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„Dornröschen“ in der Staatsoper Teller, höher, weiter

Die Staatsoper Hannover präsentiert ein überraschendes, frisches „Dornröschen“. Am vergangenen Wochenende feierte der neue Ballettabend von Jörg Mannes Premiere.

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Prinzessin Morgenröte obenauf: Catherine Franco thront über der Männerwelt.

Quelle: Weigelt

Hannover. Es war der Frosch und kein Storch. Bei den Brüdern Grimm ist es seit der ersten Auflage 1812 nachzulesen: Ein Frosch verkündet der Königin, dass sie eine Tochter zur Welt bringt. In Tschaikowskys „Dornröschen“, das 1890 am Mariinski Theater in St. Petersburg uraufgeführt wurde, liegt das Kind schon in seiner Wiege, wenn das Ballett beginnt. Das hat seinerzeit der Librettist und Choreograf Marius Petipa bestimmt; Petipa gab dem Komponisten sogar die Takte vor, wann was zu geschehen habe. Glück gehabt! Denn so schuf Tschaikowsky vielleicht seine beste Ballettmusik. Und die Ballettgeschichte erhielt das klassischste ihrer klassischen Ballette. Prächtig in den musikalischen Farben, erzählerisch überbordend. Das Zusammenspiel von Musik und Tanz geht mit einer glatten Eins durch.

Und nun das neue Dornröschen, das am Wochenende in der Staatsoper Hannover Premiere hatte. Das Dornröschen von Jörg Mannes, Ballettdirektor der Oper und ausgewiesener Liebhaber gefühlvoller Geschichten, siehe „Sissi“, „Gefährliche Liebschaften“, „Madame Bovary“. Die Liste seiner erzählerischen Ballettabende ist lang, und wird von seiner jüngsten Produktion, dem Dornröschen mit dem Frosch, grandios verlängert. Denn diese 15-Jährige, die da nach 100 Jahren von einem zögerlichen Prinzen wachgeküsst wird, beginnt zwar in der Romantik des 19. Jahrhunderts, lässt aber dessen höfischen Staub vergessen.

Die Titelheldin, niemand könnte sie anrührender, aber auch koketter tanzen als Mannes’ besterprobte Primaballerina Catherine Franco. Sie ist die Prinzessin Aurora, Prinzessin Morgenröte. Wie sie zum ersten Mal auf der Bühne steht, ihre Zehen vorsichtig abrollt, diese aufwärmt, weil sie noch viel mit ihnen vor hat, da werden nicht nur bei der Königinmutter – getanzt von Mónica García Vicente – Beschützerinstinkte freigelegt. Und gleich treten sie ja auch auf, die Beschützer, gleich elf auf einen Streich, alle im Muskelshirt und mit Halbstarkengehabe. Wenn das Mädchen nicht will, wie sie gern wollen, wallt das Testosteron auf, und die Möchtegernbräutigame raufen miteinander, als befänden wir uns in einer Rotlichtbar.

Manches musste Mannes streichen. Beim Ensemble zuerst (mit wenigen Ausnahmen übernehmen die Tänzer mehrere Rollen); das Original sieht eine Vielzahl von Märchenfiguren vor, aber auch eine ganze Truppe von Bauern und Tieren. Entsprechend konnte Mannes auch in der Musik, ohne Verlustgefühle aufkommen zu lassen, etliche Divertissements streichen. Weg mit den Seht-her-ich-gehöre-auch-dazu-Tänzen, stattdessen wird uns die Geschichte eines Teenagers erzählt, der erwachsen wird.

Das Mädchen fällt auch nicht in seinen hundertjährigen Schlaf, weil es sich an einer verwunschenen Spindel sticht, sondern die Dorne einer Rose ist vergiftet. Die fliegt wie abgeschossen vom Bühnenhimmel. Diese poetische Volte fiel nicht einmal den Brüdern Grimm ein.
Es sind die kleinen Effekte, die dieses alte Dornröschen so überraschend machen. Es gibt kein Bühnenbild im herkömmlichen Sinn. Die Bühne heißt stattdessen „Bild und Raum“, so wird auf dem Programmzettel die Aufgabe von Florian Parbs bezeichnet. Aber was für Bilder! Das eine, das nach der Pause hinter dem zurückgezogenen Vorhang erscheint, löst spontanen Beifall aus: ein Labyrinth aus roten Linien in Mitternachtsblau, in dem viele Auroras schlafen. Und schweben. Wie Schäfchenwolken schweben. Und in dem Denis Piza als Prinz Désiré seine Sehnsucht mit eleganter Sprungkraft ausdrückt. Für die raffinierte Lichtführung ist Peter Hörtner verantwortlich, für die computeranimierten Projektionen Philipp Contag-Lada. Seine fallenden, fliegenden und fließenden Muster tanzen mit.

Die Meisterin des Kostümfachs heißt Silke Fischer. Und weil Tutus im klassischen Ballett als Pflicht gesehen werden, kreiert sie eins ohne Tutu: Das Röckchen mit den dick aufgebauschten Volants gerät unter ihrer Ägide zu einem sperrigen Requisit, das von der Hüfte wie ein Teller absteht. Das ist nicht gerade komfortabel für die Feen; weder für die sechs guten, noch für Carabosse (das ist die böse, Cássia Lopes tanzt sie mit Furor), aber eben gerade deshalb reizvoll. Diese bizarren Tutus greifen in den Bewegungsablauf ein, verändern ihn, lassen aus dem Vertrauten die Luft raus, um sie ins Ungewohnte, Störende wieder reinzupusten. Siehe dazu auch der drollige Frosch von Pantelis Zikas, der in seinen himmelschreiend grünen Tauchplastikflossen bewundernswert hoch springt.

Noch ein Bild, das sich im Kopf eingenistet hat: der Große B-Dur-Walzer in Rot. Ein Rot mit schwarzen Punkten. Alle Höflinge und Hofschranzen und Schlossgäste tragen dieses dunkle Kadmiumrot. Hier dürfen selbst die Männer Tutus tragen. Die sind deutlich kürzer als die der Tänzerinnen. Und der Walzer? Der darf sogar an einen Can-Can erinnern.

123 Jahre „Dornröschen“, das will abgearbeitet sein. Die ersten Choreografien waren noch treu dem Original ergeben, wie Djagilews Ballets russes 1921. Später wagten Nurejew, Béjart und Neumeier neue Interpretationen. Jetzt Mannes. Sein Dornröschen des Jahres 2013 hat den tosenden Applaus nicht nur bekommen, sondern auch verdient. Der gilt allerdings auch für die Dirigentin Anja Bihlmaier, die seit dieser Spielzeit als zweite Kapellmeisterin an der Oper ist, und die mit dem Niedersächsischen Staatsorchester in Tschaikowskys emotionaler Musik die Effekte punktgenau setzte.

Die nächsten Vorstellungen gibt es am 12. und 18. Oktober, jeweils um 
19.30 Uhr. Telefonischer Kartenverkauf und Infos unter (05 11) 99 99 11 11.

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