Schön ist das nicht: Im letzten Drittel der Aufführung, dort, wo bei klassischen Theaterstücken der Höhepunkt der dramatischen Entwicklung erreicht wird, spucken die beiden Darstellerinnen einander wechselseitig ins Gesicht. Dabei beschimpfen sie sich mit Politikfloskeln: „Terroristenfreundin“ – spuck – „Neoliberale“ – rotz. Das Publikum kommentiert das Speicheltheater mit den üblichen Ekelbekundungen: scharfes Einziehen der Luft, vernehmliches Stöhnen, kurzes, hysterisches Lachen.
Dabei ist das Ganze im Grunde so eklig nicht: Denn die Spucke, die den Darstellerinnen im Gesicht landet, ist gewissermaßen die eigene. Esther und Anna Becker sind eineiige Zwillinge. Sie haben dieselbe genetische Ausstattung. Sie könnten einander alle übertragbaren Organe spenden, jede ist der Klon der anderen. Richard David Prechts berühmte Frage „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ können sie zumindest teilweise beantworten: zwei.
Nur: Wer ist das Original, wer die Kopie? Auf diese Frage, die sie sich selber stellen, können die Becker-Twins keine Antwort geben. Sonst aber liefert ihr Doppelspiel viel Wissenswertes aus der Lebenswelt von Zwillingen und aus der Zwillingsforschung. Es ist ein kurioses Theater, ein bisschen Revue, ein bisschen Kammerspiel und recht viel unterhaltsame Lehrstunde. Viel ist auch über die beiden Beckers zu erfahren. Wie sie einander brauchen, aber auch voreinander fliehen. Wie sich die eine nicht ohne die andere denken kann, das aber immer wieder versucht.
Dieses Theater, das ganz frisch aus der Wirklichkeit zu kommen scheint, ist eine der spannendsten aktuellen Theaterformen. In der Tradition der Gruppe „Rimini Protokoll“ werden heute an vielen Häusern Experten des Alltags auf die Bühnen gestellt. Das Zwillingsprojekt der argentinischen Theatermacherin Lola Arias ist auch so ein wirklichkeitsgesättigtes Theater, aber auch ein theatralisches.
Denn die Zwillinge, die hier von sich und der Welt der Twins berichten, sind beide Theaterleute: Esther Becker ist Schauspielerin, Anna Regisseurin. Die beiden sprechen bühnenreif, und sie lieben die große Inszenierung. Auf der Bühne ist ein drehbarer Pavillon mit acht Türen aufgebaut. Es gibt ausgefuchste Videoprojektionen, schöne Lieder, einen Tanz und neben dem Spuck- auch einen Ohrfeigenwettbewerb. Aber wer hat den eigentlich gewonnen? Anna oder Esther? Egal. Am Ende hat der Zuschauer jedenfalls einiges gelernt – und ist dabei bestens unterhalten worden.
Theaterformen am 09.06.10: „Hot Pepper, Air Condition und die Abschiedsrede“ von Toshiki Okada im Braunschweiger LOT-Theater. Karten: (05 31) 1 23 45 67.