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Die Berlinale-Bären: Drei Auszeichnungen gehen in den Iran

Familienpolitik Die Berlinale-Bären: Drei Auszeichnungen gehen in den Iran

Festivaljuroren demonstrieren gerne Unabhängigkeit. Mögen sich Favoriten noch so sehr aufdrängen, sie haben ihren eigenen Kopf. Das gilt auch für das Gremium, das am Sonnabend über die Bären der 61. Internationalen Berliner Filmfestspiele zu entscheiden hatte – allerdings in einem ganz spezifischen Sinn.

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Goldener Bär geht erstmals in den Iran

Bärige Sache: Die Schauspielerinnen Sareh Bayat (von links) und Sarina Farhadi mit Regisseur Asghar Farhadi. Sie alle wurden für „Nader und Simin, Eine Trennung“ ausgezeichnet.

Quelle: dpa

An dem hoch gehandelten iranischen Kandidaten „Nader und Simin, Eine Trennung“ wollten Isabella Rossellini und ihre Mitstreiter gar nicht vorübergehen. Jeder andere Wettbewerbsbeitrag hätte deutlich weniger Gewicht auf die Waagschale gebracht.

Doch legten die Juroren gleich noch zwei Preise auf den Goldenen Bären drauf: Sie vergaben die Darstellerpreise an den iranischen Film, und zwar ensembleweise für die Schauspieler und Schauspielerinnen. So etwas hat es noch nie zuvor in 61 Berlinale-Jahren gegeben. „Wir haben ziemlich einstimmig ausgewählt“, sagte Jurypräsidentin Rossellini später am Abend in Berlin.

Wer mag, kann in diesem Coup eine politische Botschaft sehen. Hier wurde sozusagen das von den Mullahs drangsalierte iranische „Filmvolk“ ausgezeichnet. Genauso hätte es andere preiswürdige Schauspieler gegeben, zum Beispiel Lena Lauzemis, die eine fulminante Gudrun Ensslin im RAF-Film „Wer wenn nicht wir“ hinlegte.

Die Jury aber wollte einen Paukenschlag für jenes Land, in dem die Menschen für ihre Freiheit auf die Straße gehen. Und was wichtig ist: Künstlerisch ist die Entscheidung nachvollziehbar.

Das Familiendrama von Regisseur Asghar Farhadi beginnt als private Trennungsgeschichte eines Ehepaares und weitet den Blick dann immer stärker auf die iranische Gesellschaft. Ehemann Nader (Peyman Moadi) will nicht mit seiner Frau Simin (Leila Hatami) das Land verlassen, sondern bei seinem dementen Vater bleiben. Nun braucht er eine Pflegerin für den alten Mann. Bei einer Auseinandersetzung stürzt die schwangere Hilfskraft, die aus einer armen, religiösen Familie kommt. Nader findet sich vor Gericht wieder, angeklagt wegen Kindstötung.

Verhandelt wird in diesem Film genauso die Auseinandersetzung zwischen Tradition und Moderne, zwischen Reich und Arm, die Rolle von Mann und Frau und auch der Mut zur Wahrheit, den Nader seiner elfjährigen Tochter Termeh (Sarina Farhadi) abfordert, dem er selbst aber nicht genügt. Mehr und mehr verstricken sich die Hauptfiguren in einem Netz aus (Not)Lügen. Der Film bleibt spannend wie ein Krimi.

Im Vorfeld hatte es Irritationen gegeben, ob ein im Iran gedrehter Film zwangsläufig dem Regime zuarbeiten müsse – zumal „Nader und Simin“ Mitte der Woche beim Teheraner Filmfest ausgezeichnet wurde. So leicht lässt sich Kinokunst glücklicherweise nicht manipulieren, wenn ein Regisseur das nötige Geschick mitbringt. Und das hat Farhadi (wie im April auch im hannoverschen Künstlerhaus in seinem vorigen Film „Alles über Elly“ zu sehen sein wird).

