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Staatsoper Hannover

Singende Comicfiguren beim „Barbier von Sevilla“

Von Rainer Wagner

In der Staatsoper Hannover wird zurzeit „Der Barbier von Sevilla“ aufgeführt. Verblüffend ist, dass der 31-jährige Regisseur  Alexander Charim, der bislang vor allem Theaterprojekte erarbeitet hat und hier seine erste große Oper an einem großen Haus inszeniert, gleich ein paar gängige bis modische Theatereinfälle eingesammelt hat.
Foto: Papier aus Sevilla: Graf Almaviva (Sung-Keun Park, vorn) und Figaro (Jin Ho Yoo).

Papier aus Sevilla: Graf Almaviva (Sung-Keun Park, vorn) und Figaro (Jin Ho Yoo).

© Jörg Landsberg

Hannover. Im Scheinwerferlicht steht: das Theater. Mal wieder. Noch ehe in der hannoverschen Staatsoper Gioachino Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ sein Ränkespiel entfaltet, kreist der Lichtkegel über die Bühne. Er teilt sich, sucht sich und findet am Ende: sich selbst. Dann verzieht sich der Scheinwerfer nach oben und gibt die Spielfläche frei.

Dieser erste Einfall des jungen Regisseurs Alexander Charim hat Charme. Er signalisiert Charims Arbeitshypothese, dass in diesem Stück alle nur spielen wollen. Das ist auch nicht ganz überraschend in einer Komödie, in der ein sehr altes Rollenmuster der Commedia dell’Arte steckt: Junge Liebende foppen alten Hagestolz mithilfe eines gewieften Dieners.

Ein bisschen verblüffender ist, dass der 31-jährige Regisseur, der bislang vor allem Theaterprojekte erarbeitet hat und hier seine erste große Oper an einem großen Haus inszeniert, gleich ein paar gängige (bis modische) Theatereinfälle eingesammelt hat. Also keine Illusionen, keinen Schein, sondern nur die nackte Wirklichkeit des Theaters.

Gesungen wird (wie bei der hannoverschen „Traviata“) auch mal im Zuschauerraum im 1. Rang, das Licht im Auditorium geht an und auch wieder aus. Es gibt keine nennenswerte Kulisse, kaum Requisiten. Wenn der Graf alias Lindoro sein Ständchen für Rosina anstimmt, greift er nicht zur Luftgitarre, sondern zu einer auf Papier gemalten. Vorher war schon zu sehen gewesen, dass es dem (um)triebigen Jüngling um das Weib an sich geht, weshalb den Umrissen einer Frauenfigur schnell noch die Geschlechtsmerkmale aufgekritzelt werden.

Offensichtlich war seine Arbeitshypothese Nummer zwei, dass es sich beim Personal dieser Komödie um Comicfiguren handelt, die, wenn schon nicht zweidimensional, so doch sehr flach sind. Wozu wunderbar Ivan Bazaks Bühnenbild passt, das einem großen Wandkalender gleicht, von dem man immer wieder abreißt, was als Bild nicht mehr zur Handlung passt. Weil es hier auch um ein Tür-auf-Tür-zu-Spiel geht, gibt es dann auch noch eine Drehtür in dieser Bilderwand, um die man aber auch problemlos herumgehen könnte.

In diesem Sevilla schneit es (im Vorspiel), deshalb ziehen sich alle warm an. Und grell: Die Rollenmuster (Kostüme ebenfalls Ivan Bazak) sind schon recht grob gestrickt – aber Monika Walerowicz kann mit High-Heel-Stiefeln und Netzstrümpfen geschickt umgehen. Und Sung-Keun Park demonstriert im Zwiebel-Look, wie viele Rollen er sich als gräflicher Hochstapler überziehen muss.

Das ist alles quirlig bis aktionistisch, auch wenn die Funken nicht ganz so sprühen, wie das bei diesem Stück zu erhoffen gewesen wäre, und das Finale fast beiläufig abgehandelt wird. Aber einen fast dreistündigen Opernabend hätte dieses Regiekonzept kaum getragen, wenn das Ensemble seine Spielfreude nicht so vehement eingebracht hätte.

Angeleitet von dem zielstrebigen und umsichtigen Kapellmeister Ivan Repusic ließ das Niedersächsische Staatsorchester das mechanische Räderwerk Rossinis präzise schnurren. Allerdings könnten in der Verleumdungsarie des Don Basilio, die Tobias Schabel souverän intonierte, und auch im grandiosen Finale des 1. Aktes ein paar geschickte Bremsmanöver mit anschließendem Vollgas noch mehr Effekt machen.

Monika Walerowicz gibt die Rosina als wehrhaftes Mädchen, das die Waffen einer Frau selbstbewusst einsetzt und dabei immer verführerisch klingt. Ihr „beklommen Herz“ ist nur eine Attitüde.

Sung-Keun Park setzt als Almaviva seinen fokussierten Rossini-Tenor zielsicher ein und hat in Jin-Ho Yoos Figaro den angemessen eloquenten Widerpart –  die ein, zwei schütteren Buhs für beide verbuchen wir eher unter Fremdenfeindlichkeit als unter Musikkritik. Musikalisch gibt es einfach keinen Grund dafür.

Frank Schneiders als nicht nur geldgeiler Vormund ist souverän. Seine Arie „Einen Doktor meinesgleichen“ hört man in unseren Zeiten ja mit anderen Ohren, auch wenn niemand weiß, womit Dottore Bartolo promoviert wurde. Selbst die kleinere Rollen der Berta, des Offiziers und des Fiorello sind mit Carmen Fuggiss, Peter Michailov und Christopher Tonkin luxuriös besetzt. Und der Chor, der ja auch als Kostümdoubles der Helden auftreten darf, macht nicht nur dank der Kleidung eine gute Figur.

Am Ende herzlicher, aber nicht überschäumender Applaus, etliche deutliche Buhs für das Produktionsteam und verdiente Bravos für Monika Walerowicz.

Hannovers Musiktheaterfreunde dürfen auf den Juni gespannt sein. Dann eröffnet Regisseur Alexander Charim mit einem noch nicht benannten Stück die Kunstfestspiele Herrenhausen (bei denen er vor zwei Jahren mit seiner „Orfeo“-Produktion dem hannoverschen Opernintendanten Michael Klügl positiv aufgefallen  war). Und Ende Juni wird in Charims „Barbier“-Inszenierung Star-Mezzo Vesselina Kasarova als Gast in der Staatsoper zu erleben sein. Dann auch im engen Strickkleid und auf Stöckelschuhen?

Die nächsten Aufführungen der Inszenierung gibt es am 26. und 31. Januar sowie am 11. und 18. Februar. Kartentelefon: 0511-99991111

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