Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 1 ° Schneeregen

Navigation:
Iranischer Film geht als Favorit ins Berlinale-Finale

Bären-Vergabe Iranischer Film geht als Favorit ins Berlinale-Finale

Der iranische Film „Nader and Simin, A Separation“ ist der eindrucksvollste Film der Berlinale - und gilt als Favorit für einen der Berliner Bären. Insgesamt hat die Attraktivität des Wettbewerbs aber abgenommen - gezeigt wurde viel Mittelmaß.

Voriger Artikel
Armin Mueller-Stahl erhält Goldenen Ehrenbär für sein Lebenswerk
Nächster Artikel
Goldener Bär geht erstmals in den Iran

Eine Scheidung im Iran: Szene aus dem Film „Nader and Simin, A Separation“ mit Peyman Moadi (links).

Quelle: Berlinale

Diese 61. Berlinale ist grün – und das nicht nur wegen all der Anstrengungen in Sachen Umweltschutz: Ein Ökostromanbieter versorgt das Festival mit Energie, ein Freiburger Ökoinstitut will die CO2-Bilanz des Festivals verbessern helfen, und erstmals besteht die in der ganzen Stadt begehrte Berlinale-Umhängetasche aus Stoff.

Grün aber ist diese Berlinale vor allem, weil dies die Farbe der iranischen Revolution ist – und die ist bis in die Kinos am Potsdamer Platz vorgedrungen. Auch am Samstag bei der Preisgala dürfte an den verurteilten iranischen Regisseur Jafar Panahi erinnert werden, der in der Jury hätte sitzen sollen. Nach den Solidaritätserklärungen in Cannes im vergangenen Mai wurde Panahi vorübergehend aus dem Gefängnis entlassen. Aber die Zeiten haben sich geändert. Das iranische Regime fürchtet das eigene Volk mehr als je zuvor. Auf Nachgiebigkeit ist kaum zu hoffen.

So muss man sich an Panahis nach Berlin übermittelten Wunsch halten: „Ich wünsche mir, dass meine Regiegefährten in jedem Winkel der Welt so großartige Filme schaffen, dass ich, wenn ich das Gefängnis verlasse, begeistert sein werde, in jener Welt weiterzuleben.“ Daran gemessen fällt der Rückblick auf die 61. Internationalen Filmfestspiele durchwachsen aus.

Der eindrucksvollste Wettbewerbsbeitrag kam aus dem Iran selbst: „Nader and Simin, A Separation“. Subtil webt der Regisseur Asghar Farhadi in seine dramatisch zugespitzte Scheidungsgeschichte die moralischen Alltagszwänge im Iran ein, ohne sich jedoch direkt in die Politik einzumischen.

Man hätte sich mehr von solch vielschichtigen Dramen gewünscht. Einige Regisseure erzählten jedoch so minimalistisch, dass kaum noch etwas von der Geschichte übrig blieb. All die mehr oder weniger um sich selbst kreisenden Paarbeziehungen hatten etwas Lähmendes, egal ob sie aus der Türkei („Our Grand Despair“), Argentinien („Rätselhafte Welt“) oder Südkorea („Kommt Regen, kommt Sonnenschein“) stammten.

Kunstfilmer Béla Tarr trieb den minimalistischen Ansatz in „Das Turiner Pferd“ ins Extrem. Der Ungar verlegte die umgekehrte Schöpfungsgeschichte in eine windgepeitschte Hütte und stellte den Zuschauer auf eine Geduldsprobe: Es sind karge zweieinhalb Stunden in Schwarz-Weiß, bis es am siebten Tag dunkel wird auf der Leinwand. Nach der Vorführung erklärte Tarr seine Karriere für beendet: Er habe dem Kino nichts weiter hinzuzufügen. Das ist immerhin mal eine Haltung.

Auch die US-Multikünstlerin Miranda July blieb mit ihrer verschroben-poetischen Liebesgeschichte „The Future“ (erzählt aus Katzensicht!) hinter den Erwartungen zurück. Da freute man sich am Freitag über das albanische Blutrachedrama „The Forgiveness of Blood“ von US-Regisseur Joshua Marston. Denn hier ging es mal wieder um etwas – ums Überleben der Kinder, die in den Strudel der Männergewalt gezogen werden.

Prominente Regisseure waren rar im Programm. Die Attraktivität des Berlinale-Wettbewerbs hat offenkundig abgenommen, was auch mit der immer härteren Konkurrenz weltweit zu tun hat. Festivalchef Dieter Kosslick hat aus der Not Kapital zu schlagen versucht, indem er auf Debütanten zurückgriff und dies als Entdeckerlust deklarierte. Funktioniert hat das nicht.

Erfolgreicher war Kosslick damit, sich an die Spitze der 3-D-Bewegung zu setzen. Allein drei Wettbewerbsfilme an einem Tag demonstrierten, dass sich das dreidimensionale Kino nicht in Action und Animation erschöpft. Mit seinem Tanzfilm „Pina“ hat Wenders 3-D fürs Dokumentarische geöffnet.

Ein unbefriedigender Wettbewerb ist jedoch keinesfalls mit einer schwachen Berlinale gleichzusetzen. Das Festival bietet so viele Attraktionen – von der Nachwuchsveranstaltung „Talent Campus“ über die Kinomesse „European Film Market“ bis hin zu Stars außerhalb der Konkurrenz (Jeff Bridges! Colin Firth! Harry Belafonte!). Der Publikumsansturm war wie immer enorm: 300 000 Karten wurden verkauft.

Ob nur die 61. Berlinale an einer Formschwäche litt oder der Festivalzirkus insgesamt an Schwung verliert, wird sich im Mai in Cannes zeigen. Spätestens dann müssten ja all die großen Namen auftauchen, die in Berlin vermisst wurden. Wenn die Auguren recht haben, darf man sich schon jetzt freuen auf den mysteriösen Terrence Malick mit „The Tree of Life“, David Cronenbergs „A Dangerous Method“ über die Beziehung zwischen Sigmund Freud und C. G. Jung, Lars Von Triers „Melancholia“ oder Nanni Morettis Papstfilm „Habemus Papam“.

Am Samstagabend aber werden erst einmal die Berliner Bären vergeben. Dem Iraner Farhadi ist eine Auszeichnung so gut wie sicher. Von den deutschen Kandidaten dürfte die bislang wenig bekannte Lena Lauzemis als Gudrun Ensslin im Terroristenliebesfilm „Wer wenn nicht wir“ die größten Bären-Chancen haben. Es ist an Jurypräsidentin Isabella Rosselini, die preiswürdigen Werke herauszupicken.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Schauspieler
Der Schauspieler Armin Mueller-Stahl wird bei der Berlinale für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Im Alter von 80 Jahren erhält Armin Mueller-Stahl den Goldenen Ehrenbär für sein Lebenswerk: Die Berlinale ehrt den Schauspieler damit als außergewöhnliche Persönlichkeit des Weltkinos. Als einer der wenigen deutschen Schauspieler erlangte Mueller-Stahl Weltruhm.

mehr
Mehr aus Die 61. Berlinale