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Ausflug in einen Abgrund

„Orfeus“ in Hannover Ausflug in einen Abgrund

Zu früheren Zeiten war Ergriffenheit im Theater nichts Besonderes. Man weinte, weil man weinen wollte. Heute fließen kaum noch Tränen – weder auf der Bühne noch im Parkett. Das Schauspiel ist kein Emotionskraftwerk mehr.

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Spiel in Ruinen: An einem geheimen Ort in Hannover inszeniert Brett Bailey seine Produktion „Orfeus“.

Quelle: Kristoffer Finn

Zu früheren Zeiten war Ergriffenheit im Theater nichts Besonderes. Man weinte, weil man weinen wollte. Heute fließen kaum noch Tränen – weder auf der Bühne noch im Parkett. Das Schauspiel ist kein Emotionskraftwerk mehr. Bis auf einige Ausnahmen. Eine davon ist das Theater des südafrikanischen Regisseurs Brett Bailey. Seine Arbeiten vermögen die Zuschauer zu ergreifen und zu Tränen zu rühren, aber er macht kein Theater von gestern, sondern vielleicht sogar eines von morgen. Mit einer Arbeit des Theatermachers aus Südafrika wird das Festival Theaterformen in Hannover eröffnet.

Am Mittwoch, 22. Juni, hat „Orfeus“ in Hannover Premiere, eine Arbeit, die bereits 2006 in Kapstadt uraufgeführt wurde und auf Festivals wie den Wiener Festwochen zu sehen war. Der Spielort in Hannover ist geheim, die Zuschauer sollen sich im Schauspielhaus treffen und dann per Bus zu dem Ort gefahren werden, an dem Baileys Theatergruppe „Third World Bunfight“ ihnen vom Orpheus-Mythos erzählen wird. Im Zentrum steht allerdings keine alte Geschichte, sondern die Gegenwart. Baileys „Orfeus“ spielt im Südafrika von heute.

Wenn Orfeus in das Totenreich hinabsteigt, um seine Frau Eurydike ins Leben zurückzuholen, führt der Weg an denen vorbei, die heutzutage in einer Art Totenreich leben. Kinder, die in Sweatshops arbeiten, werden zu sehen sein, Menschenhandel ist ein Thema. Brett Bailey interessiert sich für die Nachtseiten der Welt. Er ist dafür bekannt, das auszuleuchten, was oft im Verborgenen bleibt. Im vergangenen Jahr – da gastierten die Theaterformen turnusmäßig in Braunschweig – war er mit einer sehr aufwendigen Installation dabei. In einem ehemaligen Eiskeller hatte er eine Art Menschenzoo nach dem Vorbild einer „Völkerschau“ eingerichtet. Einzeln wurden die Zuschauer durch die schummrigen, klammkalten Gänge geschickt, um Afrikaner zu bestaunen. Selten war Theater so berührend. Wieder im Freien fingen manche Besucher tatsächlich an zu weinen.

Noch probt Bailey auf dem unwirt­lichen Gelände im Norden Hannovers. Acht seiner Akteure kommen aus Südafrika, acht Mitspieler hat er in Hannover angeheuert. An diesem Morgen arbeitet er mit drei jungen Statisten. Die dunkelhäutigen Mädchen sollen Näherinnen spielen. In einem Sweatshop sitzen sie auf dem Boden und nähen. Regisseur Bailey macht ihnen vor, was währenddessen geschehen wird. Er spricht den Monolog eines der Schauspieler (gespielt wird auf Englisch, aber es wird leicht zu verstehen sein), und er singt zwei Lieder. Sanfte, schöne, auch eingängige afrikanische Lieder sind das, und Bailey singt sie sehr, sehr leise, mit großem Ernst. Wenn das zur Premiere auch so wird, muss es die Zuschauer berühren. Der Regisseur schärft den Mädchen ein, die Zuschauer nicht direkt anzusehen, sondern ins Nichts zu blicken: „Stellt euch vor, ihr seid allein in einem fremden Land, und ihr erinnert euch an eure Familien.“ Die Mädchen nähen.

Deutsche Theatermacher würden sich mit solchen emotionsgeladenen Szenen eher zurückhalten. Fragt man Bailey nach der Grenze zum Kitsch, reagiert er sehr selbstbewusst. Die würde er nicht überschreiten, da vertraue er seinem Gespür. Außerdem wären seine Schauspieler in der Lage, das Stück mit gewissen emotionalen Abstufungen zu präsentieren: In Südafrika müsse das Spiel expliziter und etwas gröber sein als in Europa, wo die Schauspieler sich immer ein bisschen zurückhielten und eine gewisse Distanziertheit pflegten. Aber die Menschen zu berühren, das sei durchaus sein Ziel.

Brett Bailey arbeitet weiter an seinem gelegentlich erschütternden Welt(politik-)Theater. Mit seiner Gruppe probt er gerade „Exhibit B“, eine neue Völkerschau, diesmal über die koloniale Vergangenheit von Frankreich und Belgien im Kongo. Ein Musical ist auch in Arbeit. Sein Titel ist sein Thema: „Apartheid“.

„Orfeus“ ist bei den Theaterformen vom 22. bis 26. Juni zu sehen. Karten: (05 11) 99 99 11 11.

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