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Festivalprogramm vorgestellt

Mythen am Lagerfeuer bei den Theaterformen in Hannover

Von Ronald Meyer-Arlt

Bei den Theaterformen in Hannover gibt es Mythen am Lagerfeuer, Turmbesteigungen und jede Menge Süßigkeiten. Am Freitag hat Anja Dirks – deren Vertrag als Festivalleiterin gerade erst um weitere zwei Jahre verlängert wurde – auf der Cumberlandschen Bühne das Programm der nächsten Festivalausgabe vorgestellt.
Theaterformen-Chefin Anja Dirks hat eine bunte Mischung zusammengestellt.

Theaterformen-Chefin Anja Dirks hat eine bunte Mischung zusammengestellt.

© Martin Steiner

Japan hat ein Gesicht. Zum Beispiel das von Akane Nakamura, der Managerin der Theatergruppe „cheltfish“ aus Yokohama. Vor ein paar Tagen hat Akane Nakamura eine Mail nach Hannover geschrieben. „Unsere Mitarbeiter, meine Verwandten und Freunde sind physisch alle unversehrt. Aber ich bin mir nicht sicher, wie unversehrt wir psychisch geblieben sind“, schreibt sie. Und am Ende ihrer Mail denkt sie über das Theater nach: „Ich bin ein Mensch des Theaters. Doch ich habe nach der Katastrophe jedes Bedürfnis verloren, mir ein Theaterstück anzusehen. (...) Mein Werteverständnis ist jetzt schon ein anderes als vor der Katastrophe. Ich kann die Welt nicht mehr so sehen und fühlen, wie ich sie vorher gesehen und gefühlt habe.“

Im vergangenen Jahr war die Theatergruppe, die Akane Nakamura als Tourmanagerin betreut, bei den Theaterformen, dem hannoversch-braunschweigischen Festival für zeitgenössisches Theater aus aller Welt, zu Gast. Damals haben die Schauspieler – immer gekonnt auf der Grenze zwischen zeitgenössischem Tanz und Schauspiel balancierend – ein sehr fremdes, sehr witziges Stück über den Alltag in Tokio gespielt. In diesem Jahr ist das Theater von Regisseur Toshiki Okada wieder zum Festival eingeladen. Am 24. und 25. Juni wird „cheltfish“ im hannoverschen Ballhof auftreten und zwar mit einem Stück, das den poetischsten Titel aller Produktionen des diesjährigen Festivalausgabe trägt: „Das Leben der Riesenschildkröten in Schallgeschwindigkeit“.

Anja Dirks, seit vier Jahren Leiterin der Theaterformen, war im Februar in Yokohama, um sich eine der ersten Aufführungen des Schildkrötenstücks anzuschauen. Jetzt sagt sie: „Ich war in einem Land, das es so nicht mehr gibt.“
Am Freitag hat Anja Dirks – deren Vertrag als Festivalleiterin gerade erst um weitere zwei Jahre verlängert wurde – auf der Cumberlandschen Bühne das Programm der nächsten Festivalausgabe vorgestellt.Nach Braunschweig, wo die Theaterformen im vergangenen Jahr zu Gast waren, ist nun wieder Hannover Spielort des Festivals, das einen Etat von 1,2 Millionen Euro hat und vom Land Niedersachsen (mit 400.000 Euro) von der Stadt Hannover (300.000 Euro) und von der Stiftung Niedersachsen (150.000 Euro) als Hauptsponsoren gefördert wird. 20 Produktionen aus 19 Ländern werden zu sehen sein. Der Nahe Osten ist ein Schwerpunktthema. Gruppen aus dem Irak, dem Iran und dem Libanon treten auf. Und ein Ziel des Festivals gibt es auch: „Der Welt ein Gesicht geben“ nennt es Anja Dirks.

Eröffnet werden die Theaterformen am Mittwoch, 22. Juni, mit einer Großproduktion an einem geheimen Ort. Der südafrikanische Theatermacher Brett Bailey zeigt irgendwo draußen an einem Lagerfeuer seine Version des „Orfeus“. Vor einem Jahr hat Bailey in der weiträumigen Kelleranlage einer ehemaligen Eisfabrik mit „Exhibit A: Deutsch Südwestafrika“ eine Installation zur deutschen Kolonialgeschichte eingerichtet. Bailey hatte eine Art Völkerschau nachgebaut – es war eine zutiefst berührende Theaterform.

Den Hinweis: „festes Schuhwerk erforderlich“, den das Programmheft bei „Orfeus“ gibt, findet man auch bei der Ankündigung einer Produktion der Theatermacherin Anna Rispoli, die mit dem hannoverschen Künstlerpaar Lotte Lindner und Till Steinbrenner zusammenarbeitet. In „Die Erfindung des Fahrstuhls“ laden die Künstler das Publikum an einen abgesperrten, aber nicht unbekannten Ort. Gespielt wird im holländischen Pavillon, der seit dem Ende der Weltausstellung auf dem hannoverschen Expo-Gelände vor sich hinrottet. In der „szenischen Intervention“ des Künstlertrios soll der Pavillon zu sprechen anfangen. Mit Tondokumenten, die die Künstler aufgenommen haben, soll die Geschichte des 42 Meter hohen Bauwerks erzählt werden, dessen gestapelte Landschaften die Expo-Besucher anzogen.

Kein festes, aber immerhin nicht abfärbendes Schuhwerk ist bei einer Produktion von Jetse Batelaan erforderlich. Die Gruppe des niederländischen Regisseurs spielt in der Turnhalle der Tellkampfschule ein Stück über Schultheater. Die Produktion ist Teil des Jugendtheaterschwerpunkts des Festivals, zu dem auch das Stück „Sweet“ gehört. Diese Choreografie für zwei Darsteller und eine Menge Zuckerwerk ist für Zuschauer von acht Jahren an geeignet (und für manche vielleicht auch nötig) – sie erzählt, wie man sich an Süßigkeiten überfressen kann.

Damit man sich auch ein bisschen an Theater überfressen kann, sind die Eintrittspreise für fast alle Vorstellungen des Festivals moderat gehalten: Eine Karte kostet 16 Euro, ermäßigte Karten gibt es für 6 Euro.

Der Vorverkauf beginnt jetzt. Kartenbestellung unter 0511-99991111.

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