, Zeugniskonferenz, Demenz und Inklusion“ sind die Vorgaben, aus denen Stefan Schwarz einen Songtext stricken soll. Dabei ist er doch schon damit beschäftigt, als Dame-Edna-Double den Experten zu geben – und immer noch ein neues Kleid vorzuführen.
Schwarz ist nicht der einzige Kuttner-Kumpel, der in Hannover mithilft. Ohne Suse Wächter und ihre famosen Puppen geht bei Kuttner kaum etwas. Und die Videospieler von „Datenstrudel“ werden auch gerne genommen. Vor allem aber kapriolt Kuttner mit seinem quasi improvisierten Text durch den Abend, als wäre der „Licht aus Spot an“-Ilja Richter auf seine alten Tage Dramaturg bei der Berliner Volksbühne geworden. Dass Kuttner seine These von der „Geburt des radikalen Islamismus aus dem Hüftspeck des deutschen Schlagers“ auch in Hannover schon ausgebreitet hat, macht gar nichts: Der eingespielte Film mit dem Auftritt der Jacob Sisters vor der Schah-Familie ist immer wieder lachtränenwert.
Kuttner fegt durch die Schlagergeschichte und gemeindet, wenn’s sein muss, schon mal Chanson und Popsong mit ein. Da stehen Kalauer („Aber bitte mit Sahne“ ist ein tierfettverherrlichender Song) neben Dialektik. Die klingt allerdings manchmal, als hätte Kurt Krömer zu viel Karl Marx gelesen. Worauf Kuttner erwidern könnte, dass er lange vor Krömer den Ranschmeißbalinaa markiert hat.
Man spielt kokett mit Tabus und widmet sich dem Buhwort Neger. Dass ein dunkel pigmentierter Sänger sich (Roberto) Blanco und ein Weißhäutiger sich (Roy) Black nennt, ist schließlich einen Witz wert. Und Michael Jackson darf als Puppe seine Reinwaschung zum Engel erleben: „Ganz in Weiß“.
Das zweite Tabuthema heißt Adolf Hitler, aber wenn eine kleine Hitler-Puppe Grönemeyers „Flugzeuge im Bauch“ besingt, dürfen zumindest die Nachgeborenen grinsen, die von den Sturzkampfbombern der Legion Condor nie etwas gehört haben.
Manchmal wirkt dieser Abend, als hätte fast jeder Mitwirkende gesagt: Ich hab’ da auch noch was. Also wird Willy Brandts Rücktritt mit Hildegard-Knef-Songs unterlegt. Und Wolf List darf seine qualmende Helmut-Schmidt-Parodie noch ausdehnen. Schuberts „Fremd bin ich eingezogen“ hat Kuttner schon immer gut gefallen. Und ein – übrigens fein fieses – Baby, das mühelos Kuttners „Brückenschlag zwischen Quatsch und Adorno“ bewältigt, darf Rammsteins „Ich will“ plärren. Nicht nur dann wird es übrigens arg laut. Man warnt mit Hinweistafeln vor pyrotechnischen Effekten (womit wahrscheinlich spätere Pistolenschüsse gemeint sind), aber die Musik der „Band Emma“ und vom Band ist stellenweise viel aggressiver – gelten Lärmschutzrichtlinien auch für Theatermacher?
Mit dem Thema eigentlich nichts zu tun hat die türkische Interpretation der deutschen Nationalhymne, die Özgür Karadeniz hinreißend aus- und abschweifend intoniert. Auch das gehört zu Kuttners exzessivem Zeitmanagement. Er liebt die langen Abende und spielt auch mit dem Publikum und dessen Erwartungen. Nun gut, wenn Carolin Eichhorst in einem atemberaubenden Kleid (Kostüme: Andy Besuch) Johnny zum Geburtstag gratuliert, hört man gerne auch Strophen, die man so eigentlich nicht kennt. Aber ansonsten zieht es sich doch ein bisschen. Wobei der Auftritt der Seniorenkantorei von St. Johannis zu den kurzweiligen Einlagen gehört. Die reifen Sänger werden für ihren Kampf um das Recht auf Party (nach den Beastie Boys) ja auch in schöner Popkonzertmanier zum Schlussapplaus mit Unterwäsche beworfen.
Und was ist nun mit dem Schlager? Der wurde fertig, vermied den Reim auf Wulff, indem er „wulffen“ nicht an das Satzende stellte, und passte famos auf die Melodie von Nenas „99 Luftballons“. Autor Stefan Schwarz hatte sich von gegenüber aus der Karaokebar „Anna und ihre Freundinnen“ geholt, die dort eigentlich Annas Junggesellinnenabschied feiern wollten und nun tapfer auf der Schauspielhausbühne den Ad-hoc-Hit intonierten. Gut gemacht, Ladys! Und von der Melodie auch nicht viel weiter abgewichen als manche Schlagernachempfindung, die melodisch klang, als wollte man Gema-Gebühren vermeiden.
Das wäre es dann gewesen, aber so einfach lässt Kuttner einen nicht gehen. Also gibt es noch Barry McGuires „Eve of Destruction“. Dessen Schlusszeile „Schon morgen kann es geschehen, und wir sind am Ende“ nicht als Prophezeiung, sondern als Drohung formuliert war – mit Betonung auf „morgen“. Aber dann hatte die Endlosschleife doch ein Ende.
Der Abend hatte hörbar eingeschlagen: viel Beifall und, von Kuttner initiiert und gestoppt, noch einmal 45 Sekunden Schlussjubel. Danach Ovationen im Stehen – und im Gehen.
Nächste Vorstellungen am 31. Januar sowie am 4. und 10. Februar. Karten unter 0511-99991111.
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