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Philipp Hochmair begeistert auf der Cumberlandschen Bühne
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„Amerika" nach Franz Kafka Philipp Hochmair begeistert auf der Cumberlandschen Bühne

Solo für Philipp Hochmair: Der Schauspieler und „Immerallesgeber" zeigt Kafkas „Amerika“ als Ein-Personen-Stück auf der Cumberlandschen Bühne in Hannover.

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Der „Immerallesgeber", Philipp Hochmair, während seines Solos „Amerika" nach dem Roman von Franz Kafka.

Quelle: Rüdiger Schall

Hannover. Im Frühjahr hat der Schauspieler vor einer Nebelwand gespielt. Philipp Hochmair war im Haus des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt zu Gast, um dort vor einem kleinen, erlesenen Publikum sein Solo „Amerika“ nach dem Roman von Franz Kafka zu präsentieren. Und selbstverständlich wurde bei der Privatvorstellung im Publikum geraucht. Hinterher soll es Schnittchen mit Bier und Schnaps gegeben haben. Schmidt, so sagt man, sei von der Privatvorstellung in seinem Haus in Hamburg-Langenhorn recht angetan gewesen.

Ein Vorteil von Hochmairs Kafkasolo ist die Transportfähigkeit; die Produktion, die 2009 am Thalia in der Gaußstraße in Hamburg Premiere hatte und im Jahr darauf beim Münchener „radikal jung“-Festival mit dem Publikums- und Regiepreis ausgezeichnet wurde, lässt sich überall spielen, im Wohnzimmer ebenso wie auf der großen Bühne.

Jetzt war der Schauspieler, der eine der beiden Faustmephistofiguren in Nicolas Stemanns jüngstem (Salz- und Hamburger) „Faust I und II“-Marathon spielte, mit „Amerika“ in Hannover zu Gast. Hier hat der Schauspieler, der auch in Stemanns berühmter hannoverscher „Hamlet“-Inszenierung zu sehen war, immer noch viele Fans. Das Theater war ausverkauft, am Ende gab es viel Jubel und auch ein Blumensträußlein von einer Verehrerin.

Zum Applaus stand der Schauspieler schwitzend und fast nackt auf der Bühne. Ein Bademantel zum Verbeugen? Für ihn doch nicht. Hochmair zeigt sich gern. Er ist ein Hochleistungsvolldampfimmerunterstromschauspieler. Er gibt immer alles. Er stürzt für uns, er schreit für uns, er raucht für uns; alles mit Hingabe – und das Publikum liebt ihn dafür.

Er ist sehr intensiv. Das Problem bei dieser Produktion könnte vielleicht sein, dass Kafkas Helden gemeinhin nicht sehr energiegeladen sind. Karl Roßmann, der Held des Fragment gebliebenen „Amerika“-Romans, lässt sich eher treiben; Hochmair macht eher das Gegenteil: Er treibt voran.

Erstaunlicherweise funktioniert die Sache trotzdem. Hochmair gelingt es, einen Zugang zu Kafkas „Amerika“ zu schaffen. Das liegt auch am geschickten Umgang mit Wiederholungen. Bei Kafka geschieht vieles zur Unzeit, Roßmann ist entweder zu langsam oder zu schnell, kaum je ist seine Zeit mit der Zeit seiner Mitmenschen synchronisiert. Den Kernsatz für diese Poetik der falschen Zeit hat Kafka in seiner Erzählung „Ein Landarzt“ geliefert: „Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen.“ Bastian Kraft, der Regisseur von Hochmairs Solo, hat eine sehr schöne Idee, wie mit Kafkas Zeitdehnungen und Verkürzungen umzugehen ist: Er baut Zeitschleifen in das Spiel. Hochmair stoppt, setzt an einer früheren Stelle ein, wiederholt sich, stoppt wieder, wiederholt sich wieder, variiert, stoppt – und bringt das Spiel am Ende doch weiter. Zum Kunststück wird das, weil er dabei vier unterschiedlichen Personen gleichzeitig seine Stimme – und jeder Figur eine andere Stimmfarbe – gibt.
Es macht Freude, dem Sprechvirtuosen zuzuhören: Wie er Pausen setzt, wie er an Konsonanten leckt und sich an Vokalen labt, das ist schon ganz großes Hörvergnügen.

Hannovers Schauspielintendant Lars-Ole Walburg hat angekündigt, den Gastspielbetrieb an seinem Haus zu intensivieren. Die Einladung von Philipp Hochmair war schon mal ein guter Anfang. Auch wenn es, anders als im Wohnzimmer des Altkanzlers, nach der Vorstellung weder Schnittchen noch Schnaps gab.

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HAZ-Redakteur/in Ronald Meyer-Arlt

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