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Die 61. Berlinale Wim Wenders ehrt Pina Bausch mit 3-D-Dokumentation
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09:52 12.02.2011
Von Stefan Stosch
Das Ensemble von Pina Bausch beschreitet mit Wim Wenders neue Pfade. Quelle: Berlinale

Als die Nachricht vom Tod der Pina Bausch eintraf, schien das Projekt beendet, gerade als es endlich beginnen sollte. Der erste Dreh stand damals, Ende Juni 2009, unmittelbar bevor, doch plötzlich war alles sinnlos – und das in dem Moment, in dem die neue 3-D-Technik die Chance eröffnete, Tanz so zu filmen, wie ihn noch nie zuvor jemand gefilmt hatte. „Ich habe den Film abgeblasen“, sagt Wim Wenders. Der Regisseur sitzt in einem Berliner Hotel, nimmt die Brille mit dem blauen Gestell ab und reibt sich müde über die Augen. Die Erinnerung an diesen Tag scheint ihn noch einmal einzuholen.

„Es war Pinas Ensemble, das mich schließlich drängte, trotz allem weiterzumachen“, sagt er. „Die Tänzer haben mich daran erinnert, dass es Pinas dringender Wunsch war, ihre Stücke zu filmen. Deshalb hatte das Ensemble ja noch einmal ,Café Müller‘, ,Le Sacre du Printemps‘, ,Vollmond‘ und ,Kontakthof‘ einstudiert und in den Spielplan aufgenommen.“ Pina Bausch wollte, dass ihre über Jahrzehnte erarbeiteten Inszenierungen der Nachwelt erhalten bleiben. Also machte Wenders weiter. Nun inszenierte er keinen Film mit Bausch, sondern einen für sie. Das Ergebnis ist am Sonntag bei der Berlinale zu sehen. „Das halbe Ensemble wird dabei sein – die andere Hälfte steht gerade in Mailand auf der Bühne“, sagt Wenders. „Die spielen dort ,Vollmond‘, wenn wir hier unsere Premiere haben.“

Pina“ heißt sein Film. Ganz einfach. Aber einfach war es nicht. Wie macht man einen Film über jemanden, der gar nicht mehr dabei sein kann? „Ich hatte keinen Plan für diesen Fall“, sagt Wenders. Klar, Ausschnitte aus den Stücken waren fest eingeplant, aber sie allein machten ja noch keinen Film aus.

Dann sei die Lösung plötzlich offenkundig gewesen: „Ich habe mit Pinas eigener Methode gearbeitet. Ich habe die Tänzer nach Pina befragt, und sie haben geantwortet – mit ihrem Körper, mit getanzten Gefühlen.“ Noch einmal improvisierten sie für ihre Tanzlehrerin, so wie sie es stets unter deren Augen getan hatten – aber nicht auf der Bühne, sondern auf Straßenkreuzungen, in der ­Wuppertaler Schwebebahn, in alten ­Fabriken.

Bald zwei Jahrzehnte lang hatten Pina Bausch und Wim Wenders gemeinsam von diesem Film geträumt. Doch Wenders traute sich nicht. Der begeisterte Anhänger neuer Kinotechnik, der sich mit „Buena Vista Social Club“ schon Ende der neunziger Jahre als Pionier des digitalen Filmens gezeigt hatte, wartete auf neue Möglichkeiten. Und dann wurde das digitale 3-D erfunden. Wenders sah bei den Filmfestspielen in Cannes 2007 den Konzertfilm „U 2 3-D“ – und rief Pina Bausch an: „Jetzt weiß ich, wie es geht.“

Plötzlich ergab sich ein neuer Zugriff auf die Wirklichkeit. Die Tür in eine neue Dimension war aufgestoßen, die Realität anders darstell- und wahrnehmbar. Beinahe jedenfalls: „Schauen Sie mal genau hin: Sogar beim 3-D-Meisterstück ,Avatar‘ sind die Bewegungsabläufe der echten Menschen noch eckig, nicht wirklich elegant. Die animierten Wesen vom anderen Stern sind viel überzeugender.“ Gerne hätte Wenders, genau wie schon „Avatar“-Regisseur James Cameron vor ihm, mit 50 Bildern pro Sekunde gedreht. „Aber den Film hätten wir in keinem Kino der Welt abspielen können.“ Überall sind die Projektoren auf 24 Bilder ausgelegt.

Waren die Dreharbeiten bei diesem Projekt für Pina ohne Pina schmerzhaft? „Ich glaube, es hat allen Beteiligten gutgetan. Wir konnten dabei über Pina nachdenken, uns an sie erinnern.“ Und in Bauschs Sinn sei es gewiss auch gewesen: „Pina selbst hat die lustigsten Stücke in ihren traurigsten Zeiten inszeniert. Was wir in Deutschland so schön Trauerarbeit nennen, bedeutet ja nicht unbedingt, dass es auch traurige Arbeit ist.“

Im Wuppertaler Tanztheater geht die Arbeit inzwischen weiter. „Das Ensemble hat sich berappelt“, sagt Wenders. „Die Tänzer wissen, welchen Schatz sie da hüten. Nur sie können diese Stücke aufführen. Die jungen Leute haben die Verantwortung übernommen.“

Eine 3-D-Kostprobe von Pinas Schatz zeigt nun die Berlinale. Die Kamera schlüpft in Pina Bauschs Rolle und wird trotz aller Kinokunst doch deren Blick nie ganz ersetzen können. Wenders hat diesen besonderen Blick bei der Trauerfeier in Wuppertal beschrieben. In der Rede für seine tote Freundin sagte er: „Pina hat mit dem Herzen gesehen, bis zur Verausgabung. Sie hat mit ihrer Gabe nicht hausgehalten. Ihr Blick war dabei immer auch streng. So liebevoll er war, so kritisch war er auch. Aber eben behütend, nicht entlarvend. Nie richtend, sondern aufrichtend.“

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