Mit Kritik am Iran während der Berlinale ging der 38-Jährige sparsam um, in seiner Dankesrede wurde er deutlich: „Ich möchte an Jafar Panahi erinnern, von dem ich wirklich denke, dass sein Problem gelöst wird. Ich wünsche mir, dass er im nächsten Jahr hier steht.“ Damit hatte sich der Kreis geschlossen: Der iranische Regisseur Panahi war in der Jury eingeladen worden, ist in Teheran aber zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Arbeitsverbot verurteilt worden.

Bei einer solchen Bären-Konzentration litt die Aufmerksamkeit für andere Preisträger. Dabei war die Ausbeute deutscher Regisseur größer als erwartet: Den Regiebären nahm Ulrich Köhler für seinen Entwicklungshelfer-Film „Schlafkrankheit“ entgegen. Den Alfred-Bauer-Preis erhielt Andres Veiel für sein RAF-Drama „Wer wenn nicht wir“. Die Auszeichnung für Köhlers minimalistisches Werk überraschte, doch zeigt sie, wie sehr die Jury persönliche Regiehandschriften schätzte. Dafür spricht auch der Jury-Preis für den Ungarn Béla Tarr. In seinem archaischen Epos „Das Turiner Pferd“ verbirgt sich eine Anti-Schöpfungsgeschichte, angesiedelt in einer windumtosten Hütte, in der ein Kutscher und seine Tochter ihren kargen Alltag fristen. Tarrs Preis dürfte genauso seinem Gesamtwerk gelten, hat er doch angekündigt, seine Kinokarriere zu beenden.

Den Preis für das beste Drehbuch erhielten US-Regisseur Joshua Marston und der gebürtige Albaner Andamion Murataj für „The Forgiveness Of Blood“, einen Film über albanische Blutrache, unter deren Folgen Kinder zu leiden haben. Der Silberne Bär für eine herausragende künstlerische Leistung ging an Kameramann Wojciech Staron und Produktionsdesignerin Bárbara Enríquez für „Der Preis“. Regisseurin Paula Markovitch erzählt darin die autobiografisch inspirierte Geschichte einer Kindheit in der argentinischen Militärdiktatur.

Die Preise garantierten einen versöhnlichen Ausklang der 61. Berlinale, so wie das Festival mit dem tollen Eröffnungswestern „True Grit“ gestartet war. Dazwischen aber lief eine erkleckliche Zahl von enttäuschenden Wettbewerbsfilmen.

Gewinner der 61. Berlinale
Goldener Bär „Jodaeiye Nader az Simin“ (Nader und Simin, Eine Trennung) von Asghar Farhadi (Iran)
Großer Preis der Jury „The Turin Horse“ (Das Turiner Pferd) von Béla Tarr (Ungarn)
Beste Regie Ulrich Köhler (Deutschland) für „Schlafkrankheit“
Beste Darstellerin Gesamtes weibliches Team von „Jodaeiye Nader az Simin“ von Asghar Farhadi (Iran)
Bester Darsteller Gesamtes männliches Team von „Jodaeiye Nader az Simin“ von Asghar Farhadi (Iran)
Herausragende künstlerische Leistung Wojciech Staron (Kamera) und Bárbara Enríquez (Produktionsdesign) für „El Premio“ (Der Preis) von Paula Markovitch (Argentinien/Mexiko)
Bestes Drehbuch Joshua Marston und Andamion Murataj (USA/Albanien) für „The Forgiveness Of Blood“ (Blutrache)
Alfred-Bauer-Preis „Wer wenn nicht wir“ von Andres Veiel (Deutschland)
 
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Das Scheidungsdrama „Nader und Simin, Eine Trennung“ hat den Goldenen Bären gewonnen.

Der Goldene Bär der Internationalen Filmfestspiele Berlin ist zum ersten Mal an einen Film aus dem Iran verliehen worden. Auch die Darstellerpreise gingen dorthin. Zwei Trophäen gab es für die Deutschen.

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