Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Cannes 2011 „Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten“ nimmt Kurs auf die Kinos
Nachrichten Kultur Themen Cannes 2011 „Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten“ nimmt Kurs auf die Kinos
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:42 21.05.2011
Von Stefan Stosch
Der Pirat und seine Piratenbraut: Captain Jack Sparrow (Johnny Depp) und Angelica (Penélope Cruz) auf Abenteuerkurs. Quelle: Walt Disney

Die Anforderungen ans Piraten­leben haben sich im 21. Jahrhundert drastisch gewandelt. Früher turnten Errol Flynn oder Kirk Douglas säbelschwingend auf Deck herum, zettelten die eine oder andere Meuterei an und verteidigten die Ehre junger Damen. Im neuen Captain-Sparrow-Abenteuer „Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten“ muss sich der freakige Freibeuter mit Zombie-Meerjungfrauen aus der digitalen Trickkiste und zickigen Exgeliebten herumschlagen. Er jagt auch keinen Golddukaten hinterher, sondern der Quelle der ewigen Jugend – mit der er dann aber wenig anzufangen weiß. Das Ganze natürlich in 3-D, mit größtmöglichem Actiongetöse und einem bombastischen Musikteppich von Hans Zimmer.

Pressekonferenzen geben Piraten inzwischen auch, und da reinzukommen ist so schwierig wie der Versuch, die „Black Pearl“ auf hoher See zu entern. Nur dass beim Entern von Schiffen nicht dauernd „Johnny, Johnny“ geschrien wird. Drin im Festivalbunker hatte am Sonnabend die Crew um Captain Jack Sparrow alias Johnny Depp das Podium erobert – im wahren Leben trägt Depp eine dunkle Brille, kein Kajal. Der Auftrag der Piraten an der Küste des französischen Mittelmeeres lautete: den vierten Teil der „Fluch der Karibik“-Reihe flottzumachen für den weltweiten Kinostart in dieser Woche.

Hollywoods Großproduzent Jerry Bruckheimer und Regisseur Rob Marshall haben in Cannes viel vom „kreativen Potenzial“ geredet, das immer noch in diesem Projekt stecke. Sie wollen unbedingt den Eindruck vermeiden, die Fortsetzung sei einzig und allein pekuniären Interessen geschuldet – was sie natürlich ist. Die Erwartungen an das Spektakel sind in finanzieller Hinsicht gewaltig. 2,7 Milliarden Dollar haben die ersten drei Filme um den exzentrischen Captain eingespielt, der einem Disney-Themenpark entsprungen ist und ursprünglich gar nicht als zentraler Held vorgesehen war. An diesen Zahlen wird der neue Film am Ende gemessen werden.

Tatsächlich ist Sparrow auch im vierten Film das Beste, was diese Reihe zu bieten hat. Gut möglich, dass Depp seinen Freibeuter inzwischen mit der Sicherheit eines Schlafwandlers vor der Kamera abliefert, aber es steckt doch immer noch ein Schuss erfrischende Anarchie in seinem Halunken. Der torkelnd-tänzelnde Pirat wirkt in einem auf Perfektion getrimmten Hollywood-Blockbuster wie ein Saboteur in eigener Sache. Oder wie es Johnny Depp in Cannes gesagt hat: Er habe bei Sparrows künstlerischer Geburt an ein „romantisches Stinktier“ denken müssen.

Regisseur Marshall hat erstmals bei dem Projekt angeheuert. Er ersetzt Gore Verbinski, der es nach drei Piratenfilmen vorzog, einen Western mit Chamäleon („Rango“) zu inszenieren – immerhin einer scheint genug von Sparrows Marotten zu haben.

Marshall ist Oscar-geadelt fürs Musical „Chicago“ und damit eine gute Wahl: Er hat das nötige choreografische Gespür, um Fechteinlagen zu Wasser und zu Land auszutüfteln – auch dann, wenn Sparrow sich mit Kokosnüssen zur Wehr setzt. Johnny Depps Tanzkünste mit denen eines Fred Astaire zu vergleichen, wie es Marshall getan hat, ist aber doch des Guten zu viel.

