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Eurovision Song Contest 2012 Baku 2012: Zwischen Pop und Propaganda
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13:49 19.01.2012
Von Imre Grimm
Eine Stadt putzt sich heraus: In Baku, der Hauptstadt der früheren Sowjetrepublik Aserbaidschan, entstehen moderne Hochhäuser. Quelle: dpa
Baku/Köln

Sie sprühten leuchtend grüne Farbe auf vertrocknete Rasenflächen. Sie schafften Obdachlose aus der Stadt und zogen milliardenteure Prestigebauten hoch. Sie steckten Soldaten in Windeln, damit sie während der stundenlangen Eröffnungszeremonien nicht zur Toilette mussten. Sie ließen ein junges Mädchen vor rund zwei Milliarden Fernsehzuschauern zu Playback den Mund bewegen, weil ihnen die eigentliche Sängerin nicht hübsch genug war. Sie machten aus dem größten Sportevent der Welt eine atemberaubende Propagandashow. Knapp vier Jahre ist das her. Olympia 2008 in Peking.

Nun steht Europa ein ähnliches medial-politisch-kulturelles Experiment ins Haus: Im Mai landet das bunt schillernde Grand-Prix-Raumschiff in Aserbaidschan, jenem vergessenen Land am Kaspischen Meer. Und für die Regierung des autoritär herrschenden Staatschefs Ilcham Alijew ist der Eurovision Song Contest 2012 die wichtigste Veranstaltung der jüngeren Geschichte.

Für ein paar Tage wird die Hauptstadt Baku der Nabel der europäischen Popwelt sein. Die deutsche Baufirma Alpine Bau zieht derzeit in nur acht Monaten eine nagelneue Arena am Platz der Staatsflagge hoch, finanziert mit Millionen aus der Ölförderung. In der „Baku Crystal Hall“ finden 23 000 Zuschauer Platz. Vor sechs Tagen besichtige das Präsidentenpaar mit großem Zinnober die Baustelle. Mehriban Aliyeva, die immer etwas offensiv geschminkte Präsidentengattin, zeigte sich zufrieden. Sie ist Chefin des Organisationskomitees. Rund eine Milliarde Euro soll das Land den ESC kosten lassen.

Es wird ein Balanceakt werden: Verschafft die European Broadcasting Union (EBU) als ESC-Veranstalter dem Autokraten Alijew mit der bunten Show im Mai eine willkommene Bühne zur Aufpolierung des Images? Oder könnte es gar gelingen, das Land durch die Show ein wenig näher an westliche politische Standards heranzuführen? Die Scheinwerfer der Medienwelt kreisen derzeit irgendwo Mitte links über der Weltkarte, sie suchen noch. Die westlichen Journalisten nähern sich dem mysteriösen Staat zumeist mit einer Mischung aus herablassender Nachsicht und Hilflosigkeit. So schreibt die Deutsche Presse-Agentur: „Viele der rund neun Millionen Aserbaidschaner haben sich eine gewisse ländliche Arglosigkeit bewahrt. Freunde opulenter Fleischgerichte und vorzüglich gebrannter Spirituosen werden eine Reise in das Land auf jeden Fall genießen können.“ Was soll das bitte bedeuten? Die sind alle ein bisschen seltsam, aber dafür gibt’s ordentlich zu trinken?

Das Problem ist: Der ESC gibt sich gern unpolitisch, aber diesmal funktioniert das nicht. Alijew und seiner Führungsclique werden schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Der Staat kontrolliert die Medien, Oppositionelle werden unterdrückt. Nur eine Handvoll Blogger und Journalisten wagten es, sich gegen das Regime zu stellen, heißt es bei Reporter ohne Grenzen. Es herrsche ein „Klima der Angst“. Die Organisation führt Aserbaidschan auf ihrer Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 152 – weit hinter Angola, Kambodscha, dem Irak oder Afghanistan. Auch 2011 prügelte die Polizei Demonstranten zusammen, die gegen Alijews Regime zu demonstrieren versuchten.

„Das Gastgeberland des ESC versucht, jede kritische Stimme zum Schweigen zu bringen“, sagt Tim Schröder von Amnesty International. Volker Beck, Menschenrechtsexperte der Grünen im Bundestag, nennt Aserbaidschan „eine Diktatur, in der Oppositionelle und kritische Journalisten gnadenlos verfolgt werden und Homosexuelle schwere Diskriminierungen erleiden“. Fazit: „Baku ist eigentlich der falsche Ort für eine unbeschwerte Party.“

So ähnlich denken auch viele ESC-Fans. In der Szene werde heftig um das Für und Wider einer Reise nach Baku gerungen, sagt Klaus Woryna, Präsident des ESC-Fanclubs OGAE Germany. „Es läuft eine intensive Debatte. Viele wollen nicht in ein solches Land fahren, andere sagen: Jetzt erst recht.“ Und Markus Löning, Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung, sagt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass man Lieder trällern kann, während ein paar Kilometer weiter Leute ohne Grund im Gefängnis sitzen. Aserbaidschan soll nicht nur modern tun, sondern sich auch modern verhalten.“ Homosexualität etwa ist zwar seit 2000 offiziell erlaubt, das gesellschaftliche Klima freilich sieht anders aus: Nulltoleranz. „Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Polizei ein homosexuelles Paar festsetzt und erst gegen Zahlung eines Geldbetrages wieder auf freien Fuß setzt“, warnt das Auswärtige Amt in Berlin offiziell.

Was ist die Konsequenz? Fernbleiben? An Boykott denkt keiner der 43 Teilnehmer. Protestaktionen auf der Bühne? Nicht ausgeschlossen. Die Staatsführung hat der EBU versichert, dass ausländische Medien während des ESC in Baku frei berichten könnten. Überhaupt sendet das Land Signale der Beschwichtigung: So wurde der Blogger Ejnulla Fatullajew nach vier Jahren Gefängnis entlassen. Er war 2007 wegen „Anstachelung zu nationalem Hass“ zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt worden.

Der ESC sei die einzige Chance, das Land bekannt zu machen, hieß es in der Aserbaidschanischen Botschaft in Berlin. Und für das Land geht es um noch mehr als den ESC: Baku bewirbt sich um die Olympischen Sommerspiele 2020. Am 23. Mai, drei Tage vor dem ESC-Finale, will das Internationale Olympische Komitee mitteilen, ob die Stadt offiziell in die Riege der Kandidatenstädte aufgenommen wird. Da gibt man sich gern mal für ein paar Tage ein wenig lockerer. „Die Frage wird nicht sein: Was passiert in diesen zwei Wochen“, sagt ESC-Fanpräsident Woryna. „Die Frage wird sein: Was passiert danach?“

Die Vorbereitungen haben begonnen. Tierschützer kritisieren, dass derzeit in Baku streunende Hunde erschossen und entsorgt würden. Noch vier Monate.

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