Am Ende kommt jedes Mal die Erinnerung. Denn bisher endete jede Aufführung der Compagnie „Ailey II“ mit „Revelations“, einer Choreografie aus dem Jahr 1960. Mit dem Stück hat Alvin Ailey, neben Martha Graham und Lester Horton einer der wichtigsten Köpfe des Modern Dance in den USA, Tanzgeschichte geschrieben. Ailey, der 1989 an Aids starb, hat das kulturelle Erbe der Afroamerikaner in den modernen Tanz eingebracht.
Davon erzählt besonders Aileys berühmtestes Werk „Revelations“. Zu Spirituals und Gospels bewegen sich hier die Tänzer in weißen Kostümen wie aus den Südstaaten zur Zeit des Bürgerkrieges, Fächer werden geschwenkt, Sonnenschirme wippen im Takt. Manchmal ist diese nun auch schon fünfzig Jahre alte Choreografie erstaunlich frisch und aktuell, manchmal, besonders in den Gruppenpassagen, aber wirkt sie auch ein bisschen wie Fernsehballett.
Beim Movimentos-Festival in der Wolfsburger Autostadt war „Revelations“ als letztes Stück einer gut zweistündigen Folge unterschiedlicher Choreografien zu sehen. „Ailey II“, die Nachwuchscompagnie aus dem Hause Ailey, tanzte vier Stücke: das ergreifende„External Knot“ von Troy Powell (das hier seine Europapremiere hatte), das wunderbare Solo „Splendid Isolation“ von Jessica Lang, das kraftvolle „The Hunt“ von Robert Battle und zum Schluss „Revelations“. Die Gruppe wurde 1974 als eine Art Nachwuchslaboratorium gegründet – und sie steht immer noch für jungen Tanz.
Alle Choreografien bestechen durch ihre Perfektion, ihre Wucht, ihre technische Finesse. Ailey II bietet viel für die Augen. Man staunt über die Perfektion, die Geschwindigkeit, die Farben. Ein schönes Markenzeichen der Gruppe ist die leicht gebrochene Symmetrie: Bewegungen werden nicht ganz synchron ausgeführt, sondern leicht versetzt. Die Körper werden so zu einer Art raumgreifenden Fächer. Es wirkt wie eine kunstvolle, kleine La-Ola-Welle. So ein Tanz erobert nicht nur den Raum, sondern auch die Zeit. Sehr eindrucksvoll.
Die Musik – allerlei Betörendes von Philip Glass, Robert Schumanns „Träumerei“, das mittelalterliche „O Maria, Stella Maris“ oder die wilde Trommelei der Tambours du Bronx – trägt zusätzlich zur Überwältigung des Publikums bei.
Als nach „The Hunt“ die schweißnassen dunkelhäutigen Tänzer ihre (ein bisschen kitschige) Verbeugungschoreografie abspulten, gab es viele „Bravo“-Rufe und begeisterten Applaus. Die Zuschauer waren so angetan, dass einige von ihnen am Ende bei den Spirituals sogar im Takt mitklatschten. Mitklatschen im Tanztheater – das ist eigentlich nicht vorstellbar. Und es sollte auch eher die Ausnahme bleiben.
Nächste „Movimentos“-Premiere: „In the Spirit of Diaghilev“ von Saddler’s Wells am 23. Mai.
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