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„An einem Samstag“ und „Coriolanus“ auf Berlinale gezeigt

Tschernobyl und Shakespeare „An einem Samstag“ und „Coriolanus“ auf Berlinale gezeigt

Über Tschernobyl und Shakespeares Coriolanus: Die Wettbewerbsfilme von Alexander Mindadze und Ralph Fiennes sind auf der Berlinale gezeigt worden.

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Ralph Fiennes als Coriolanus.

Quelle: Berlinale

Stell dir vor, ein Kernkraftwerk explodiert, und niemand läuft weg vor der tödlichen Gefahr. Das heißt, einer versucht’s doch: der junge Parteifunktionär Valentin (Anton Shagin). Er hat gesehen, wie sich die Bonzen schon mitten in der Nacht abgesetzt haben. Jetzt will er seine Freundin Vera (Svetlana Smirnova-Marcinkevich) und sich selbst retten. Aber da wird nichts draus an diesem warmen Frühlingssonnabend am 26. April 1986 in der Ukraine.
„An einem Samstag“ heißt der Wettbewerbsbeitrag des russischen Regisseurs Alexander Mindadze. Dem lapidaren ­Titel ist der Unglauben schon eingeschrieben. Niemand in der nahegelegenen ukrainischen Kleinstadt Pripjat kann sich vorstellen, was uns heute erschauern lässt, wenn auch nur der Name Tschernobyl fällt. Und deshalb ist dies hier auch alles andere als ein Actionfilm.

Vera will vor der Flucht erst noch Schuhe kaufen. Dann findet sie ihren Pass nicht. Und schließlich landen die beiden bei einer Hochzeitsfeier inmitten der Band auf der Bühne. Radioaktive Strahlung tut ja erst mal nicht weh. Man spürt keinen Schmerz. Die unbestimmte Panik der Menschen spiegelt sich in einer fürchterlich hektischen Handkamera, die förmlich an den Menschen klebt. Der Regisseur übertreibt maßlos beim Einsatz dieses technischen Kunstgriffs. Dass auch die Menschen damals keinen Überblick über das Geschehen hatten, hat man bald verstanden.

Tatsächlich begann die Evakuierung im April 1986 viel zu spät. Erst drei Tage danach, am 29. April, lief in den deutschen Medien die Nachricht vom Tschernobyl-GAU, der ein Fünftel der Fläche des benachbarten Weißrusslands unbewohnbar machte. „An einem Samstag“ zeigt die letzte große Party, die zu einem Zeitpunkt ihren Höhepunkt hat, als die Katastrophe längst eingetreten ist. Nur einmal hören wir das Ticken eines Geigerzählers. Und wenn der qualmende Reaktor endlich in Großaufnahme ins Blickfeld rückt, ist dieser anstrengende, aber konsequente Film auch schon vorbei.

Konsequent ist auch Ralph Fiennes’ Regiedebüt: Der Brite stattet Shakes­peares „Coriolanus“ mit Militärstiefeln und Hightechgewehren aus und verbreitet Breaking News aus dem alten Rom auf Flachbildschirmen – wie bei CNN. Eine Zeitmaschine hat den römischen Patrizier Coriolanus (von Fiennes selbst gespielt) aus dem 4. Jahrhundert vor Christus in unsere Gegenwart versetzt, wo er aber immer noch mit seiner Arroganz den Hass der Massen auf sich zieht und an der Seite seines ärgsten Feindes gegen Rom marschiert.

Die Sprache aber ist weitgehend Original-Shakespeare. Ralph Fiennes, den die globale Kinogemeinde als „Englischen Patienten“ und Lord Voldemort aus „Harry Potter“ kennt, hat mit der Royal Shakespeare Company viele Stücke des Dichters am Theater gespielt. Nun bringt er Shakespeare ins Kino.

So martialisch „Coriolanus“ auch auftrumpft, nach zwei Stunden ist die Frage noch immer nicht beantwortet, was das neue Shakespeare-Design tatsächlich bringt. Gewiss, das Stück wird mit brutaler Wirklichkeit aufgeladen, wenn Bomben explodieren und Zivilisten wie in einem Actionthriller verbluten. Fiennes nutzt die Mittel des Kinos weidlich aus – und bleibt mit dieser Inszenierung doch immer dem Theater verhaftet.

Was Shakespeare oder vielmehr Regisseur Ralph Fiennes uns über Intrigen, Krieg und politischen Machtmissbrauch in unserer Gegenwart sagen wollen, bleibt offen. Aber schön, dass man mal wieder so konzentriert Shakespeare gehört hat.

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