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Theaterformen sind in Hannover gestartet

Festival Theaterformen sind in Hannover gestartet

Ohne Zusatzstoffe: Eines der wichtigsten deutschen Theaterfestivals ist am Mittwoch in Hannover eröffnet worden – die Theaterformen. 20 Arbeiten werden bis zum 3. Juli gezeigt. Mit dabei: Hemmingways „Fiesta“, gespielt von Elevator Repair Service.

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Suzie Sokol als Matador Pedro Romero ist der Held der „Fiesta“.

Quelle: Barton

Hannover. Wir sind stolz darauf, mithilfe unserer zahlreichen Partner und Förderer eines der größten internationalen Theaterfestivals in Deutschland auf die Beine zu stellen“, sagte Festivalleiterin Anja Dirks am Mittwochabend bei der Eröffnung der Theaterformen. Bis zum 3. Juli werden 20 Produktionen von internationalen Theatergruppen auf verschiedenen Bühnen in Hanover zu sehen sein. Den Anfang machte am Mittwoch Brett Baileys Inszenierung „Orfeus“, die nach der Rolle des Künstlers angesichts von Ungerechtigkeit und Elend in der globalisierten Welt fragt (Kritik in unserer morgigen Ausgabe).

Eher um das Elend von Langeweile und Liebe wird es gehen, wenn die New Yorker Theatergruppe Elevator Repair Service am 30. Juni Ernest Hemingways „Fiesta“ unter dem Titel „The Select“ auf die Bühne bringt.

Mit der New Yorker Truppe geht es auch ganz ohne Lift seit Langem bergauf. Wie das Ensemble zu seinem Namen kam? Als der Theatergründer John Collins als Halbwüchsiger einen Verwandten im Arbeitsamt besuchte, füllte er aus Langeweile einen Begabungstest für arbeitslose Erwachsene aus. Und der bescheinigte dem Elfjährigen, am besten solle er ein „Elevator Repairman“ werden. Collins entschied sich dann doch lieber fürs Theater und gründete als 21-Jähriger zusammen mit Freunden den Elevator Repair Service (ERS). Das war vor genau 20 Jahren.

Aus der projektorientierten Truppe, die aus Textmaterial, Videos und Choreografien neue Stücke schuf, ist mittlerweile ein festes Ensemble geworden. Nicht zuletzt auch dank der Wertschätzung, die ERS in Europa erfährt. Ohne die Einladungen und die Hilfe renommierter (und zahlungsfähiger) Theaterfestivals in Europa könnte ERS in dieser Form nicht produzieren.

Hemingway-Adaption „The Select (The Sun Also Rises)“

Bei den Wiener Festwochen, wo John Collins kürzlich von seiner Arbeit erzählt hat, waren schon die ersten beiden Folgen einer amerikanischen Literaturtrilogie zu sehen. In Hannover wird, wie zuvor in Wien, in diesem Jahr die Hemingway-Adaption „The Select (The Sun Also Rises)“ zu sehen sein: Bei uns ist Hemingways Debütroman unter dem Titel „Fiesta“ bekannt. Vorangegangen war diesem Theaterabend eine Theaterfassung von F. S. Fitzgeralds Roman „Der große Gatsby“ und eine – allerdings stark reduzierte – Bearbeitung von William Faulkners Roman „The Sound and the Fury“ („Schall und Wahn“). Gemeinsam ist allen drei Literaturadaptionen, dass sie frei von Zusatzstoffen sind: Es wird zwar gekürzt und zugespitzt, aber kein Fremdtext eingearbeitet.

Und warum Romane? Gibt es nicht genug gute Theaterstücke? Natürlich gebe es die, sagt Collins, und man werde sicher auch wieder Schauspiele auf die Bühne bringen, wahrscheinlich schon beim kommenden Projekt. „Aber wir mögen gerne Probleme, die gelöst werden können.“ Und eine solche Herausforderung sei es eben, einen Roman in die Theatersprache zu übersetzen, da werde aus der Gruppe ein kollektiver Autor.

Element des epischen Theaters

Wenn es dabei, wie bei Hemingway, einen Erzähler gibt, der auf der Bühne durch die Geschichte führt und zugleich in ihr mitspielt, dann bringt das auch ein Element des epischen Theaters ein. So springt auch diese Nacherzählung zwischen Distanz und Darstellung.

Nicht fehlen dürfen dabei zwei Elemente, die dem ERS-Ensemble wichtig sind („we almost enjoy!“): „Slapstick und tänzerische Elemente“. Für den Slapstick ist an diesem Abend unter anderem ein Boxkampf zuständig. Und auf eigenwillige Weise tänzerisch wird der Stierkampf gezeigt, um den es bei Hemingway ganz zentral geht. In seinem Roman fliehen gelangweilte und verzweifelte junge Menschen erst in den Alkohol und in Affären und dann ins spanische Pamplona, wo die legendäre „Fiesta“ gefeiert wird.

Erst habe man überlegt, sagt Collins, eine jener Stierattrappen zu benutzen, die Matadoren beim Training helfen, aber dann habe es sich bei der Probenarbeit als viel naheliegender erwiesen, einen der Wirtshaustische zum Stier umzufunktionieren. Schließlich spielt der ganze Abend in einem Wirtshaussaal.„Ich mag diese Beschränkung“, sagt Regisseur Collins. Das sei eine Herausforderung. Und je mehr kleine Hindernisse man überwinden könne, desto befriedigender sei das Arbeiten.

Hörbuchcharakter und Comicelemente

Die Assoziation an ein Hörbuch findet Collins gar nicht so verkehrt, wenn es darum geht, wie man den Stil des Abends beschreiben könne. Daneben gibt es auch Comicelemente, wenn akustisch überlaut zugespielt wird, was zugleich vorgespielt wird: das Einschenken, das Autofahren. „Das ist ja auch eine gute Tradition des Vaudeville-Theaters, die Vergrößerung und Vergröberung.“

Es gehe an diesem Abend nicht nur für den Erzähler Jake Barnes um das „Leben mit dem Verlust“. Schmerzt es da den Regisseur, dass er nach der Pause der Aufführung doch einige Zuschauer verloren hat? Natürlich, aber der Rhythmus der Erzählung brauche eben seine Zeit. Obendrein habe man seit der Premiere eine halbe Stunde eingespart. „Wir möchten dem Roman gerecht werden“, betont Collins. Und im ersten Teil müsse man erst einmal die Charakter einführen. „Aber sagen Sie Ihren Lesern“, bittet der Theatermacher, „nach der Pause geht die Fiesta erst richtig los.“

„The Select (The Sun Also Rises)“ ist vom 30. Juni bis zum 2. Juli im Schauspielhaus Hannover zu sehen.

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