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Performancekünstler geben bei den Theaterformen Nachhilfe in Islam

„Made in Paradise“ Performancekünstler geben bei den Theaterformen Nachhilfe in Islam

Das Spiel mit den Erwartungen: Der Performancekünstler Yan Duyvendak und der Ägypter Omar Ghayatt spielen bei den Theaterformen mit Klischees, die über den Islam verbreitet sind. Dem Publikum wird schon vor Beginn der Darbietung eine Menge abverlangt.

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Nachhilfe in Islam: Yan Duyvendak und Omar Ghayatt (Bild links, v. li.) üben mit dem Publikum.

Quelle: Raoul Gilibert

Hannover. Jubelschreie habe er am 11. September in Kairo gehört, sagt der Ägypter Omar Ghayatt, und ein Hupkonzert in den Straßen habe es gegeben. Doch dann klärt er uns auf: alles Lüge. Den 11. September 2001 habe er in Kairo so erlebt wie sein Kollege Yan Duyvendak in Barcelona: bestürzt und fassungslos vor dem Fernsehapparat. Keine Jubelschreie also, keine Lampionketten, keine rauschende Feier bis spät in die Nacht. Und auch die Geschichte vom alten Mann, der immer um Geld gebettelt, es am 11. September aber aus Freude über die stürzenden Türme an andere verschenkt habe, sei durch und durch gelogen. Ha! Angeschmiert.

Nach dieser Lügenenthüllung fragt Omar Ghayatt das Publikum: Wer hat’s geglaubt? Einige heben verschämt den Zeigefinger, die meisten Zuschauer blicken stumm zu Boden. Der in der Schweiz lebende Performancekünstler Yan Duyvendak und der Ägypter Omar Ghayatt haben zusammen mit der Dramaturgin Nicole Borgeat szenische, literarische Fragmente zum Themenkomplex Orient-Okzident erarbeitet. Was wissen wir über die Menschen in den vom Islam geprägten Ländern? Was glauben wir zu wissen?

Elf Fragmente, die aufgeführt werden können, gibt es mittlerweile; bei den Theaterformen im Ballhof 2 war eine Auswahl von fünf szenischen Miniaturen zu sehen. Da die Zuschauer die Wahl haben und abstimmen können, was sie sehen wollen, gleicht kaum ein Abend dem anderen.
„Made in Paradise“ – so der Titel des Projekts und eines der Fragmente – ist manchmal mehr Seminar als Theater.

Am Eingang die Schuhe ausziehen

Dem Publikum wird eine Menge abverlangt. Man muss sich am Eingang die Schuhe ausziehen und öfter mal den Platz wechseln, und in einem der Fragmente übernimmt das Publikum sogar die Rolle des Performers. Es geht darum herauszufinden, was wir hierzulande eigentlich über den Islam wissen. Die beiden Akteure (und der Übersetzer), die das Spiel bisher geleitet haben, ziehen sich zurück und eröffnen den Zuschauern, die eine Art Stuhlkreis gebildet haben, dass nun sie dran sind.

Zögerlich kommt zusammen, was die Zuschauer wissen: dass das Wort Islam „völlige Hingabe an Gott“ bedeutet, dass es fünf Säulen des Islams gibt, zu denen die Fahrt nach Mekka gehört sowie das Fasten, das Gebet und die Bereitschaft, Almosen zu geben, und dass es den einen, einzigen Islam ja ohnehin gar nicht gibt. Zehn ­Minuten haben die Zuschauer Zeit, ihr Wissen über den Islam vorzutragen – es kommt erstaunlich viel zusammen. Wahrscheinlich waren einige Lehrer und Theologen im Premierenpublikum.

Dass Zuschauer miteinander reden – und zwar nicht nur einer mit dem anderen, sondern alle miteinander –, ist ungewöhnlich, aber es funktioniert. So etwas kommt im Theater sonst nie vor. Das macht diesen Abend zu einem besonderen. Am Ende gibt es ägyptischen Tee mit Minzblättern für alle. In dieser Theaterform fühlt man sich leicht zu Hause. Ein gewisser Kitschverdacht wird durch die improvisierte Art der Darstellung, das Unfertige, Raue schnell entkräftet. Die Offenheit der Darsteller berührt, nie hat man den Eindruck, einer Show zu folgen. Großartig.

„Toneel“ dreht sich um Erwartungen und Rituale

Eine andere Theaterform gab’s zuvor in der Turnhalle der Tellkampfschule. Dort hat „Max.“, die Theatergruppe des niederländischen Regisseurs Jetse Batelaan, ein Stück für Jugendliche von 14 Jahren an aufgeführt. Es hieß „Toneel“, was so viel wie „Stück“ bedeutet. Und es ging um Theater, unsere Erwartungen, die Rituale – und auch auch die Langeweile, die manchmal damit verbunden ist. Die Kleidung der fünf Schauspieler deutet höfische Garderobe an – und zeigte eigentlich schon, wo das Missverständnis liegt.

Vielleicht ist Theater für Jugendliche längst nicht mehr da, wo Batelaan es zu verorten meint. Die Tanzschritte jedenfalls wirkten bald ermüdend. Sehr schön aber war das Handykonzert aus mindestens zwölf an die Wände geklebten ­Mobiltelefonen, die nacheinander zu klingeln begannen und in der abgedunkelten Halle sanft leuchteten.

„Made in Paradise“ ist am 19. Oktober in der Vertretung des Landes Niedersachsen in Berlin zu sehen. „Toneel“ wird am Donnerstag um 11 und 17 Uhr sowie morgen um 11 Uhr in der Turnhalle der Tellkampfschule gespielt. Karten: (05 11) 99 99 11 11. Am Donnerstag bei den Theaterformen: „Photo Romance“ (Cumberlandsche Bühne) und „The Select“ im Schauspielhaus.

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