Was dem Regisseur allen Beteuerungen zum Trotz fehlt, ist eine spannende Geschichte. Die Suche nach der ominösen Quelle der Jugend wirkt wie ein Notbehelf und auch nicht wie eine clevere Umschreibung des heutigen Jugendwahns. Andererseits ist die Handlung egal bei einem lupenreinen Franchise-Produkt: Wie in jedem Vergnügungspark kommt es darauf an, bewährte Spektakel (darunter ein sekundenkurzes Wiedersehen mit Keith Richards als Sparrows Papa) um die eine oder andere neue Publikumsattraktion zu ergänzen.

Das ist nicht gelungen, denn das Ergebnis sieht phasenweise so aus, als sollte „Twilight“ mit „Indiana Jones“ und „Harry Potter“ gekreuzt werden. Vornehmlich in dunklen Höhlen stellen die Piraten geheimnisvollen Gefäßen und den Tränen von Meerjungfrauen nach. Durch die 3-D-Brillen erscheint die Leinwand noch ein wenig dunkler. Die Fabelwesen in diesem Film (rund um Neuzugang Astrid Berges-Frisbey) haben nicht nur Fischschwänze, sondern auch spitze Eckzähne, vor denen sich sogar ein Edward-„Twilight“-Cullen fürchten würde. Die Schlacht mit den Wassernixen ist zweifellos der tricktechnische Höhepunkt dieser Megaproduktion.

Enttäuschend sieht’s dagegen in Liebesdingen aus: Penélope Cruz ersetzt Keira Knightley als Piratenbraut. Ihre Angelica soll Johnny Depp bezirzen, ist aber sehr damit beschäftigt, ihren Vater Captain Blackbeard vor allerlei Gräueltaten abzuhalten. Ohnehin scheinen die Bösen am meisten Spaß zu haben. Barbossa (Geoffrey Rush) und Blackbeard (Ian McShane) werden gewiss in der Hölle braten, wenn sie ihr Piratenleben ausgehaucht haben.

Bis dahin dürfte es jedoch noch dauern. Der fünfte Teil des Abenteuers ist bereits in Planung. Die Figur des Captain Sparrow sei noch nicht auserzählt, hat Johnny Depp am Wochenende in Cannes gesagt. „Diese Filme sind fürs Publikum gemacht, und solange die Leute ins Kino gehen, stehe ich für Sparrow bereit.“ Und dann fügte er noch einen Satz hinzu, der auch seinem Captain Sparrow gefallen hätte: „Und wenn die Leute nicht mehr reingehen, dann sind sie selber schuld.“

Kinostart ist am Donnerstag.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Wenn der Papst einen Psychotherapeuten braucht: „Habemus Papam“ von Nanni Moretti ist in Cannes gezeigt worden. Wenn der Regisseur sich in diesem erstaunlich sanftmütigen Film über etwas mokiert, dann über die Beschränkungen des klerikalen Lebens, wie er sie sich imaginiert.

Stefan Stosch 13.05.2011

Von Söhnen und Töchtern: Die Regisseurinnen machen Ernst in Cannes - und regen mit ihren Filmen Diskussionen an. Die Australierin Julia Leigh weckt mit ihrem Kinodebüt „Sleeping Beauty“ Männerphantasien, während die Britin Lynne Ramsay in ihrem Film eine gescheiterte Mutter-Sohn-Beziehung behandelt.

Stefan Stosch 13.05.2011

Mit "Midnight in Paris" startete das Festival an der Cote d´Azur. Es ist Woody Allens filmische Liebeserklärung an die französische Hauptstadt. Einen Kurzauftritt hat dabei die französiche Präsidentengattin Carla Bruni-Sarkozy.

Stefan Stosch 12.05.2011