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Andres Veiels „Wer wenn nicht wir“ bei der Berlinale

Wie die RAF entstand Andres Veiels „Wer wenn nicht wir“ bei der Berlinale

Ursuppe des Terrors: „Wer wenn nicht wir“ ist das Spielfilmdebüt von Andres Veiel - und der Wettbewerbsbeitrag, auf den zumindest die deutschen Berlinale-Besucher fieberhaft gewartet haben. Am Donnerstagabend war die Premiere im Berlinale-Palast. Das Warten hat sich gelohnt.

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Wer wenn nicht sie? Lena Lauzemis als Gudrun Ensslin und August Diehl als aufbegehrender NS-Dichtersohn Bernward Vesper in einer Szene von Andres Veiels RAF-Film.

Quelle: dpa

Kann das funktionieren? Lässt sich vom Entstehen des deutschen Terrorismus erzählen, ohne die altbekannten Reflexe abzurufen? Ohne den Mythos zu beschwören? Ohne mit jedem Bild die Verurteilung gleich mitzuliefern? Kann man, sozusagen ganz unschuldig, vom Weg in die Schuld erzählen und dabei offen lassen, ob vielleicht auch eine andere Entwicklung möglich gewesen wäre?

Andres Veiel hat dieses Experiment gewagt. Veiel, 51 Jahre alt, in Stuttgart geboren, ist von Haus aus Dokumentarfilmer, viel gelobt für einfühlsame Werke wie „Die Überlebenden“, „Die Spiel­wütigen“ oder „Der Kick“. Der RAF und den Folgen ist er schon zuvor nahegekommen: In „Black Box BRD“ beleuchtete er in einem Doppelporträt die Biografien des ermordeten Deutsche-Bank-Chefs Alfred Herrhausen und des RAF-Terroristen Wolfgang Grams.

„Wer wenn nicht wir“ ist sein Spielfilmdebüt und der Wettbewerbsbeitrag, auf den zumindest die deutschen Berlinale-Besucher fieberhaft gewartet haben. Am Donnerstagabend war die Premiere im Berlinale-Palast. Das Warten hat sich gelohnt. Veiel rekapituliert nicht mit Blick aufs Ende im Stammheimer Gefängnis, wie das andere vor ihm getan haben – etwa Uli Edel in „Baader Meinhof Komplex“ (2008) oder zuvor Christopher Roth in „Baader“ (2002). Veiel konzentriert sich auf den Anfang. Als noch vieles möglich schien und doch schon so schwer belastet war. Er rührt in der Ursuppe des deutschen Terrorismus.

Es beginnt eine Liebe: Da ist Bernward Vesper (August Diehl), der Sohn des Nazi-Dichters Will Vesper, der dem „Führer“ einst Gedichte schrieb und die Hauptrede bei den Bücherverbrennungen 1933 hielt. Und da ist die hochtalentierte Pfarrerstochter Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis). Zum ersten Mal begegnen sich die beiden jungen Leute an der Tübinger Universität in einer Vorlesung von Walter Jens.

Gudrun und Bernward leben in einem von der NS-Vergangenheit kontaminierten Land, dessen stickige Enge sie nur schwer ertragen. Hier droht der Sittenverfall, wenn ein unverheiratetes Paar in eine Wohnung einziehen will. Gleichzeitig werden alte Nazis in Regierungsämter gehievt. Es gibt viele Globkes in diesem Land.

In Vesper und Ensslin sitzt eine tiefe Angst. Sie wollen nicht dieselben Fehler machen wie ihre Eltern – und bleiben doch deren Kinder. Sie wollen handeln, wenn politisch etwas schiefläuft, egal ob in Westdeutschland oder in Vietnam – und nicht durch Nichtstun schuldig werden. Sie wollen aufbrechen zu etwas Neuem – und müssten dafür einen Teil ihrer eigenen Biografie kappen.

Das hat mitunter kuriose Folgen. Sie gründen einen Kleinverlag, bringen völkische Bücher von Will Vesper heraus und genauso Werke von Hans Henny Jahnn, Anti-Atom-Aufsätze und Black-Panther-Pamphlete. Sie suchen Leser am rechten Rand und haben bald schon Kontakt zur linken Berliner Szene um Rainer Langhans (genau, der Schaben-Philosoph aus dem „Dschungelcamp“). Und dann taucht ein Dritter im Bunde auf, ein gewisser Andreas Baader (Alexander Fehling, zuletzt in „Goethe!“ im Kino). Gudrun Ensslin ist fasziniert von dessen Unbedingtheit, Rücksichts- und Skrupellosigkeit und entscheidet sich für Baader. Felix, ­ihren Sohn mit Bernward, lässt sie beim Vater zurück – und leidet darunter.

Das Leben dieses Beziehungsdreiecks ist geprägt von Wut und Enttäuschung. Zerstörerisches und Selbstzerstörerisches gehen Hand in Hand.

In der ersten Filmhälfte befürchtet man noch, dass die quasidokumentarische Genauigkeit des Regisseurs zum Hemmschuh werden könnte. Immer wieder unterbrechen archivarische Einsprengsel von Atombombenversuchen, vom Eichmann-Prozess, vom Vietnam-Krieg und vom Schah-Besuch in Berlin den Erzählfluss. Aber dann wird klar, dass es Veiel um die tiefere Durchdringung zweier Leben geht, als wir das aus anderen Filmen über das RAF-Personal gewohnt sind.

Veiel erforscht biografische und gesellschaftliche Tiefenschichten über die Generationen hinweg. In keinem Moment ist der Regisseur bereit, die historische Komplexität der Dramaturgie zu opfern. Man muss schon aushalten, dass es in diesem Film keine Zwangsläufigkeiten gibt – dafür aber immer wieder schmerzhafte, widersprüchliche Szenen. Ensslins Vater beispielsweise, der Pfarrer, das wird deutlich, war eher ein Hitler-Gegner. Seine Tochter Gudrun kämpft also nicht gegen ihn, sondern will gewissermaßen sein Werk fortsetzen.

Ursprünglich wollte Veiel das Projekt ablehnen: Es sei doch schon alles gesagt über die RAF. Dann stieß er auf Gerd Koenens Buch „Vesper, Ensslin, Baader – Urszenen des deutschen Terrorismus“ (Fischer Verlag, 10,95 Euro). Aus dieser Vorlage und jahrelangen Recherchen hat er eine Geschichte herausgefiltert, wie sie im Kino so noch nicht zu sehen war.

Gudrun Ensslin wird bald in den terroristischen Untergrund abdriften, Bernward Vesper in den Wahnsinn. Ensslin stirbt 1977 in Stuttgart-Stammheim, Vesper bereits 1971 in der Psychiatrie an einer Überdosis Tabletten. Im Jahr des Todes Ensslins erscheint Vespers essayistisches Romanfragment „Die Reise“, das heute als Nachlass einer ganzen Generation gilt.

Aber das ist nicht mehr das Thema von „Wer wenn nicht wir“. Wir haben etwas anderes gesehen: wie junge Leute immer wieder vor Entscheidungen stehen und die falschen treffen. Dieser Film gehört gewiss zu den interessantesten deutschen Filmen in jüngerer Zeit – und dieser 61. Berlinale.

Kinostart ist am 10. März.

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