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Theaterformen 2011 Massimo Furlan träumt in „1973“ der Kindheit nach
Nachrichten Kultur Theaterformen 2011 Massimo Furlan träumt in „1973“ der Kindheit nach
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19:29 28.06.2011
Von Rainer Wagner
Mit Haut und Haar bei der Sache: Massimo Furlan im nachgespielten Grand-Prix-Finale von „1973“. Quelle: Nydegger
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Hannover

Das Leben ein Spiel: Die Imitation des realen Lebens ist eine der ältesten Formen des Theaters, schließlich gab es früher noch keine (Dokumentar-)Filme. Wer die Vergangenheit anschaulich machen wollte, musste sie nachspielen. Heute nennt man das Re-Enactment. Besonders gerne werden als martialisches Volkstheater historische Schlachten reenactet, doch Massimo Furlan, dieser verspielte Erinnerungskünstler, stellt lieber ganz andere Wettstreite nach. Und reanimiert dabei auch seine Kindheitsträume.

Er hat schon Superman verkörpert, er hat in seiner Soloperformance „22. Juni 1974, 21 Uhr 03“ ganz allein das legendäre WM-Spiel BRD gegen DDR nachgespielt (und auch „Das Wunder von Córdoba“, bei dem 1978 die Österreicher die Deutschen schlugen).

In seinem neuem Stück „1973“, mit dem er jetzt bei den Theaterformen gastierte, geht er noch ein paar Jahre weiter zurück: zu einem anderen Länderkampf.Damals hieß der Eurovision Song Contest noch Concours d’Eurovision de la Chanson, zumindest wenn er in frankophonen Ländern stattfand.

1973 wetteiferten nur 17 Staaten um den Sieg. Statt ungezählter balkanesischer Republiken, die sich gegenseitig die Punkte zuschustern, trat damals nur ein Jugoslawien an. Man sang in der Heimatsprache, weshalb der siebenjährige Massimo Furlan bei der Fernsehübertragung am 7. April 1973 aus dem Nouveau Théâtre Luxembourg zumindest verstehen konnte, was Luxemburg (Anne-Marie David gewann am Ende auch mit „Tu te reconnaîtras“), Frankreich, Monaco und die frankophone Schweiz beisteuerten. Und auch Massimo Ranieris „Chi sarà von te“ dürfte der kleine Massimo verstanden haben, der 1965 als Sohn italienischer Einwanderer in Lausanne geboren wurde.

Wenn Furlan jetzt dieses Finale wiederbelebt, dann ist das keine Parodie. Ebenso liebe- wie kunstvoll (und manchmal sängerisch auch mühevoll) beschwört er den spielerischen Ernst und die unfreiwillige Komik dieser Darbietungen. Selbst im engen Kleid wirkt das nicht lächerlich, die Posen sind geschickt nachempfunden, die Choreografie der (Umkleide-)Hektik beschwört Spannung. Die Theatralik des Portugiesen und die Zappeligkeit von Cliff Richard verkörpert Furlan punktgenau.

Aber er belässt es nicht beim Nachspiel, sondern wechselt die Spielebenen (und bringt sein Ensemble ins Spiel). Als Musikfreak Pino Tozzi animiert er das Publikum und baut eine „poptheoretische“ Reflexionsfläche auf: Der Musikwissenschaftler Bastien Gallet und der Ethnologe Marc Augé spielen sich selbst, nur der Philosoph Serge Margel wird im hannoverschen Ballhof von Nicolas Leresche verkörpert. Diese drei Weisen improvisieren nach vorgegebenen Leitlinien über Kunst und Kitsch, über den Unterschied zwischen Idol und Ikone und über den doppelten Körper des Stars.

Man kann sich darauf einlassen, kann das alles aber auch als ironisches Zitat unserer Diskurs-auf-dem-Theater-Kultur sehen. Am Ende führt alles doch wieder zurück ins Märchen, wenn Furlan/Tozzi – vergeblich – hofft, dass ein bestimmtes Chanson gewinnt. Nicht nur dieses Lied von gestern untermalt für ihn die Suche nach der verlorenen Zeit.

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