„Wenn du dein Handy anlassen möchtest, tu es“, fordert Dawna das Publikum in der Orangerie Herrenhausen auf. „Und wenn du dich“, das sagt die kanadische Tänzerin auch, „mit deinem Platznachbarn unterhalten möchtest, tu es auch.“ Doch niemand tut es, weder klingelt ein Handy noch stört Getuschel. Stattdessen wird sehr viel gelacht.
Der mit algerischen Wurzeln in Frankreich aufgewachsene und nun in Deutschland lebende Samir Akika, der erst nach seinem Mathematik- und Sportstudium zu Pina Bausch und damit zum Tanz fand, bietet eine flirrende Collage aus albernem Slapstick, nachdenkenswerten Exkursen über das Älterwerden, Anleitungen zum Basteln eines Bühnenbildes und tänzerischen Passagen. Dabei kombiniert er so ziemlich alle Techniken, die in den zurückliegenden Jahrzehnten den zeitgenössischen Tanz beeinflussten: unter anderem Hip-Hop, Modern Dance, Breakdance und Capoeira. Die Musik dazu ist ein wilder Mix aus Schubert, Bob Marley und The Cure.
Der Choreograf Akika erzählt vom Istzustand der „Extended Teenage Era“; so sind die zwei Stunden überschrieben, wenn sich die Zwanziger gerieren, als wollten sie das Gefühl der Teenagerzeit bewahren. Das Vorläufige ist das Erstrebenswerte. Dabei cool sein, nie verbissen, das soll „d.e.“ heißen, werden wir von den chaotischen sieben vorn auf der Bühne belehrt, doing easy. Alles ganz leicht aussehen lassen: die lässige Demo mit den selbst gemalten Pappschildern und die schwierigste Akrobatik, die doch unendlich viel (nicht nur körperliche) Disziplin verlangt.
Das Lässigste aber sei das Lernen. Und ungeachtet von Goethes Devise, dass Kinder und Tiere nicht auf die Bühne gehörten, ahmt ein quicklebendiger Sechsjähriger, Mali heißt er, während des Abends immer wieder die faszinierenden Bewegungen der Erwachsenen nach. Niedlich? Klar. Aber auch ein Lehrbeispiel dafür, dass Akikas Inszenierungsstil, der Improvisation und klare Vorgabe mutig kombiniert, Babysitter überflüssig macht.
Am 07. September beim Festival: Pierre Rigals Solo „Press“, am 08. September ist Rigals Compagnie dernière minute mit „Asphalte“ zu sehen, beide im Ballhof Eins.
Alexandra Glanz