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Aufstand der Jungen

Das Musical „Krawall“ im Ballhof Aufstand der Jungen

Ausnahmezustand in Hannover: Freitagabend liefern sich Fußballfans Schlachten mit der Polizei, ein Hubschrauber kreist über der Stadt. Gleichzeitig beginnt die Uraufführung des Musicals "Kawall" im Ballhof 1. Eine unheimliche Mischung.   

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Foto: Zwischen Operngesang und Arbeiterlied: Das Musical „Krawall“.

Quelle: Lena Obst

Hannover. Gerade hat man draußen noch gehört, wie in der Ferne Fußballfans ihre Schlachtrufe skandieren. Ein Hubschrauber kreist am Himmel – eine unheimliche Stimmung liegt über dem dunklen Vorplatz des Theaters am Ballhof 1 in Hannover. Krawall ist zu ahnen, vermummte Fans, die auf Hundertschaften von Polizisten stoßen, Pyrofeuer, Gewalt ...

„Krawall“ heißt auch das Stück des jungen Musicalautors und Regisseurs Martin G. Berger, das an diesem Abend als Produktion der Jungen Oper in der Staatsoper uraufgeführt wird. Auch dort geht es um (allerdings politisch motivierte) Gewalt, Eskalation, Protest. Die Koinzidenz der Ereignisse ist Zufall. Eineinhalb Jahre ist es her, dass der Termin für „Krawall“ festgelegt wurde – das Derby war da nicht abzusehen. Und doch verstärkt der drohende Ausnahmezustand in der Stadt den Effekt von „Krawall“ auf der Bühne. Die Möglichkeit von Ausschreitungen – auch im sonst so friedlichen Hannover – rückt plötzlich nahe.

Am Boden, verschreckt, verstört

Entsprechend groß ist der Schreck, als kurz nach Beginn des Stückes vier oder fünf Personen im Zuschauerraum aufspringen und laut schreiend zur Bühne laufen. Fernsehbilder von Demonstrationen und Ausschreitungen in Ägypten, England und Griechenland sind vorher vorübergeflimmert (Bühnenbild: Sarah-Katharina Karl). Jetzt liegen drei Menschen auf der Bühne am Boden, verschreckt gestikulierend, verstört.

Sophia, Griechin, 27, hat gerade noch am Syntagma-Platz in Athen gegen die EU-Politik demonstriert. Muhammad, 24, Ägypter, protestierte auf Kairos Tahrir-Platz als Anhänger der Jugendbewegung gegen das Mubarak-Regime. Dave, 19, Engländer, fuchtelt mit einer Pistole herum. Er hat die gewalttätigen Ausschreitungen in London am 4. August 2011 angeführt.

Die drei jungen Leute haben nicht friedlich demonstriert, sondern auch ein Auto in Flammen aufgehen lassen. Jetzt treffen sie aufeinander: an einem Ort außerhalb von Zeit und Raum, reden über ihre Gefühle, Motive. Das Erstaunliche ist: Wir befinden uns nicht in einem Theaterstück, das den politisch anspruchsvollen Stoff erzählt, sondern in einem Musical (Musik: Jasper Sonne, Arrangements: Daniel Spogis). Mit Nummern, die manchmal ans Hollywood der sechziger Jahre erinnern, die jazzige Instrumentalbegleitung und Operngesang mischen und dann wieder Arbeiterlieder aus den zwanziger Jahren anspielen, wird in Rückblenden die Geschichte der Radikalisierung der drei Jugendlichen erzählt.

Gewaltsam Gereimt

Es wird viel beim Publikum vorausgesetzt, um diese komplexen Zusammenhänge überhaupt zu verstehen. Die Liedtexte sind manchmal etwas gewaltsam gereimt – und die Häufung von altersgemäßen Schimpfwörtern wird mancher vielleicht etwas nervig finden. Aber der von Mitgliedern des Staatsorchesters unter Siegmund Weinmeister inspiriert vorgetragene, mal spröde, dann wieder eingängige Mix musikalischer Stile hat eigenen Reiz.

Die Musik verleiht den Geschichten über die korrupten Eltern Sophias (Eun-Ji Park, Byung Kweon Jun)), die verarmte, sich für den Sohn aufopfernde Mutter Muhammads (Anna Bineta Diouf) oder den aus der Arbeiterklasse stammenden, gewalttätigen Großvater Daves (Nicolas Kröger) eine ganz direkte, emotionale Qualität. Sie verdeutlicht auf einer zusätzlichen Ebene, warum Sophia (Anna Müllerleile) auf ihre Eltern mit solchem Hass reagiert, Muhammad (George Jakob) an den Widersprüchen von Moral, Religion und den eigenen Gefühlen zerbricht, und ein Junge wie Dave (Daniel Schulz) sogar unter Drogendealern nach einem Vaterersatz sucht.

Zynische Zitate

Die emotionale Ebene wird konterkariert durch politische Zitate, die jeder Szene vorangestellt sind, und die in diesem Kontext besonders zynisch wirken: Markus Söders flapsige Forderung eines EU-Austritts der Griechen beispielsweise („Irgendwann muß jeder bei Mama ausziehen – bei den Griechen ist es jetzt soweit“).

Bei den Jugendlichen kommt diese besondere Art von „Krawall“ sehr gut an. Sie habe die Mischung aus Politik und tiefer Emotion sehr spannend gefunden, sagt die 21-jährige Jakoba am Ende. Man könne sich „ziemlich gut mit den Figuren identifizieren“, ergänzt die 17-jährige Julia, und man bekomme „sehr viel Information zum Nachdenken dazu“.

Wieder am: 12., 17., 28. November und am 5. Dezember, jeweils 19.30 Uhr.

Von Jutta Rinas

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